17.02.2010 · In Deutschland leben immer mehr Menschen in Armut. 2008 erfüllten rund 11,5 Millionen Menschen das Armutskriterium, über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zu verfügen - ein Drittel mehr Menschen als zehn Jahre zuvor.
Jeder siebte Bürger in Deutschland lebte 2008 an der Grenze zur Armut oder war arm. Das waren 11,5 Millionen Menschen und damit rund ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren, ergab eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach sind Kinder und junge Erwachsene besonders betroffen: Fast ein Viertel der 19- bis 25-Jährigen war 2008 armutsgefährdet. Die sogenannte Armutsrisikoschwelle liegt laut EU-Kommission bei 60 Prozent des mittleren Einkommens eines Landes. Als arm gilt, wer weniger als 50 Prozent zur Verfügung hat. Zugrunde liegen der am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Studie die vom DIW erhobenen Daten des Sozio-Ökonomischen Panels.
Der Sozial- und Wohlfahrtsverband Volkssolidarität forderte ein sofortiges Programm gegen die wachsende Armut. Die Regelsätze für Grundsicherung müssten endlich erhöht werden, erklärte Verbandsgeschäftsführer Bernd Niederland. Das steigende Armutsrisiko zeige auch, wie absurd die von FDP-Chef Guido Westerwelle angeführte Kampagne gegen den Sozialstaat und seine Leistungen sei.
Die Berliner Wirtschaftsforscher sehen eine Anhebung staatlicher Unterstützungszahlungen dagegen skeptisch. „Höhere Hartz-IV-Sätze reduzieren zwar Einkommensdefizite“, so Studien-Mitautor Markus Grabka. Aber das Gießkannenprinzip, etwa auch bei einer Kindergelderhöhung von 20 Euro, bringe nicht viel. „Sinnvoller erscheinen uns aber Investitionen in Kinderbetreuung und in verbesserte Erwerbschancen für Alleinerziehende und Familien mit jungen Kindern.“
Drei Gründe
Für das steigende Armutsrisiko unter jungen Menschen nennen die Wissenschaftler vor allem drei Gründe: Die Ausbildung dauert länger und es gibt mehr Hochschulabsolventen, so dass sich der Start ins Berufsleben verzögert. Hinzu kommen schlecht bezahlte Einstiegsjobs („Generation Praktikum“) sowie der Trend, früher aus dem Elternhaus auszuziehen.
Bei Familien wächst das Risiko mit der Kinderzahl: 22 Prozent der Drei-Kind-Haushalte sind betroffen, bei vier oder mehr Kinder sogar 36 Prozent der Familien. Zudem leben auch mehr als 40 Prozent der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern an der Armutsgrenze oder darunter. Bei Rentnern ist Armut hingegen aktuell kein besonders großes Problem.
„In Ostdeutschland ist das Einkommenarmutsrisiko nach wie vor deutlich stärker ausgeprägt“, sagte Mit-Autor Joachim Fricke. So sind im Osten etwa 19 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, im Westen nur 13 Prozent. „Die Gründe hierfür sind hauptsächlich im Arbeitsmarkt zu sehen.“
Geld allein reicht nicht
Die DIW-Forscher empfehlen einen auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Mix aus finanzieller und nicht-finanzieller Unterstützung. So hätten in der Vergangenheit bereits die Einführung der Pflegeversicherung, das Elterngeld und auch der Ausbau der Kinderbetreuung eine deutliche Linderung beim Armutsrisiko der jeweiligen Zielgruppen bewirkt.
Der Bundesverband Deutscher Banken (BdB) warnte, die Altersarmut könne für viele Menschen ein ernsthaftes Problem werden. Betroffen seien Selbstständige mit unterdurchschnittlichen Einkommen, Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen, Menschen mit zeitweiliger Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslose. Dazu komme, dass die gesetzliche Rentenversicherung wegen der Alterung der Gesellschaft in eine Schieflage komme, da immer weniger Erwerbstätige immer mehr Alte versorgen müssten. „Wir empfehlen deshalb, die kapitalgedeckte Altersvorsorge armutsfester zu machen“, sagte BdB-Geschäftsführer Bernd Brabänder. So sollte bei Abschluss eines Arbeitsvertrages automatisch eine betriebliche Altersvorsorge eingeschlossen werden. Nur durch ausdrücklichen Widerspruch solle man austreten können.
Armut in acht Daten
- Nach einer Definition der Europäischen Kommission gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens seines Landes zur Verfügung hat.
- Für einen Ein-Personen-Haushalt lag diese Schwelle in Deutschland bei 925 Euro, für ein Ehepaar ohne Kinder bei 1388 Euro, für eine Familie mit einem Kind bei 1665 Euro, mit zwei Kindern bei 1943 Euro.
- In Deutschland lebten 2008 11,5 Millionen Menschen unter dieser Grenze. Dies entspricht gut 14 Prozent der Bevölkerung.
- In Westdeutschland galten 12,9 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, im Osten 19,5 Prozent.
- Weit überdurchschnittliche Armutsraten wiesen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern auf. Über 40 Prozent der Personen, die in Haushalten von Alleinerziehenden lebten, galten 2008 als armutsgefährdet. Bei Kindern unter drei Jahren waren es sogar 50 Prozent.
- Besonders betroffen waren auch junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren. 2008 lebte rund ein Viertel der 19- bis 25-Jährigen unterhalb der Armutsgrenze.
- Neben jungen Erwachsenen waren vor allem kinderreiche Familien gefährdet. Für Familien mit drei Kindern lag das Armutsrisiko bereits bei knapp 22 Prozent, bei vier und mehr Kindern erreichte es 36 Prozent.
- Das geringste Risiko zeigte sich bei Erwachsenen im Alter von 46 bis 55 Jahren.
Kinder und Armut
Anna Blume (coluche)
- 17.02.2010, 14:32 Uhr
Der Bundesverband Deutscher Banken warnt vor Altersarmut...
Paul Rabe (heidelpaul)
- 17.02.2010, 14:35 Uhr
Methodischer Fehler
Chr. Nöhles (Noehles)
- 17.02.2010, 15:32 Uhr
Da ja heute Aschermittwoch ist, noch ein wenig Zahlenspielerei
Christian Puzicha (Puzi)
- 17.02.2010, 16:00 Uhr
Zum Zitat des Mitautors der Studie, M. Grabka / Teil 1
B. Daum (zaumi65)
- 17.02.2010, 16:27 Uhr