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Veröffentlicht: 07.10.2012, 21:24 Uhr

Diskussion um Organspende Herztod

Transplantation geht nur, wenn es Spender gibt. Es gibt nie genug. Um an mehr Organe zu kommen, haben die Ärzte die Grenzen des Todes verschoben.

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© dpa

Warum wird von Stiftungen und Politikern so nachdrücklich für Organspenden geworben? Weil es nur für einen von drei Wartenden ein Spenderorgan gibt. Ein Grund dafür ist angeblich mangelnde Spendebereitschaft. Wesentlicher ist aber, dass nur bestimmte Patienten als Spender in Betracht kommen: Hirntote. Der Hirntod ist so selten, dass nie ausreichend Organe vorhanden sein können.

Im Ausland ist man daher vielerorts dazu übergegangen, sich vom Hirntod, vielleicht vom Tod überhaupt als Voraussetzung zur Spende zu verabschieden. Dort ist mittlerweile auch die „Spende nach dem Herzstillstand“ erlaubt. Es ist also gestattet, einem Menschen, dessen Herz soeben aufgehört hat zu schlagen, Organe zu entnehmen. Die Chirurgen stehen dann schon operationsbereit am Bett des Sterbenden.

„Ein innovativer Ansatz“

Es wird offen gesagt, dass das daran liegt, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. Einen Herzstillstand erleiden ja viele Menschen. Da ist die Entnahme nach Herzstillstand „ein innovativer Ansatz“. So drückt es Gauke Kootstra aus, ein niederländischer Pionier, der für die „Erschließung dieser neuen Quellen“ gekämpft hat. Der Erfindungsreichtum scheint gerechtfertigt. Denn das Mantra lautet: Organe retten Leben. Und weil Organe Leben retten, reißen die Retter systematisch die Schranken ein, die sie von den Organen trennen - von den Patienten, in denen die Organe schlummern.

Die erste Schranke, die die Transplanteure von den Organen trennte, hieß „Ischämie“. Ischämie tritt ein, wenn das Herz aufhört zu schlagen und kein Blut mehr durch die Organe fließt. Der Stoffwechsel in den Organen wird behindert, sie werden nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Die Ischämie macht die Organe kaputt. Deswegen scheiterten die frühesten Versuche, Organe zu verpflanzen: Die Spender waren Leichname, und weil zu lange kein Blut durch die Organe geflossen war, krepierten die Empfänger. Denn aus Leichnamen kann man keine lebenden Organe entnehmen.

Der Beginn des Hirntodes

Der technische Fortschritt und „innovative Ansätze“ halfen dann, das Problem der Ischämie zu überwinden. Zuerst entwickelten Intensivmediziner Medikamente, die den Kreislauf stabilisieren, und Maschinen, die Patienten beatmen, wenn die selbständig nicht mehr Luft holen können. Dabei stellte man fest, dass manche der stabilisierten und beatmeten Patienten in einen Zustand fielen, den die Entdecker, zwei Franzosen, als „coma dépassé“ bezeichneten: ein Zustand „jenseits des Komas“. Die Gehirne von Patienten mit „coma dépassé“ waren zerstört. Ihr Herz schlug aber weiter, weil sie an die Maschinen angeschlossen waren.

Im Dezember 1967 entnahm der Südafrikaner Christiaan Barnard einer Patientin im „coma dépassé“ ihr Herz und verpflanzte es in einen herzkranken Patienten. Der Empfänger überlebte, denn das Herz war kaum durch Ischämie beschädigt. Es hatte ja bis zum Schluss geschlagen. Barnard wurde berühmt und nicht des Mordes angeklagt. Kein Jahr später, 1968, kam an der Universität Harvard eine Kommission zusammen, die beschloss, dass Patienten im „coma dépassé“ fortan als Tote zu betrachten seien. Der „Hirntod“ war geboren, die Ischämie als Problem für die Transplantation überwunden. Nun gab es eine neue Gruppe von Toten: Tote, die man vorher noch mit Lebenden verwechselt hatte, und diesen neuen Toten konnte man frische Organe entnehmen.

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