08.02.2005 · Die Verbände der Muslime in Deutschland gehen eigene Wege, es sei gar nicht so leicht zusammenzukommen. Ein Gespräch mit Mehmet Yildirim und Bekir Alboga von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, „Ditib“.
Mit Mehmet Yildirim und Bekir Alboga von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, „Ditib“, sprachen Susanne Kusicke und Wolfgang Günter Lerch.
Es sieht im Moment nicht so aus, als ob in Deutschland in näherer Zukunft ein einheitlicher Dachverband der Muslime gebildet werden könnte. Bedauern Sie das?
Yildirim: Man würde sich wünschen, gemeinsame Ziele gemeinsam durchzusetzen, aber es fehlen einige Voraussetzungen. Die Verbände gehen eigene Wege. Bei Bedarf haben wir schon in einzelnen Fragen mit anderen Verbänden zusammengearbeitet. Aber manche Verbände werden vom Verfassungsschutz beobachtet, und daher kann man nicht so leicht zusammenkommen.
Sie repräsentieren das türkische Amt für Religionsangelegenheiten in Ankara (Diyanet) und sind der laizistischen Verfassung der Türkei verpflichtet. Andere Verbände sind das nicht. Liegt auch darin ein Hinderungsgrund, einen gemeinsamen Dachverband zu gründen?
Yildirim: Zunächst einmal - wir repräsentieren nicht das Diyanet in Ankara, sondern wir arbeiten mit ihm hinsichtlich eines Anliegens eng zusammen. Wir bitten das Diyanet um Imame, weil sie in Deutschland noch nicht ausgebildet werden können. Diese predigen dann in unseren Moscheen und bleiben drei bis vier Jahre in Deutschland. Aber wir sind keine Auslandsorganisation des Diyanet, sondern ein nach dem deutschen Vereinsrecht gegründeter Dachverband. Ich bin kein Mitarbeiter des Diyanet, und ebensowenig, mit einer Ausnahme, unsere Vorstandsmitglieder. Ich sehe die Schwierigkeit eher darin, daß wir von deutscher Seite noch nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt worden sind und es uns deswegen nicht möglich ist, unsere Rolle als führender Verband so auszufüllen, wie wir uns das wünschen.
Was spräche aus Ihrer Sicht dafür, gerade Ihrem Verband eine Führungsrolle zuzuerkennen, auch als Ansprechpartner der deutschen Politik?
Alboga: Möge der Vergleich bitte nicht schlecht ankommen, aber der Zentralrat der Juden vertritt auch nicht alle Juden in Deutschland, und doch hat Deutschland mit dem Zentralrat einen Staatsvertrag geschlossen, und die anderen jüdischen Vereine bekommen ihren Anteil an den finanziellen Hilfen des Staates. Wir haben besondere Tugenden, die die anderen nicht nachweisen können. Wir legen allergrößten Wert darauf, daß man hier den moderaten Islam praktiziert gemäß der Verfassung, und wer kann solch einen Ansprechpartner anbieten? Wir unterstützen intensiv - auch finanziell - den interreligiösen Dialog. In dieser Quantität und Qualität kann das keine andere Organisation leisten. Wir unterstützen die Integrationsarbeit, zum Beispiel das Projekt „Weißt Du, wer ich bin“, vor allem aber, indem in allen Ditib-Organisationen regelmäßig Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe angeboten werden. Es erscheint mir sinnvoll, daß man der Ditib den Körperschaftsstatus verleiht und die Ditib dann diejenigen muslimischen Organisationen daran teilnehmen läßt, die verfassungsmäßig einwandfrei arbeiten. Wir sind der größte Verband, wir repräsentieren 72 Prozent der Muslime, und wir sind bereit, alle Muslime zu vertreten.
In Deutschland leben auch viele Aleviten, die in der Türkei beklagen, sie seien im Religionsamt nicht vertreten. Wie steht Ihr Verband zu den alevitischen Gemeinden?
Alboga: In der Türkei wird Alevitentum im Religionsunterricht neuerdings mit angeboten. Das Amt für Religionsangelegenheiten betrachtet sich also als staatlich anerkannte, aber in der Theologie unabhängige Einrichtung für Aleviten und Sunniten gleichermaßen. Das sagte der Präsident des Diyanet, Ali Bardakoglu, vor kurzem in Berlin im Europäischen Institut. Man muß diese neue Entwicklung unterstützen. Wenn die Ditib eines Tages Lehrer zur Verfügung stellen darf, um islamischen Religionsunterricht anzubieten, sind wir bereit, auch die Aleviten zu bedienen.
In Deutschland sind jetzt zwei Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet worden, in Münster und in Frankfurt. Gegen die finanzielle Beteiligung des Diyanet am Frankfurter Lehrstuhl hat es Proteste gegeben. Was ist Ihre Meinung dazu?
Yildirim: Die Details kenne ich nicht, aber es handelt sich doch um einen großen Beitrag der Türkei für die Goethe-Universität, und hinter den Vorwürfen könnten böswillige Absichten stehen. Immerhin sind es nicht x-beliebige Leute, die dort unterrichten sollen, sondern Fachleute. Es gibt die Kontrollorgane der Goethe-Universität, die das überwachen, und der Studiengang ist überdies in den Fachbereich Evangelische Theologie eingebettet.
Und wie stehen Sie zu dem Lehrstuhl in Münster, dessen Inhaber Kalisch einer schiitischen Mindermeinung angehört?
