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Die zu Guttenbergs Das Paar in unseren Träumen

 ·  Die meisten Menschen sind nichts als Erdklumpen. Trotzdem glauben 67 Prozent von uns, dass Ken-Theodor und Barbie zu Guttenberg sie gut repräsentieren. Wie kann das sein?

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Früher musste jeder, nach einem hellsichtigen Wort von Stephen King, darauf vorbereitet sein, einige merkwürdige Häuser zu sehen, wenn er die Hauptstraße verließ. Heute findet er dort die wenigen verbliebenen normalen Häuser. Er muss auch längst nicht mehr in die Kanalisation oder den Keller hinabsteigen, um das Grauen der eigenen Albtraumwelt zu erleben; und die Stimmen, die üblicherweise nur aus den Waschbeckensiphons riefen und dabei nichts Gutes verhießen, labern ihn mittlerweile von überallher voll. Früher liefen Figuren wie Kings Clown Pennywise durch die Straßen unserer Albträume, verbreiteten Angst und Schrecken, und zwar nicht erst, wenn sie ihre Opfer bestialisch töteten; das Gesicht des modernen Schreckens ist nicht mehr „dämonisch weiß, der blutrot gemalte Mund zu einem mörderischen Grinsen verzogen“ wie bei Pennywise – und damit, leider, auch nicht mehr so einfach kenntlich.

Die Clownsschminke ist abgewaschen, die Zähne sind gerichtet, der fadenscheinige Clownsanzug mit den orangefarbenen Bommeln ist eingemottet. Meine Albträume bevölkern jetzt Legionen wohlmeinender, überaus sozial engagierter, zum Jahreswechsel in Spendengalas aufmarschierende Frauen und Männer, die ihre Vortrefflichkeit in jede Ritze des Lebens mit einem Dauerlächeln hineinreiben wie Salz in eine Wunde. Ihren Schrecken verbreiten sie dabei ganz ohne Mordlust, obschon ihr Lächeln wie von Ferne dem des mörderischen Clowns zu ähneln scheint. Sie schauen je nach Bedarf ernst, betroffen, besorgt oder heiter drein, freuen sich und sind traurig auf Abruf und vor aller Augen, dabei immer makellos und für die Kameras wie gemacht, Frauen und Männer eben, die bei allem, was sie tun, immer so aufgeräumt und blitzblank und perfekt aussehen wie die Küchen Kinderloser in Design-Hochglanzmagazinen, kurzum: wie die zu Guttenbergs.

„Sehnsucht der Deutschen nach einem Königspaar“

Stephanie und Karl-Theodor zu Guttenberg sind zum politischen Traumpaar mit Großbühnenglamour à la Kennedy ausgerufen worden. Diesmal ist nicht nur der immer wie ein blutdürstiger Wolf nach derlei Zinnober gierende Boulevard schuld. Auch Medien, die es kaum ertragen würden, einmal nicht ernst genommen zu werden, machen den Zinnober mit und phantasieren mit glühenden Ohren von der „Sehnsucht der Deutschen nach einem Königspaar“. Neben diesem Tschingderassabum fällt es kaum ins Gewicht, dass andere Spürfüchse in einer früheren Politikredaktion den „magischen Impulsort“ für das „Mediengespür“ zu Guttenbergs finden – und dabei hatte der dort lediglich ein Praktikum absolviert. Wie auch immer, irgendwie sind die Gäule mit vielen durchgegangen. Fest steht aber, dass zu Guttenberg die Medien für sich zu nutzen weiß, weil er ihnen die Bilder gibt, die sie verlangen, ob auf dem New Yorker Times Square, in einem Suk in Tripolis oder im vermaledeiten Afghanistan.

In der Medientauglichkeit steht seine Frau ihm in nichts nach. Sie fügt sich so geschmeidig und friktionslos in die glatte und glänzende Oberfläche der Bilderwelt wie ihr Mann, ganz egal, ob roter Teppich oder Wüstensand oder die schorfigen Abgründe des Internets. Unstimmigkeiten, dass sie sich gerade in dem Boulevardmedium über die Pornographisierung der Welt echauffiert, das eben damit seine Leser lockt und deren niederste Instinkte prompt befriedigt, werden ebenso weggewischt wie die Schamlosigkeit, einen Feldzug gegen Kindesmissbrauch im Internet gemeinsam mit einem Fernsehsender zu veranstalten, der so etwas macht, um die an seinen eigenen Sendungen stumpf gewordenen Zuschauer zu kitzliger, aber folgenloser Empörung zu reizen.

Auf Gedeih und Verderb anders sein

Und wir? Wir krummen Hölzer? Wir Erdklumpen? Wir stehen da wie die letzten Griesgrame, die Hände schützend vor die Augen gelegt, um von den Strahlen der Glanzmenschen nicht geblendet zu werden. Ihre Makellosigkeit, ihre durch ein sattes Familienvermögen abgesicherte Autonomie kitzeln unseren Neid. Oder doch nicht? Wenigstens nicht völlig. Karl-Theodor zu Guttenberg wurde im Spätsommer von einer auf Berühmtheitskult spezialisierten Zeitschrift befragt, auf den „Prüfstand“ gestellt, wie es im Unfugsjargon dieses Genres heißt, und man hofierte und umschmeichelte ihn als „Star-Minister“. Ob denn bei aller politischen Umtriebigkeit noch genügend Zeit für seine Frau bleibe, wurde er besorgt gefragt. Der Minister wäre nicht zu Guttenberg, wenn er es bei einem einfachen: „Gottlob, ja. Wir telefonieren, wenn ich nicht zu Hause bin, mehrmals am Tag“ belassen hätte. Weil alles, was ihn betrifft, in seinem auf Gedeih und Verderb Anders-sein-Wollen immer irgendwie herausgehoben sein muss aus dem erdigen Einerlei, in dem der Rest von uns feststeckt, schickt er der eigentlich völlig ausreichenden Antwort noch ein: „Und da ist jedes Gespräch eine wunderbare Bereicherung“ hinterher.

