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Papst Franziskus In der U-Bahn zur Macht

 ·  Es wird viel über die Bescheidenheit des neuen Papstes gesprochen. Aber in Argentinien sehen ihn Politiker auch kritisch. 1985 war für Bergoglio Frankfurt am Main eine Etappe auf dem Weg zum Papstamt.

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© LatinContent/Getty Images Volksnah: Bergoglio (Mitte) im Mai 2008 in der U-Bahn von Buenos Aires

Papst Franziskus kommt zweifelsfrei aus einem katholischen Land. Die römisch-katholische Kirche ist in Argentinien die größte Religionsgemeinschaft. Aber sie stand seit den Zeiten des Präsidenten Juan Domingo Perón in einem steten Spannungsverhältnis, manchmal auch in merkwürdiger Konkurrenz mit dem Staat. Phasen vergleichsweise gedeihlicher Koexistenz wechselten mit Versuchen, die Kirche für politische Zwecke zu vereinnahmen. Perón sah in den Kirchen und Religionsgemeinschaften, nicht nur in der katholischen, ebenso Stützpfeiler seines Regimes wie in den Gewerkschaften oder den Parteien. Neuere Forschungen wollen gar zeigen, dass Perón eine Art Vorform dessen ins Leben gerufen habe, was später „Befreiungstheologie“ heißen sollte - mit seinem Messianismus als Kultform und mit seiner Gattin Evita als Hohepriesterin einer recht weltlichen „Volkskirche“.

In diesem politisch-religiösen Ambiente ist der 1936 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geborene Jorge Mario Bergoglio aufgewachsen. Als sich der Zwanzigjährige entschloss, Priester zu werden und sich als Novize des Jesuitenordens in Santiago de Chile dem geistlichen Leben zuwandte, schien der Peronismus in Argentinien nach dem Sturz seines Erfinders 1955 am Ende. Doch der Kult um Perón und Evita hat alle Höhen und Tiefen der Politik der folgenden Jahrzehnte bis heute überlebt. Bergoglio kehrte 1964 nach Buenos Aires zurück und wurde 1969 zum Priester geweiht.

Nach einem Aufenthalt in Spanien wurde der 37 Jahre alte Ordensgeistliche 1973 zum Provinzial der argentinischen Provinz des Jesuitenordens ernannt. Das war im selben Jahr, in dem Perón aus Spanien zurückkehrte. Die Wirren vor, während und nach der kurzen Wiederkehr Peróns ins Präsidentenamt in Argentinien bis zu seinem Tod am 1. Juli 1974, die Umtriebe der Guerrilla und der aufkeimende Staatsterror waren das Vorspiel zu der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, in der die katholische Kirche eine zwiespältige Rolle spielte. Einerseits ließ sie sich von den Machthabern instrumentalisieren; Priester gaben sich dazu her, gefolterten Gefangenen, die bei den „Todesflügen“ über dem Río de la Plata in betäubtem Zustand abgeworfen wurden, vorher den Segen zu erteilen. Andererseits gab es zahlreiche Geistliche, die Widerstand leisteten und selbst zu Opfern des Staatsterrors wurden, wie etwa der Bischof von La Rioja, Enrique Angelelli.

Frankfurt war 1985 eine Station des neuen Papstes

Die Rolle Bergoglios in der „bleiernen Zeit“ ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Er selbst hat sich erst sehr spät in einem Buch und in Gesprächen mit Medien über seine damalige Haltung geäußert. Vorher habe er mit seinen Äußerungen „niemandem in die Hände spielen wollen“, sagte er. Ihm wurde vorgeworfen, für die Entführung von zwei Jesuiten mitverantwortlich gewesen zu sein. Bergoglio hatte von den beiden Patres verlangt, sie sollten ihre Sozialarbeit in einem Elendsviertel in Buenos Aires beenden, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Da sie dieser Aufforderung nicht nachkommen wollten, hätten sie ihren Austritt aus dem Orden erklärt. Daraufhin hat Bergoglio den Militärs mitgeteilt, dass die Priester nicht mehr mit dem Schutz der Kirche rechnen könnten.

