Man sollte die Menschenwürde aus dem Grundgesetz streichen. Zu altväterlich erscheint dieses Prinzip angesichts der Entwicklung moderner Medizin. Der Mensch kann mit zivilisierten, wissenschaftlich fundierten Mitteln über Anfang und Ende des Lebens verfügen. Die Funktion menschlichen Lebens wird neu definiert. Da scheint wenig Raum für archaische Prinzipien.
Die Erste Kammer des niederländischen Parlaments in Den Haag hat am Dienstag ein Gesetz beschlossen, dass aktive Sterbehilfe in Holland gesetzlich erlaubt. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wird legalisiert, was lange schon geschieht: Menschen sterben, weil sie danach verlangen und Ärzte ihren Tod unterstützen. Der Staat kontrolliert den Rahmen solchen Sterbens.
Selbst verantwortlich
Fragt man, welches Recht es dem Einzelnen überlässt, ob er Leben oder Sterben und für Zweites die Hilfe eines anderen in Anspruch nehmen will, erhält man in den Niederlanden eine klassische Antwort: Der Mensch ist für sich selbst verantwortlich und deshalb steht ihm das Recht auf Selbstbestimmtheit zu. Der Staat muss ihn dabei unterstützen, gegebenenfalls einen Arzt an die Seite stellen.
Auf dieses Recht hat sich auch Nicolas Perruche berufen. Der siebzehn Jahre alte Franzose ist schwerstbehindert, weil seine Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankte und ein Arzt, statt den Embryo abzutreiben, keine krankhaften Veränderungen diagnostizierte. So wurde Nicolas geboren. Das oberste Gericht Frankreichs sprach Nicolas nun am Ende des acht Jahre währenden Rechtstreits eine Entschädigung dafür zu, dass er als Schwerstbehinderter überhaupt leben muss.
Erfülltes Leben
Beide Ereignisse, unter den Stichworten Euthanasie und Eugenik geführt, fordern eine Antwort der Ethik, auch der Politik. Denn beide Phänomene sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. In beidem zeigt sich ein auf die Spitze getriebener Individualismus. Der Einzelne will selbst über sein Leben entscheiden; nicht nur darüber, was er anzieht, isst, lernt, studiert, arbeitet, sondern auch darüber, in welcher körperlichen Verfassung er lebt. Gesundheit wird zum Gütesiegel für Lebensqualität. Wenn sie nicht gewährleistet ist, stirbt man lieber, oder hätte besser gar nicht erst gelebt.
Die Anhänger der niederländischen Euthanasiebewegung, auch die Eltern von Nicolas Perruche, sind keine menschenverachtenden Wesen. Ihnen geht es darum, ihren Klienten, ihrem Sohn ein glückliches, erfülltes Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Dazu gehören ein entsprechender Start ins Leben und ein ebensolches Lebensende.
Was Glück ausmacht
An die Stelle metaphysischer und religiöser Argumente, die lange Zeit definierten, was Glück ausmacht, treten aber neue Ideale: Freiheit, Gesundheit, Leistung, Effizienz. Der Anspruch wächst, von Anblick und Nähe kranker Menschen verschont zu bleiben; zumal die medizinischen Voraussetzungen dazu, dies durchzusetzen, weitgehend gegeben sind. Gleichzeitig zieht sich die Gesellschaft aus ihrer Verantwortung für das Individuum zurück. Denn wenn jeder für sich selbst zuständig ist, muss und darf ich mich dann im moralischen Sinne um einen anderen kümmern? In den Niederlanden nennt man es Toleranz, wenn jeder tun darf, was er will, solange er nicht die existenziellen Grundlagen eines anderen berührt. Ein manchmal überzogenes Prinzip, das aber zumindest die Schattenseiten des Lebens beim Namen nennt.
Leben und Tod
Die Klage über eine sich entsolidarisierende Gesellschaft ist nicht neu. Aber bisher ging es nicht um Leben und Tod. Im Gewand moderner Wissenschaft entsteht ein kontrollierendes Element, dass die oft beschworene Freiheit in ihrem Grund beschränken könnte. Mit der Frage der Sterbehilfe wie der Debatte einer neuen Eugenik diskutiert die Gesellschaft den Wert des einzelnen Lebens. Das hatten die Väter des Grundgesetzes der Verfügungsgewalt der Allgemeinheit entzogen, als sie als wichtigstes Prinzip in die Verfassung schrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Wenn niederländische Befürworter der Sterbehilfe über ihre Gegner sprechen, nennen sie oft konservative christliche, vor allem katholische Gruppen, die sich darauf berufen, dass Gott der Herr des Lebens sei und über Anfang und Ende bestimme. Man mag das belächeln, aber auch eine säkularisierte Gesellschaft muss sich Gedanken über erste und letzte Dinge machen. Die können nicht alleine durch die Funktion eines Menschenlebens bestimmt werden. Sonst ist es mit der erfüllten, selbstbestimmten Existenz, die das Grundgesetz schützen soll, bald nicht mehr weit her.