06.01.2004 · Das neue Image des Wandelbaren: Guido Westerwelle, der zuletzt nur noch nur noch „Grundsatzreden" hielt, gibt sich auch auf dem Dreikönigstreffen der FDP ernster und erfahrener.
Von Peter Carstens, StuttgartEin Richtungsirrtum? Die Freien Demokraten wollten Volkspartei werden und unbedingt auf achtzehn Prozent der Stimmen kommen. Statt dessen ging es andersherum. Die Volksparteien sehen sich als „liberale" Bewegungen, die SPD sinkt immer mehr in die Nähe der FDP-Traumprozente herab, und der CDU-Politiker Merz präsentiert ganz ungeniert ein Steuerkonzept, das dem sieben Jahre alten Entwurf von Otto Solms (FDP) ziemlich ähnlich ist.
Auch der Dreikönigstag ist nicht mehr, was er war. Denn er war ein liberales Monopol. Während anderswo die Politiker noch saßen und ruhten, da tanzten die Liberalen in Stuttgarter Ballnacht und redeten am Dreikönigstag die FDP-Vorsitzenden und -Minister der Partei und dem Land ins Gewissen. Eigentlich hatte die FDP am 7. Januar die erste Seite der Zeitungen so gut wie sicher. Doch nun: Kreuth, Weimar, Wörlitz, Hamburg - CSU, SPD, Grüne und CDU tagen zu Jahresbeginn um die Wette, und am Ende gilt die alte Gewichtverteilung: große Aufmerksamkeit den Großen, kleinere den Kleinen.
Aus der Lethargie erwacht
Diese Mißlichkeiten sind für Guido Westerwelle jedoch das kleinere Problem. Schwerer wog für ihn die Last, an einen kühlen Ort zurückzukehren. Denn im vergangenen Jahr war ihm im Stuttgarter Staatstheater bei seiner Rede nichts eingefallen, und dafür wie für alle Verfehlungen des Wahlherbstes war er mit schwerhändigem Höflichkeitsbeifall bedacht worden. Nun aber der neue Westerwelle. Aus der Lethargie erwacht, ernster geworden, gelernt habend und doch jungenhaft geblieben - das ist in etwa das neue Image des Wandelbaren, der in den vergangenen Wochen gar keine normalen Ansprachen mehr gehalten hat, sondern nur noch „Grundsatzreden".
So auch in Stuttgart. Dafür hat Westerwelle sogar auf den Großteil des Ballabends in der Alten Reithalle verzichtet, hat kaum die enggeschnürten Kleider der badischen Schönheiten und die fastnachtliche Heiterkeit seiner Stammlandsliberalen genießen können. Schon gegen halb elf verschwand der Parteivorsitzende, „um an seiner Rede zu feilen", wie es bedeutungsvoll hieß. Wer öfters dort war, weiß, das Westerwelle es nie lange aushält in der behäbigen Ballbürgerlichkeit der Baden-Württemberger und den "Ehrentisch" am Rande der Tanzfläche verläßt, noch ehe "Amorados Showband" den Disco-Sound der siebziger Jahre zu reifstem Klange gebracht hat.
Wenig Neues, bestenfalls Varianten
Die Nachtarbeit des Vorsitzenden hat sich insofern gelohnt, als Westerwelles Mitarbeiter am Dreikönigsmorgen zehn engbeschriebene Seiten verteilen konnten. Darin stand wenig Neues, bestenfalls Varianten früherer Positionsschriften und des Anfang Januar verschickten „Dreikönigsbriefes". Zudem noch sprach der Landesvorsitzende von Baden-Württemberg, Döring, in seiner langen, von ihm selbst sichtlich genossenen Begrüßungsansprache im Stuttgarter Staatstheater am Dreikönigsmorgen bereits alle Chefthemen (Steuern, Subventionen, Bildung, Krankenversicherung) an. Westerwelle hatte den Ausführungen seines Kritikers anfangs freundlich lächelnd gelauscht, später aber immer weniger lächelnd. Man konnte förmlich sehen, wie er Absätze seiner Rede in Gedanken kürzte oder strich.
Als Westerwelle dann nach langem Warten (Koch-Mehrin, Pieper und Gerhardt kamen auch noch zu Wort) endlich ans Rednerpult auf der Theaterbühne treten konnte, da war vieles schon gesagt, und doch wartete der Saal gespannt darauf, wie Westerwelle sich präsentieren würde: Der Vorsitzende wählte einen Auftritt als liberale Dampflok und donnerte mit rhetorischer Höchstgeschwindigkeit über die ausgefahrenen Gleise seiner Vorredner. Nichts Neues, aber sehr engagiert vorgebracht, so lautete das nüchterne Fazit. Doch für Nüchternheiten kommen der und die Liberale nicht zum Dreikönig. Sie wollten sehen, wie er denn nun inzwischen geworden, ihr Parteivorsitzender.
Humorvoller Ernst ist mein Gewand, so lautete die Botschaft. Westerwelle machte dieselben Witzchen wie ehedem, aber im Unterschied zum vergangenen Jahr wurde auch wieder darüber gelacht, der Parteivorsitzende ist wieder mehr getragen als geduldet von seinen liberalen Parteifreunden. Das spürte er während seiner Rede, geriet ins Improvisieren und zuweilen an den Rand der Albernheit. Hier fiel was ab von einem, der sich lange nur noch krampfhaft um Heiterkeit bemüht hatte. Außerdem warf er einige Speere ins Fleisch der Regierungsparteien, auch dafür bekam er Applaus.