Alboga: Wir hätten uns natürlich gewünscht, daß man so etwas mit der größten muslimischen Gruppe bespricht. In Deutschland sind ja die meisten Muslime türkischen Ursprungs und sunnitischer Konfession. Aber wir sind uns sicher, daß Professor Kalisch diese Tatsache berücksichtigen wird. Wir wünschen uns eine islamische Hochschule an einer oder mehreren deutschen Universitäten - etwa wie die jüdische Hochschule an der Universität Heidelberg -, wo wir alle islamischen theologischen Informationen anbieten, aber vor allem die ausschlaggebende Mehrheit der Muslime berücksichtigen.
Viele Muslime in Deutschland wünschen, daß muslimische Frauen auch mit Kopftuch im Staatsdienst tätig sein dürfen. In der Türkei ist das verboten. Wie halten Sie es in Ihren Familien?
Yildirim: Ich habe eine Tochter und drei Söhne, und meine Tochter trägt kein Kopftuch, weil sie es nicht möchte. Aber meine Frau trägt ein Kopftuch, nach reiner Überzeugung.
Alboga: Wir vertreten die Ansicht, daß das Tragen des Kopftuchs ein religiöses Gebot ist. Für manche Frauen ist es aber auch nur ein sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit. Eine Frau sollte es nur aus religiöser oder traditioneller Überzeugung tragen, nicht, weil sie dazu gezwungen wird. Zweitens: Eine gläubige muslimische Frau ist auch dann eine gläubige Frau, wenn sie kein Kopftuch trägt. Das Kopftuch ist nicht das Zeichen der islamischen Religion, das betonen wir ausdrücklich. Die Muslimin ist im Fall eines Verbotes nicht dafür verantwortlich, daß sie kein Kopftuch tragen darf, und es ist keine Sünde, wenn sie es nicht trägt. Die Freiheit, es zu tragen, zählt für mich zu den Rechten der privaten Religionsausübung.
Andere strittige Punkte der Integration sind Sexualkunde, Schwimmunterricht, Klassenfahrten. Wie stehen Sie dazu?
Yildirim: Die Pädagogik in der Türkei ist in diesen Fragen seit Atatürk ähnlich wie in Deutschland. Erziehung ist doch eine Sache zwischen den Eltern und der Schule, beide Seiten müssen einander Vertrauen schenken. Es gibt aber schlecht erzogene Jungen, die ihre Mitschüler anstecken. Darauf müssen die Lehrer achten. Wir wollen eine gesunde Gesellschaft, und die Jugendlichen überall auf der Welt sollen gemeinsame, menschliche Werte beigebracht bekommen. Leider sind heute viele Fördermaßnahmen für Jugendliche aus finanziellen Gründen gestrichen worden.
Alboga: Wir wünschen uns allerdings auch, daß Schulen und Behörden für manche Sensibilitäten muslimischer Schülerinnen Verständnis aufbringen. Meine Tochter beispielsweise behauptete, sie wolle nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, und ich ging zu ihrer Lehrerin, um das zu besprechen. Sie erklärte mir, daß die Kinder zwar in einer Halle, aber in zwei getrennten Becken schwimmen lernten, und auf einmal wollte meine Tochter doch teilnehmen, und es machte ihr sehr viel Spaß.
Wo sehen Sie Schwierigkeiten für Muslime in einer westlichen Gesellschaft, die immer stärker säkularisiert wird?
Alboga: Das ist ein selbstverständlicher Prozeß, den wir nicht rückgängig machen oder beschleunigen können. Wir schwimmen mit dem Strom, ob wir wollen oder nicht. Aber es ist ein verbreiteter Wunsch, daß die Kinder der Tradition treu bleiben; welche Familie wünscht sich das nicht? Das gibt es auch in vielen deutschen Familien, sie bedauern sehr, daß die Kinder nicht mit in die Kirche gehen. Natürlich hat man in einer Gesellschaft, in der man sich in der Minderheit befindet, Bedenken, daß sich diese Minderheit nicht völlig assimiliert und verschwindet. Darum machen wir nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle Angebote. Wir wollen damit eine solide Identität anbieten, denn dann hat man auch keine Angst, in einen Dialog einzutreten.
Yildirim: Aus ähnlichen Gründen bieten wir seit 1989 Vorbereitungskurse für externe Haupt- und Realschulabschlüsse an. Denn mit einem erfolgreichen Abschluß gelingt es den jungen Leuten leichter, sich zu integrieren. Ohne Leistung kann keiner etwas erwarten, aber die Menschen können auch Wunder bewirken, wenn sie sich Mühe geben. Das muß alles parallen laufen.
Die Ditib hat vor kurzem an dem Gespräch mit der EKD in Berlin teilgenommen. Wie war Ihr Eindruck von dieser Veranstaltung?
Yildirim: Wir haben durch den interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog viel gelernt, über Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, die uns trennen. Es hat uns aber sehr gewundert, daß Bischof Huber vor der Veranstaltung sagte, daß der christliche und der muslimische Gott vielleicht nicht ganz derselbe ist. Wir haben so etwas noch nie gesagt.
Alboga: Wir sagen, wir alle glauben an den Einen Gott, aber wir definieren unser Gottesverständnis unterschiedlich. Wir wollen die Unterschiede nicht verschweigen, keine Mischreligion, keinen Synkretismus. Aber wir wollen den Fundamentalismus, der es uns so schwer macht, friedlich in den Gesellschaften zu leben, überwinden. Deswegen kann man nicht oft genug betonen, daß Juden, Christen und Muslime an den Einen Gott glauben, den Abraham verkündigt hat. Derzeit sind wir Zeugen eines Prozesses, in dem ein neues Verständnis der Theologie und Religiosität entsteht. Religiöse Identität wird neu definiert, auf allen Seiten, so daß das Verständnis auch für andere Frömmigkeiten wächst. Das ist für mich ein Friedenskonzept. Wir sollten nicht zulassen, daß dieser Keim erstickt wird.