22.06.2006 · Jahrzehntelange Fehleinschätzungen in der Personal- und Finanzplanung haben in der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) zu einer dramatischen Finanzsituation geführt.
Jahrzehntelange Fehleinschätzungen in der Personal- und Finanzplanung haben in der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) zu einer dramatischen Finanzsituation geführt. Mit einem eindringlichen Appell hat der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, Gemeindeleitungen, Pfarrer und Angestellte der Kirche am Donnerstag dazu aufgefordert, sich auf weitreichende Kürzungen einzustellen.
„Wir müssen nun die Realitäten anerkennen und unsere Kirche auf allen Ebenen zurückbauen“, sagte der Präses der viertgrößten Kirche in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Dabei werde die Solidarität in der Landeskirche „auf eine harte Probe“ gestellt. Die kommende Landessynode müsse über weitere Gehaltskürzungen für Pfarrer entscheiden, auch Arbeitsplätze von Mitarbeitern seien gefährdet. Geplant sei ein Kirchenbeitrag für Rentner, der allerdings sozialverträglich gestaltet werden soll. Hauptursache für die negative Finanzentwicklung ist nach Angaben des Präses der Mitgliederrückgang. Die geringeren Einnahmen aus der Kirchensteuer könnten „nicht annähernd“ durch andere Mittel ausgeglichen werden. In den vergangenen 25 Jahren hätten etwa 400000 (20 Prozent) Getaufte ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Im etwa gleichen Zeitraum sei die Zahl der kirchlichen Mitarbeiter um fast 90 Prozent erhöht worden.
Die westfälische Kirche habe im Jahr 2000 zwar mit verminderten Einnahmen gerechnet, die allerdings früher eingetreten seien als erwartet. Als Gründe hierfür nennt Präses Buß neben dem Mitgliederschwund auch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und die Steuerpolitik des Bundes. Hinzu kämen allerdings „hausgemachte“ Ursachen. So weise die Pensionskasse für Pfarrer „erhebliche Deckungslücken“ auf. Auch seien die Rückzahlungsverpflichtungen aus dem Verrechnungsverfahren der Kirchenlohnsteuer an die westfälische Kirche in zweistelliger Millionenhöhe weit höher als erwartet. Dieses „Clearing“ ist ein Abrechnungsverfahren innerhalb der EKD, das den Unterschied zwischen Wohn- und Arbeitsort der Kirchensteuer zahlenden Mitglieder ausgleicht. Da solche Abrechnungen über viele Jahre zu Einnahmen geführt hätten, habe die Landeskirche es lange versäumt, ausreichende Rücklagen zu bilden. „Der Rückbau muß in noch schärferem Tempo vollzogen werden. Dies hat vielerorts Verständnislosigkeit und Ärger hervorgerufen“, sagte Buß.
Der Präses erwartet, daß sich die Situation der westfälischen Kirche in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen wird. Im Jahr 2020 werde sie „bedeutend weniger Mitglieder, Kirchen und Gemeindehäuser“ haben. Statt gegenwärtig 2100 würden dann nur noch etwa 1200 Pfarrer arbeiten.