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Digitale Kommunikation Am Scheitelpunkt

Die Schnelligkeit und Flüchtigkeit moderner Kommunikation führt dazu, dass auch private Gedanken in die Welt gesetzt werden. Doch wo bleiben die Inhalte?

© dapd Vergrößern Von den Piraten waren in letzter Zeit nur Twitter-Peinlichkeiten zu vernehmen.

Von wegen aufrechter Gang. Der verbildete Mensch sitzt sich durch die Welt. Schule, Universität, Konferenzen, Sitzungen eben. Da kann es vorkommen, dass man sich über Vordermann oder Vorderfrau so seine Gedanken macht. Phantasien entwickelt. Die teilte man früher allenfalls dem Sitznachbarn mit, wenn es denn ein guter Kumpel war. Und lachte über den Nachbarn und die Welt. Heute lacht die ganze Welt. Ist ja auch nicht gänzlich unkomisch, was etwa eine Piratin da aus einer Düsseldorfer Landtagssitzung herauszwitscherte, aus Lust und Langeweile.

Reinhard Müller Folgen:    

Aber vielleicht hätte sie vorher noch einmal nachdenken sollen, bevor sie ihre Gedanken zu Allgemeingut machte. Die Piraten in den Landtagsfraktionen überlegen jetzt immerhin, „ob es nicht strategisch klüger ist, die eine oder andere Lästerei nicht zu twittern“. Aber dass jemand noch mal drüberschaut, widerspräche dem Wesenskern von Twitter, Blogs und vielen sonstigen Online-Schnellschüssen. Das Medium lebt vom Augenblick. Wer redigiert, zensiert. Jeder Gedanke soll spontan in den Äther.

Neue Medien sind schuld an der Finanzkrise

Man kann nur hoffen, dass die israelische Kriegserklärung, die eine Majorin twitterte, noch einmal gegengelesen wurde, bevor das Töten losging - das ja heute auch über riesige Entfernungen mehr oder weniger gezielt durch Mausklick möglich ist. Die Presse-Stabsoffizierin nennt sich twittersüchtig und stellte in der „Bild“-Zeitung fest: „In den sozialen Medien herrscht Krieg. Dort wollen wir ebenso relevant und dominant sein.“

Aber ist das alles wirklich so neu, bloß weil es ein neues Medium gibt? Ja, und zwar auf allen Feldern: Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe hat vor kurzem eine neue Ursache der Finanzkrise ausgemacht: Die Kreditspezialisten der Banken hätten am Computer die zahllosen Hypothekenverträge nicht lesen wollen, die sie früher in Papierform geprüft hätten.

Das ist keineswegs abwegig: Auch die Anwälte, die früher aus Anlass von Firmenübernahmen in verschlossenen Räumen Berge von Akten durchstöberten, loggen sich heute in virtuelle Datenräume ein: Die sind immer offen, aber man liest dort auch anders.

Eselsboten sind sicherer

Und der Verbraucher? Er scrollt sich durch seine Online-Kataloge, mit einem Mausklick hat er den allgemeinen Geschäftsbedingungen zugestimmt - und ist verraten und verkauft. Wir geben munter Daten preis, werden zwar meistens gefragt, ganz wie es der Datenschutz verlangt, aber nehmen diese Prozedur, die umfänglichen Warnhinweise und Haftungsfreistellungen doch irgendwie nicht ernst. Man unterschreibt zwar auch vieles mehr oder weniger blanko, es wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben, aber noch schneller geht es natürlich online. Lang lebe die Kurzmitteilung.

Dabei geht es hier noch nicht einmal um die Karriere, wie derzeit bei amerikanischen Militär- und Geheimdienstführern. Aber dass ein Vertipper nicht nur Ehen belasten kann, war zu Zeiten des Briefs undenkbar. Wie überhaupt der Briefverkehr wohl heutzutage sicherer ist als früher ein gepanzerter Geheimtransport des Zaren. Deshalb nutzen die Terroristen, welche die technologische Supermacht Amerika bekämpfen, neben der elektronischen Kommunikation (über die sie natürlich auch verfügen) archaische Wege. Mit Eselsboten trotzen sie einer vermeintlich lückenlosen Überwachung aus der Luft.

Die Piraten werden von den eigenen Forderungen eingeholt

Wer dagegen Geheimes in E-Mails schreibt, der kann seine Nachrichten gleich in die Welt schreien. Darf er natürlich auch. Aber bitte nur über sein eigenes Privatleben. Auch das kann peinlich genug sein - aber vielleicht interessiert es bald auch keinen Personalchef mehr, ob ein Bewerber auf Facebook vorwiegend nackt mit Sangria-Eimer auf dem Kopf zu sehen ist. Solange das alle machen.

Es ist aber unsäglich, wenn andere an den weltweiten Pranger, wenn also strafbare Verleumdungen gedankenlos ins Netz gestellt werden. Und es ist unerträglich, dass Suchmaschinenbetreiber Gerüchte im Internet verhunderttausendfachen und dann unschuldig tun: Das sei eben der Algorithmus gewesen, der böse. Nein, der Böse, oder sagen wir wie im Polizeirecht: der Störer ist der, der ein gefährliches Unternehmen betreibt. Er muss dafür sorgen, dass keine Unwahrheiten und Beleidigungen in die Welt gesetzt werden. Und dafür zur Verantwortung gezogen werden.

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Aber womöglich ist der Scheitelpunkt der digitalen Revolution schon erreicht. Wenn man selbst Betroffene der eigenen politischen Forderungen ist, wie die Piratin, die das Urheberrecht erst entdeckte, als sie selbst ein Buch schrieb, dann drückt vielleicht einer mal die Reset-Taste. Sogar die Piraten wollen sich jetzt um Inhalte kümmern. Die sowie die notwendige Orientierung im steigenden Datenmeer findet man nicht als flüchtiger Besucher an Flüchtigem, sondern als Leser - zum Beispiel hier. Und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 25.11.2012, 10:35 Uhr

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Von Nikolas Busse

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