27.07.2007 · Im Wintersemester 1971/72 stellte sich Günter Nonnenmacher seinem Professor Dolf Sternberger vor. Er erlebte ihn als einen der Empirie zugewandten Theoretiker, teilte mit ihm die Einsicht in die Unverzichtbarkeit des abschließenden Werturteils und die Lust am Zigarettenschnorren.
Von Günter NonnenmacherIn den frühen siebziger Jahren war es üblich, dass ein Student, der sich in das Ober- oder Hauptseminar eines Professors einschreiben wollte, zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch in die Sprechstunde kam - so hielt es an der Universität Heidelberg Dolf Sternberger, Ordinarius für Politische Wissenschaften, dessen Veranstaltung ich besuchen wollte. Als ich im Wintersemester 1971/72, nach drei Semestern Freiburg und zweien in Frankfurt, nach Heidelberg kam, war also mein erster Termin dieses Gespräch.
In seinem vergleichsweise spartanisch eingerichteten, nicht sonderlich großen Dienstzimmer kramte Sternberger nach Begrüßung und Vorstellung eine Zigarette der Marke „Kent“ - zu erkennen am weißen Filter - hervor, worauf ich mir erlaubte, eine meiner filterlosen „Gauloises“ anzustecken. Prompt kam die Frage: „Darf ich eine von Ihren schnorren?“, und so ist das dann geblieben in den Sitzungen seines Oberseminars, welches das Thema „Theorie und Geschichte der gemischten Verfassung“ behandelte.
Im Übrigen hatte das Gespräch dann keinerlei Prüfungscharakter: Nach meinem Bericht, wo ich bisher studiert und über welche Themen ich dabei gearbeitet hatte, ging es schnell in das Persönliche. Weil ich mit einer Französin verheiratet war („Sie sind doch noch ziemlich jung?“), sollte ich im Seminar ein Referat über die Frage halten, ob man die Verfassung der französischen Fünften Republik als eine „gemischte“ charakterisieren könne.
Erfahrungen sammeln
Was die Theorie der gemischten Verfassung anging, handelten die Seminarvorträge, die später als Hausarbeiten ausformuliert werden mussten, in den ersten Wochen von der Entstehung und Ausarbeitung dieses Konzepts bei Aristoteles, dem griechisch-römischen Historiker Polybios, dann bei Thomas von Aquin und Marsilius von Padua. Kein Wort wurde darüber verloren, wie man sich seinem Thema „methodisch“ nähern solle. Bis dahin waren die üblichen Einführungsdiskussionen über Methodisches, die ich kennengelernt hatte, auf die in den Lehrbüchern festgelegte Unterscheidung zwischen einer „empirisch-analytisch“ ausgerichteten Politikwissenschaft, einer „normativ-ontologischen“ und einer „kritischen“ hinausgelaufen - Sternberger wurde in dieser Trias der „normativ-ontologischen“ Schule zugerechnet.
Dolf Sternberger führte solche Debatten nicht, er lehnte sie ab, er verachtete sie sogar. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Politische Wissenschaft „empirisch“ sei, also Erfahrungen sammeln und aus ihnen lernen müsse, um zu Erkenntnissen über die politische Wirklichkeit zu kommen. Wenn sie nicht kritisch sei, pflegte er zu sagen, sei sie gar keine Wissenschaft. Und normativ sei die Politische Wissenschaft allerdings in dem Sinn, dass sie am Schluss bewerten, zu einem Urteil kommen müsse über richtig und falsch, über gut und schlecht oder böse. Die wenigen Male, die ich Sternberger im Seminar unwirsch erlebt habe, hatten ihren Grund in der Unfähigkeit oder in dem Unwillen des Referenten, zu einer abschließenden Bewertung zu kommen. Da nützte auch das als Entschuldigung vorgetragene Postulat Max Webers von der „Wertfreiheit“ der Wissenschaft nichts; Politik als praktische Wissenschaft, so wie Sternberger sie verstand, verfehlte ihr Ziel, wenn sie nicht zu einem Urteil kam.
