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Dirk Schmaler: Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit - zwischen Aufklärung und Verdrängung Umgang kontra Wahrnehmung

Bundespräsident Walter Scheel paraphrasierte zum 8. Mai 1975 erstmals höchstoffiziell den - in der DDR von 1950 an propagierten - Begriff der „Befreiung“.

© dpa Vergrößern Die früheren Bundespräsidenten Horst Köhler und Richard von Weizsäcker am 05.02.2013 im Schloss Bellevue.

Reden von zehn Bundespräsidenten zur nationalsozialistischen Vergangenheit analysiert Dirk Schmaler. Nach 1949 stand zunächst Schuldabwehr im Zentrum, obwohl Theodor Heuss 1952 bei der Einweihung des Mahnmals für die Opfer des Konzentrationslagers Bergen-Belsen die „volle Grausamkeit der Verbrechen“ ansprach: „Wir haben von den Dingen gewusst.“ Solche Deutlichkeit verschwand - so Schmaler - in seinen späteren Ansprachen. Der Autor wirft Heinrich Lübke vor, bei Gedenkreden „die Bevölkerung in eine kleine Tätergruppe um Hitler und das unschuldige Volk“ eingeteilt zu haben. Und Gustav Heinemann habe am 8. Mai 1970 weder den Völkermord an den europäischen Juden explizit erwähnt noch die Frage der Schuld thematisiert. Überhaupt sei es Heinemann darum gegangen, positive Traditionslinien aus der Zeit vor 1933 für „ein grundsätzlich positives Nationalgefühl“ zu aktivieren.

Walter Scheel paraphrasierte zum 8. Mai 1975 erstmals höchstoffiziell den - in der DDR von 1950 an propagierten - Begriff der „Befreiung“: „Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei.“ So nahm Scheel einiges von dem vorweg, was erst durch die Rede Richard von Weizsäckers „zum weitgehenden Konsens des Erinnerungs-Diskurses“ wurde. Karl Carstens wird unterstellt, er habe Zeitgeschichte „aus der Warte des Volksseelenheilers heraus“ interpretiert, um eine „möglichst mühelose Identifikation mit der deutschen Nation zu erreichen“. Lob erntet Weizsäckers Ansprache von 1985 (“Tag der Befreiung“). Allerdings habe erst Roman Herzog 1995 - nach dem Ende des „konkurrierenden Gedenkens in Ost und West - deutsche Schuld und Verantwortung klarer als seine Amtsvorgänger herausgestellt und die gängige These verworfen, dass die Ausführung der Verbrechen „in der Hand weniger“ gelegen hätte. Johannes Rau bat in Jerusalem vor der Knesset um Vergebung für die nationalsozialistischen Greueltaten. Und bei Horst Köhler meint Schmaler eine „Umdeutung des Gedenkens an die Verbrechen durch die Herausstellung einer angeblich erfolgreichen Aufarbeitung“ des Nationalsozialismus zu erkennen. In diesem Schnelldurchgang kommt Christian Wulff dann am besten weg, weil er bei mehreren Gelegenheiten danach fragte, „wie auch in Zukunft die Erinnerung an die Greueltaten der Nationalsozialisten im Bewusstsein bleiben“ könne. Schmaler warnt davor, die „vielfach problematische Aufarbeitung der Vergangenheit zu überhöhen“ und „die Wahrnehmung der nationalsozialistischen Vergangenheit durch den vorgeblich erfolgreichen Umgang mit ihr zu ersetzen“.

Dirk Schmaler: Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit - zwischen Aufklärung und Verdrängung. Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M. 2013. 144 S., 26,95 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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