Bergoglio bestritt nicht, dass er sich zweimal mit Mitgliedern der Junta getroffen und sogar in Anwesenheit der gesamten Familie des Diktators Rafael Videla einen Gottesdienst gefeiert habe. Mit diesen Kontakten habe er die Freilassung der entführten Jesuiten erreichen wollen. Außerdem betonte der jetzt zum neuen Papst gewählte Jesuit, dass er immer wieder Personen, die in die Mühlen des Staatsterrors zu geraten drohten, versteckt oder ihnen geholfen habe, Argentinien zu verlassen. Offenbar hat Bergoglio versucht, als Provinzial die ihm unterstellten Jesuiten davon abzuhalten, sich politisch zu betätigen oder sich in der Sozialarbeit zu exponieren, obwohl gerade im Jesuitenorden die „Befreiungstheologie“ auf fruchtbaren Boden fiel. Bergoglio forderte die ihm unterstellten Ordensgeistlichen auf, sich rein seelsorgerlichen Aktivitäten zuzuwenden.

In die Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie fällt ein mehrmonatiger Aufenthalt Bergoglios an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Dort hat er 1985 Rat für seine Dissertation bei verschiedenen Theologieprofessoren gesucht, zu einem Abschluss sei es jedoch nicht gekommen, heißt es in einer Würdigung Bergoglios durch die Hochschule. Aus dieser Zeit rühren auch seine Kenntnisse der deutschen Sprache. Er hat zwar auch selbst gelehrt, war zeitweise Rektor der Philosophie- und Theologiefakultät in San Miguel in der Provinz Buenos Aires. Doch hat sich Bergoglio immer vor allem als Seelsorger verstanden. Von 1992 an war er Weihbischof, seit 1998 Erzbischof von Buenos Aires, 2001 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal. Von 2005 bis 2011 führte er auch die katholische Bischofskonferenz Argentiniens.

Néstor Kirchner nannte Bergoglio einen „geistlichen Führer“

Von Anfang an nahm Bergoglio eine kritische Haltung zur Macht und zu den Mächtigen ein. Unerschrocken redete er dem langjährigen Präsidenten Carlos Menem wegen der unter seiner Präsidentschaft um sich greifenden Korruption ins Gewissen. Menem pflegte sich die Predigten ungerührt anzuhören. Die Gelegenheit, den Politikern die Leviten zu lesen, bietet sich jedes Jahr am 25. Mai, dem Nationalfeiertag, beim „Te Deum“ in der Kathedrale von Buenos Aires, zu dem traditionsgemäß die Regierungsmitglieder die ersten Bänke füllen. Macht als einzige Ideologie sei eine „Lüge“, sagte Bergoglio beim Te Deum im vergangenen Jahr. „Wir wissen schon, wohin uns die gefräßige Machtgier, das Aufzwingen des eigenen Willens und die Verunglimpfung des Andersdenkenden führt: zur Einschläferung des Gewissens und zum Verlassensein“, sagte er damals.

Doch Präsidentin Fernández Cristina de Kirchner saß nicht in der Kathedrale, als Bergoglio diese Worte sprach. Schon 2005 hatte ihr Vorgänger und Ehemann Néstor Kirchner mit Bergoglio gebrochen. Die unbequeme Predigt ein Jahr zuvor, in der der Kardinal den „politischen Exhibitionismus und schrille Ankündigungen“ der Regierung gegeißelt hatte, bewog Kirchner, die Teilnahme an dem Gottesdienst abzusagen. Er hatte die wenig frohe Botschaft auf sich bezogen.

Fortan beging das Präsidentenehepaar das Te Deum jeweils in anderen Provinzhauptstädten und suchte sich Prediger aus, die ihm gewogener waren als Kardinal Bergoglio, den Néstor Kirchner der politischen Opposition zurechnete und ihn als deren „geistlichen Führer“ bezeichnete. Das stimmt insofern, als sich vor allem Politiker der Opposition zu Bergoglio hingezogen fühlten. Einige erwählten ihn sogar zu ihrem persönlichen geistlichen Berater. Die Abneigung war vermutlich gegenseitig. Bergoglio ließ immer wieder seine Antipathie gegenüber dem Präsidentenpaar durchschimmern. Als Kirchner im Oktober 2010 starb, zelebrierte Bergoglio allerdings sogleich eine Seelenmesse für ihn.

In Buenos Aires fuhr Bergoglio U-Bahn und Bus

Mit ihrer Politik, die in immer größerem Maß politische Gegner als „Feinde“ betrachtete, haben die Kirchners die argentinische Gesellschaft schon früh gespalten. Nach dem Tod ihres Gatten radikalisierte Frau Kirchner diesen Kurs. Die öffentlichen Auftritte der Präsidentin, bei denen sie oft in belehrendem und hochfahrendem, gegenüber politischen Gegenspielern in abschätzigem, manchmal auch verletzendem Ton zu reden pflegt, stehen in krassem Gegensatz zu dem bescheidenen, aber klaren, bekenntnishaften Redestil des neuen Papstes.

