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Dolf Sternberger als Bürger Für heute

27.07.2007 ·  Der Hass auf den Bürger vereinte die beiden großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, den Kommismus genauso wie den Nationalsozialismus. Henning Ritter über Dolf Sternberger, der das antibürgerliche zwanzigste Jahrhundert mit dem emphatischen Wunsch durchlebte, ein Bürger zu sein.

Von Henning Ritter
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Man spürt eine merkwürdige Befangenheit, wenn von der „Zivilgesellschaft“ die Rede ist. Das Wort legt sich wie ein Schleier über das, was es bezeichnet. Offenbar soll nicht gesagt werden, dass es dabei um die Gesellschaft der Bürger, die bürgerliche Gesellschaft, geht, die lange im Zentrum des politischen Denkens gestanden hatte, bis sie, vielleicht durch Nietzsche, endültig um ihr gutes Gewissen gebracht wurde. Alle Versuche, das Bürgerliche und den Bürger als politisches Subjekt zu rehabilitieren, standen das zwanzigste Jahrhundert hindurch im Zeichen der Ächtung und Verachtung alles Bürgerlichen, ja der Verherrlichung des antibürgerlichen Gestus. In einem jedenfalls kamen die totalitären Regime überein: in ihrem Hass aufs Bürgerliche.

Dolf Sternberger, der das antibürgerliche zwanzigste Jahrhundert durchlebte, hatte von Jugend an eine tiefe Affinität zum Bürgerlichen, ja zum großbürgerlichen Habitus und zur bürgerlichen Kultiviertheit. Ablesbar ist dies an seiner ebenso um Klarheit wie um Eleganz bemühten Sprache, die noch in seinen späten akademischen Publikationen die Schule des Feuilletons merken lässt, die er in der „Frankfurter Zeitung“ durchlief. Theaterregisseur hatte er ursprünglich werden wollen und Germanistik studiert, wurde aber als Zwanzigjähriger durch ein „Damaskuserlebnis“ zur Philosophie gezogen. Karl Jaspers war sein Lehrer, promoviert wurde er 1932 von Paul Tillich. Doch die akademische Laufbahn war ihm nach 1933 versperrt, da er mit einer Jüdin, mit Ilse Rothschild, verheiratet war. So trat er als Redakteur für Bildung und Hochschulfragen in die „Frankfurter Zeitung“ ein, der er bis Frühjahr 1943 angehörte, als er sie zusammen mit Benno Reifenberg, Wilhelm Hausenstein und Otto Suhr verlassen musste, wenige Monate vor ihrem endgültigen Verbot.

Das Unbehagen eines Jahrhunderts

Manche seiner damals publizierten Artikel sind heute noch Glanzstücke in Sternbergers Essaysammlungen, und er hat für sie nicht mehr geltend machen müssen, als dass sie Beispiele der verdeckten Sprache in der Diktatur seien. Dass seine Feuilletons auch heute noch „funktionieren“, hat jedoch mit einer anderen Art der Verschlüsselung zu tun, dem Durchblick, den sie auf die bürgerliche Lebensanschauung eröffnen. Das bürgerliche Zeitalter wollte und konnte das bürgerliche Ethos nicht in der gleichen Weise leben, wie seine weltzugewandte Tatkraft es gefordert hätte. Ein Unbehagen an sich selbst begleitet das Jahrhundert bis zu Nietzsches Generalangriff aufs Bürgerliche. Sternberger machte nun die Gegenrechnung auf, zuletzt in einem Plädoyer, das „Gerechtigkeit für das neunzehnte Jahrhundert“ forderte. Er wollte nicht mehr und nicht weniger, als in aller Nüchternheit die humanen Leistungen der Epoche zur Anerkennung zu bringen.

Das erstaunlichste Zeugnis seiner Zuwendung zu diesem verfemten und verkannten Jahrhundert bleibt sein 1938 erschienenes Buch: „Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert“. Es handelt, in einer physiognomischen Sicht auf die Epoche, von Abgelegenem und Vergessenen, von der Panoramamalerei, der Fotografie und dem Gaslicht, von der Kolportageliteratur und den Moden des trivialen Kunstgeschmacks, von der populären Malerei des „Genres“ und nicht zuletzt von der darwinistischen Weltanschauung und ihrem populären Schlagwort, dem „Kampf ums Dasein“. Was all diese Gegenstände, die ein leidenschaftlicher Liebhaber des Kuriosen hier zusammentrug, miteinander verband, war eine Faszination durch das unscheinbar und unsichtbar Gewordene, ja eine gewisse Verliebtheit in Kitsch und Biedersinn. In raffinierter Weise kam dies jedoch der Methode des Buches zugute, dem Versuch freizulegen, was sich, so Sternberger, „hinter dem Rücken der aufzählbaren historischen Begebenheiten, ja hinter dem Rücken auch des Bewusstseins, das eine Epoche von sich selber hat, verbirgt und das dennoch oder ebendarum mächtig wird“.

Vom Wunsch, ein Bürger zu sein

Diese machtvolle Verborgenheit schien sogar im Zentrum der Epoche, ja für die Bürgerlichkeit selbst zu gelten, die das Jahrhundert anzuerkennen versäumte. Als 1948 jenes „politische Testament“ bekannt wurde, das Theodor Mommsen 1899 verfasst hatte, begrüßte es Sternberger, der es in seiner Zeitschrift „Die Wandlung“ sogleich veröffentlichte, als eine Selbstoffenbarung des Jahrhunderts: „Politische Stellung“, schreibt Mommsen, „und politischen Einfluß habe ich nie gehabt und erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten, was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein.“ Wie ein archäologisches Fundstück war dieses Bekenntnis aufgetaucht, als spreche es einmal aus, was offen zu bekennen nicht an der Zeit gewesen war.

Dass eine Stimme des Bürgertums die Schranken des bürgerlichen Selbstverständnisses durchbrach, dass wenigstens einmal das Bekenntnis zur politischen Aufgabe des Bürgertums als innerster Antrieb ausgesprochen wurde, hat Sternberger in seinem die Veröffentlichung des Dokuments begleitenden Aufsatz in einem Aufruf aktualisiert: „Ich wollte, wir brächten heute zuwege, die alte Haut des bürgerlichen Charakters abzustreifen, um Bürger zu werden. Ich will kein Charakter sein, ich wünschte, ein Bürger zu sein. Nichts weiter. Aber auch nichts weniger als das.“ Das war es, was Sternberger unter dem von ihm geprägten Begriff des „Verfassungspatriotismus“ verstand.

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Jahrgang 1943, freier Autor im Feuilleton.

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