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Name als Verpflichtung Franziskus

Die Namensfindung eines neuen Papstes orientiert sich meist an den Titeln seiner Vorgänger. Jorge Mario Bergoglio wollte Franziskus heißen. Nicht aus einer Laune heraus, sondern als Verpflichtung und Maßstab zugleich.

© REUTERS Vergrößern Ein Leben für die Armen: Bergoglio wäscht im Jahr 2008 Aidskranken während einer Messe die Füße

Nomen est omen - nur welches? Mit vielen Namen war zu rechnen, ausgenommen natürlich Kevin, Dennis, Lasse und Maik et alii. Denn ein Papstname musste es schon sein für den neuen Papst. Noch besser, aber nicht zwingend: der Name eines Heiligen. Am besten der eines heiliggesprochenen Papstes. So macht man das. Was hätte man nicht alles schreiben können über einen Papst Clemens XV. - oder doch nicht? Der letzte dieses Namens mit der Ordnungszahl XIV. verstarb 1774 und hatte den Jesuitenorden aufgehoben.

Besser einen Papst Leo XIV. - der XIII. hatte als erster Papst über die Soziallehre der Kirche geschrieben. Das Thema ist der Welt erhalten geblieben. Warum nicht Papst Johannes XXIV.? Na ja, ein wenig kompliziert mit den römischen Ziffern, aber als Reminiszenz an den „guten Papst“ Johannes XXIII. vielleicht nicht schlecht. Denn es wäre doch gelacht, wenn der neue Johannes nicht wieder ein Konzil einberufen wollte wie sein Vorgänger.

Nicht aus einer Laune heraus

Auch über Gregor und Sixtus, vielleicht sogar über Linus oder Theodor hätten die Erinnerung an das Hauptseminar Papstgeschichte oder zur Not die Lexika manches hergegeben. Schließlich kann es in der katholischen Kirche gar nicht anders sein, als dass alles Neue bruchlos aus dem Alten hervorgeht. Und wenn es doch einmal anders sein sollte, dann macht es auch nichts. Dann reden sich die Theologen die Sache so lange schön, bis alles passt. Hermeneutik der Kontinuität nennt man das.

Doch der Mann, der am Mittwochabend als Nachfolger von Papst Benedikt XVI. die Benediktionsloggia des Petersdomes betrat, nannte sich weder so noch so. Jorge Mario Bergoglio wollte Franziskus heißen. Und das nicht aus einer Laune heraus. Denn keine andere Heiligengestalt mit Ausnahme der Elisabeth von Thüringen ruft in der katholischen Welt stärkere Gefühle und radikalere Assoziationen wach als der Name dessen, der im Jahr 1226 mit den Wundmalen Christi am Leib als „poverello“ (kleiner Armer) in der Nähe seiner Heimat Assisi starb.

Solch eine revolutionäre Entscheidung trifft niemand unbedacht. Auch Kardinal Bergoglio nicht. Schon nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. vor acht Jahren war er ein Anwärter auf das Papstamt. Damals obsiegte Joseph Kardinal Ratzinger. Er nannte sich Benedikt. So wollte der Argentinier jetzt nicht heißen. Und so hätte er sich wohl auch im April 2005 nicht genannt.

Prunk und Pomp zuwider

Denn schon damals machten Geschichten über ihn die Runde, die aus den „Legenden“ über das Leben eines heiligen Franziskus stammen könnten, hätte dieser nicht in der Toskana des 13. Jahrhunderts gelebt, sondern in der Millionenstadt Buenos Aires. Seither sind es noch mehr geworden. Ein Kardinal-Erzbischof, dem Prunk und Pomp zuwider sind. Der das Leben der einfachen Leute lebt. Der Aidskranken die Füße wäscht. Der als einer der Ersten bei den Opfern des Terroranschlags auf das jüdische Kulturzentrum ist.

Der die Perversion der Macht durch die Mächtigen so oft mit Worten geißelt, dass diese einen Bogen um ihn machen (und der von diesen längst politisch erledigt worden wäre, hätte er während der Militärdiktatur auch nur die geringste Schuld auf sich geladen). Der jetzt, vor Beginn des Konklaves, vor den versammelten Kardinälen von der Reinheit der Kirche spricht und den grassierenden Karrierismus Sünde genannt hat.

Das ruft Bilder wach, die sich tief in die Geschichte nicht nur der Kirche, sondern der Menschheit eingegraben haben. Da ist der Kaufmannssohn Francesco, der vom Leben eines Troubadours träumt, die Hand eines Leprakranken küsst und sich schließlich mit „Frau Armut“ vermählt. Da ist der Bettler, zu dem Christus vom Kreuz herab spricht und sagt: „Franz, siehst du nicht, wie mein Haus verfällt? Geh und stelle es wieder her!“

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Da ist der Minderbruder, der im Lager der Kreuzzügler vom Frieden predigt und vor dem Sultan von Ägypten von der Wahrheit des Gottes Jesu Christi überzeugen will. Nicht zu vergessen der, der den Vögeln predigt und im „Sonnengesang“ das Lied der guten Schöpfung singt. Schon wer sich in seinem Handeln ausdrücklich in diese Traditionslinie stellt, ist kühn, wenn nicht tollkühn. Noch kühner, wenn nicht geradezu anmaßend ist es, sich als Papst diesen Namen zu geben.

Wobei das Lateinische „sibi imposuit“, wie es von der Loggia aus verkündet wurde, mehr bedeutet als „er gab sich“. Jorge Mario Bergoglio hat diesen Namen „sich auferlegt“ - als Verpflichtung und Maßstab zugleich. Kann das gutgehen? Die geistlichen Erben des Ordensgründers Franziskus sind unter der Last des ungebremst-utopischen Überschusses des Heiligen mehr als einmal zusammengebrochen.

Im 16. Jahrhundert musste Ignatius von Loyola kommen und mit den „Jesuiten“ einen neuen, zeitgemäßeren Ordenstyp formen. Jetzt kommt ein Jesuit und nennt sich Franziskus. Jorge Mario Bergoglio wusste genau, was er tat. Er weiß auch, dass er an den Erwartungen gemessen wird, die er geweckt hat. Nomen est omen.

Quelle: F.A.S.

 
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