Während sich Frau Kirchner nicht scheue, in modischer Aufmachung und mit ihrem Millionenvermögen im Rücken im Stil Evita Peróns über Armut zu sprechen, habe Bergoglio dem Elend in den Armenvierteln während seiner Bischofszeit in Argentinien wirklich den Kampf angesagt, heißt es. Der neue Papst sei zwar konservativ im Blick auf Doktrin und Moral, er lehne Abtreibung und Homosexuellenehe radikal ab. Er werde wohl auch keinerlei Zugeständnisse beim Zölibat oder Zulassung von Frauen zum Priestertum machen, sagen Theologen. Doch habe er mit der Entsendung von Armenpriestern in die Elendssiedlungen, mit seinem unerschrockenen Eintreten gegen Menschen- und Drogenhandel und seiner Fürsorge für Jugendliche gezeigt, dass er in seinen sozialen Visionen und seinen Auffassungen von einer sozial verträglichen Wirtschaft progressiv gesinnt sei.

In den ersten biographischen Skizzen, die über den neuen Papst veröffentlicht wurden, fehlte selten der Hinweis auf sein bescheidenes, unauffälliges Auftreten. Unauffälligkeit ist bei Bergoglio fast schon zu einem Kult geworden. Es stimmt, dass er, soweit ihm das möglich war, in seiner Heimatstadt Buenos Aires wie ein gewöhnlicher Bürger lebte, dass er alleine zurückgezogen in einer schlichten Behausung wohnte und sich selbst sein Essen bereitete, dass er die „Subte“, die U-Bahn, und Omnibusse offiziellen Dienstfahrzeugen vorzog, dass er regelmäßig seinen Mate getrunken hat und Tango wie Fußball liebte.

Auch Venezuela feiert neuen Papst

Man dürfe sich aber nicht täuschen, dass Bergoglio trotz seiner Kritik an der Macht und den Mächtigen auch selbst Macht auszuüben verstehe, sagen Personen, die ihn näher kennen. Das werde sich sehr bald in seinem Pontifikat zeigen.

Die Wahl Bergoglios zum Papst habe in Argentinien die politische Szene radikal verändert, sagen Kritiker des Kirchnerismus. Nun habe das Land zwei politische Führungsfiguren: Cristina Kirchner, die Staats- und Regierungschefin, die über 40 Millionen Landsleute herrscht, und Franziskus als Oberhaupt nicht nur des Vatikanstaats, sondern auch als geistigen Führer von 1,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Ausgestattet mit dieser Macht, werde der Papst zweifellos die Politik in seinem Heimatland beeinflussen. Vermutlich war es neben den Irrungen und Wirrungen im Verhältnis zu dem früheren Kardinal Bergoglio auch diese Erkenntnis, die Frau Kirchner zu der kühlen Reaktion auf die Papstwahl veranlasste. Sie wird nicht, wie in den vergangenen Jahren, seine Worte einfach überhören können.

Aufschlussreich wird schließlich auch sein, wie sich Papst Franziskus gegenüber den anderen lateinamerikanischen Ländern verhalten wird, vor allem jenen, die sich dem von dem verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez angeführten „Linkskurs“ angeschlossen haben. In ersten Reaktionen feierten Chávez’ politische Erben in Venezuela und die befreundeten Regierungen die Wahl des ersten aus Südamerika stammenden katholischen Oberhauptes enthusiastisch.

Doch über kurz oder lang könnte Ernüchterung eintreten. Der argentinische Papst wird gewiss die sozialen Errungenschaften in der Weltregion loben und die Regierungen ermuntern, das Grundübel anzupacken, die skandalös ungleiche Einkommensverteilung. Er dürfte allerdings auch sehr bald die zunehmende Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten ansprechen, mit deren Hilfe die Regierenden in den betreffenden Ländern ihre Macht und ihren Einfluss abzusichern versuchen. Dem sich so bescheiden gebenden neuen Papst dürfte nicht zuletzt auch der Personenkult zuwider sein, mit dem politische Anführer in pseudoreligiösen Ritualen mit großem Pomp verehrt werden, wie etwa Chávez, dessen Leichnam in einem selbst für lateinamerikanische Verhältnisse ungewöhnlich monströsen Spektakel zu politischen Zwecken missbraucht wird.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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