Was soll das nun wieder bedeuten? Ich telefoniere auch mit meiner Frau, manchmal sogar mehrmals täglich, und wenn sie mich dann fragt, ob ich am Morgen an das Hundefutter gedacht habe, ist die Schelte für meine Vergesslichkeit nicht wirklich eine Bereicherung, schon gar keine wunderbare. Umgekehrt empfindet sie meine nicht nur bürobedingte Einsilbigkeit auch nicht immer als Bereicherung, häufig sogar stärker als das genaue Gegenteil, eine Art Verarmung also, deren düstere Wellen manchmal bis in den Abend an die Gestade unseres gemeinsamen Lebens rollen und die nur mit viel silberzüngigem Geschick zum Verebben gebracht werden können – da wünschte ich mir manches Mal die „hohe innere Gelassenheit“ des Ministers, wie er das schlossmäßig nennt, obwohl, die würde mir wohl auch nichts bringen, denn meine Frau sähe darin höchstens so etwas wie Gleichgültigkeit, und die würde sie erst recht in Rage versetzen. Den ironischen Versuch, diese Haltung in Aufmerksamkeitsökonomie umzudeuten, schenke ich mir dann meistens lieber.

„Kairos der Fertigstellung“

Und dann klingeln mir auch noch regelmäßig die Ohren vor lauter Bedeutungsdonnern. Nie machen die zu Guttenbergs Sachen in der Öffentlichkeit einfach so, immer sind Schicksal, Pflicht, Werte und Haltung und was sonst noch alles an Gebirgsgipfelhaftem im Spiel – und dann natürlich noch der „Kairos“: Ein zu Guttenberg setzt nicht einfach einen Abgabetermin für seine Doktorarbeit in den Sand, wie das unpathetische Leute, die nicht von sogenanntem, eigentlich abgeschafftem Stand sind, tun, nein, er verpasst den „Kairos der Fertigstellung“.

Aber bei jemandem, der sich mit seinem Vater in gauklerischer Konzentration für die Nachwelt vor einem nur mit weißen Figuren bestückten Schachbrett in Pose begibt, um ihre Himmelsdistanz zu allem Irdischen zu zeigen, ist das nicht verwunderlich. Dass dann Frau und Kinder nichts weniger sind als „der unerreichte wie dauerhafte ,rechte Augenblick‘ meines Lebens“, den er also zumindest nicht verpasst hat, ist da nur noch selbstredend – auch wenn man sich vor Jahren in Berlin auf der Love Parade kennengelernt hatte, jenem bocksbeinigen Treiben also, das in einer teuflischen Verdrehung als Ausdruck von Friedfertigkeit und Lebensfreude verstanden werden wollte.

Einen weiteren „rechten Augenblick“ erwischte zu Guttenberg dann in diesem Sommer. Da wollte er die Wehrpflicht abschaffen. Und dieser Augenblick war so richtig, dass er zur Durchsetzung seines politischen Vorhabens nur noch wachsweiche Widerstände überwinden musste, die ja in Wahrheit schon längst keine mehr waren. Eigentlich ging es dabei eher zu wie auf unseren Schulhöfen, wo es bei Schlägereien ja seit einiger Zeit erst dann richtig losgeht, wenn das Opfer bereits wehrlos am Boden liegt.

Ein Bild von was auch immer

Aber irgendwer muss sie doch ertragen, diese unwirkliche Edelstahl-Perfektion? 67 Prozent der Deutschen, so hieß es im Oktober, würden sich und ihr Land von Stephanie und Karl-Theodor zu Guttenberg gut repräsentiert fühlen. Da waren es noch viele Wochen bis zum gemeinsamen Auftritt in wirklich sehr gut sitzenden Splitterwesten in Afghanistan. Der Minister kam seiner ministeriellen Fürsorgepflicht nach, während sich seine Frau auf eigenen Wunsch hin auch mal ein Bild machen wollte. Letztlich ging die Rechnung fast vollständig auf, und alle Welt konnte die Bilder bewundern, die das deutsche Adelspaar dabei zeigte, wie es sich fern der Heimat ein Bild von was auch immer machte. Der mitgereiste Talkmaster Johannes B. Kerner produzierte seine einige Tage später in der Nähe der Geisterstunde gesendete Wochenshow vom Hindukusch. Die wollte dann aber nahezu niemand sehen. Ob das an der Sendezeit allein lag? Vielleicht war es einfach nicht interessant genug, und die Leute haben vielleicht doch eine einigermaßen gute Vorstellung davon, wie es zugeht am Hindukusch, und vielleicht empfanden ja viele das Gewese um die zu Guttenbergs einfach als zu aufdringlich. Allein, mehr als ein Haarriss in der polierten Fassade dürfte diese Unbotmäßigkeit des Volkes nicht sein, als es dem Star-Minister den Quoten-Applaus versagte. Oder vielleicht doch?

Stephen King wusste, warum wir uns so viel Grauenvolles ausdenken – um mit dem wirklichen Grauen fertig zu werden. Und er hatte eine Handhabe gegen seine jähen Angriffe: „Setzt euch wieder an den Tisch! Redet! Benehmt euch völlig normal!“ Vielleicht hilft das uns ewig unzulänglichen Erdklumpen ja wirklich, wenn überall um uns herum die unwirklichen Hochglanzgestalten lächelnd ihren teuflischen Reigen aufführen. Einen Versuch ist es allemal wert.

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Jahrgang 1962, verantwortlich für politische Nachrichten.

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