Bei dem Zurückgreifen auf „Klassiker“ - auf Platon, Aristoteles, Machiavelli, Hobbes, Locke, Thomas Paine, Max Weber oder Carl Schmitt - und auf klassische Konzepte wie die gemischte Verfassung oder das Repräsentativsystem des englischen Parlamentarismus ging es für Sternberger um eine Vergewisserung über den Ursprung von Ideen oder Institutionen, um eine Propädeutik. Denn er nahm diese Gedanken, Institutionen oder Verfahren dann, bildlich gesprochen, in die Hand, drehte und wendete sie mit der Absicht, neue Ansichten zu gewinnen oder alte, vergessene oder verschüttete Motive an ihnen wiederzuentdecken.
Vertrauen bilden
Am Beispiel des lange vergessenen Konzepts der gemischten Verfassung etwa wollte er Widersprüche oder Ungereimtheiten der modernen Demokratie (einen hatte er selbst im Titel eines Aufsatzes benannt: „Nicht alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“) erklären und auch legitimieren: historisch, so hieß seine These, haben sich in den modernen Verfassungsstaaten monarchische, aristokratische und demokratische Elemente aus guten Gründen vermischt und überlagert, ebenso wie in den modernen Repräsentativsystemen Elemente der älteren ständischen Verfasstheit präsent bleiben. Diese Reibungsflächen bietende Vermischung verschiedener Traditionsstränge war für ihn „lebende Verfassung“. Er war überzeugt davon, dass sie unentbehrlich sei für die Stabilität und die Dignität einer politischen Ordnung, für die Vertrautheit der Bürger mit ihrem Staat. So wie aus einem Haus erst ein Zuhause wird, wenn man alle seine Winkel kennt, so, glaubte Sternberger, würden sich die Menschen in ihrer politischen Ordnung erst dann heimisch fühlen, wenn sie ihre historischen Verwachsungen kennten und respektierten.
Ein „methodisches“ Vorgehen im eigentlichen Sinn war das nicht: Methode war vielleicht das beschriebene Drehen und Wenden der Ideen und Gegenstände in der Hand; das Originelle war dann jedoch der Blick, der den Dingen einen interessanten, einen unverhofften Aspekt abgewann. Manchmal, selten, benutzte Sternberger den Begriff „phänomenologisch“; aber das war nicht im strikten Sinn einer methodischen Anleitung à la Husserl gemeint, und schon gar nicht war es ein Rekurs auf Heidegger, bei dem er in Freiburg studiert hatte. Es war eigentlich nur der Aufruf, sich nicht in tiefgründelnden Erwägungen oder Spekulationen zu verlieren, sondern „zu den Sachen“ vorzudringen, um sie sich dann genau anzusehen. In diesem Sinne hat Sternberger gar keine Schule bilden können: Das Drehen und Wenden konnte man lernen, den Blick aber hatte man - oder auch nicht.
Ähnlich war das Vorgehen in dem zweiten Oberseminar, das ich bei ihm besuchte, im letzten Semester vor seiner Emeritierung: „Begriff des Politischen“ hieß es, genauso wie die Vorlesung, die er 1960 zu seinem Amtsantritt in Heidelberg gehalten hatte (sie ist als Gegenschrift zu Carl Schmitts „Der Begriff des Politischen“ veröffentlicht worden). Auch da versuchte Sternberger im Dialog mit den Studenten zunächst die „Klassiker“ zum Reden zu bringen - es waren Untersuchungen, die dann in sein großes Buch über „Drei Wurzeln der Politik“ eingegangen sind.
Ich hatte in diesem Seminar über seinen Erzfeind Carl Schmitt zu referieren, dessen zielstrebiger Identifikation des „Feindes“ und der Feindschaft als höchstem Grad der Dissoziation, damit als Kern alles Politischen, Sternberger seine eigene Definition entgegenhielt: „Der Friede ist der Grund und das Merkmal und die Norm des Politischen, dies alles zugleich.“ Von hier aus führt dann ein gerader Weg zu einer, wie ich finde, überraschenden Wendung Sternbergers: In seinen letzten Lebensjahren - die öffentliche Diskussion war vom Thema „Nachrüstung“ beherrscht - hat er sich mit einiger Leidenschaft auf einem Feld umgetan, das ihn vorher, auch da ganz nach dem Vorbild des bewunderten Aristoteles, als Wissenschaftler wenig interessiert hatte: Außenpolitik und internationale Angelegenheiten.
Politik darstellen
Der letzte Essay (er ging, wie oft, auf einen Vortrag zurück), den er zu seinen Lebzeiten, am 7. Juli 1988 unter dem Titel „Was ist ein politischer Klassiker?“, in dieser Zeitung veröffentlicht hat, schließt mit dem Satz: „Jetzt wird - gemäß dem aristotelischen Modell - die Weltpolitik darzustellen, die harte Arbeit am Weltfrieden zu erörtern sein, am Weltfrieden, der nicht ferner von uns liegt als der so viel berufene Weltuntergang.“ Ein politischer Klassiker der Zukunft, den er vorgreifend einen „kosmopolitischen“ Klassiker nannte, werde eine Theorie der Politik als Weltpolitik darzustellen haben.
Der Lehrer Sternberger ist ohne den Rhetor Sternberger nicht vorzustellen. Im Gegensatz zu meinem anderen großen Heidelberger Lehrer, zu Reinhart Koselleck, der seine Vorlesungen aus unfertigen Manuskripten improvisierte (Anfang der siebziger Jahre waren das meist Überlegungen zu einer neuen Historik sowie Belegstellen und Vorstudien für seine später in dem Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ erschienenen Artikel), den man also beim Verfertigen seiner Gedanken als Zuhörer beobachten konnte, trug Sternberger perfekt formulierte Texte vor. Im Regelfall behandelten sie das Thema seines Oberseminars; im letzten Semester trug er Teile von „Drei Wurzeln der Politik“ vor, die so weit ausgefeilt waren, dass man sie schon ohne weiteres hätte drucken können.
Während Koselleck hinter dem Pult kauerte, oft aufgestützt auf beide Ellbogen, so dass man jeden Augenblick darauf wartete, dass er stocken und sich am Kopf kratzen werde, stand Sternberger in Rednerpose aufrecht hinter dem Pult, seiner Wirkung als Persönlichkeit - und auch der Wirkung seiner den Raum füllenden Bassstimme - jederzeit bewusst. Mit der ganzen Wucht von Persönlichkeit und Stimme verwies er damals auch - es muss im Sommer 1972 gewesen sein - Studenten des Hörsaals, die gekommen waren, um seine Vorlesung zu sprengen: „Horden wie die Ihre, die sich an keine Regel halten, habe ich schon einmal erlebt“, so oder so ähnlich donnerte er in den Raum, und die Störer verließen diesen, zu meinem Erstaunen, dann auch so gut wie ohne Widerrede.
Eine akademische Schule hat Sternberger, wie gesagt, nicht gebildet. Die Universität in ihren geisteswissenschaftlichen Abteilungen war für ihn ohnehin nicht nur eine Institution des Forschens, Lehrens und Lernens, sondern vor allem auch eine Form der intellektuellen Geselligkeit (das Wort Gemeinschaft mochte er nicht), der geistigen Unterhaltung. Zu entsprechenden Themen lud er in seine Seminare Kollegen aus anderen Fächern der von ihm geliebten alten Philosophischen Fakultät: Philologen, Historiker, Philosophen - und alle, alle kamen. Seine Veranstaltungen hatten deshalb, neben dem „Fachwissenschaftlichen“, auch immer eine Atmosphäre von Studium generale. Es war vor allem diese Stimmung, die Sternberger selbst verbreitete, mit seiner vorgelebten Haltung des leidenschaftlich neugierig gebliebenen Lehrers, welche seine Seminare anziehend machte. Und es war seine noble Erscheinung, in der das Respektieren von Regeln und Takt gewissermaßen inkorporiert war - Fehlleistungen konnte er mit seinem dröhnenden Lachen alle Peinlichkeit nehmen -, die persönliche Anhänglichkeit schuf und auf diese, eine andere Weise dann doch schulbildend gewirkt hat.