Home
http://www.faz.net/-gpf-77cok
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Missbrauchsbeauftragter des Vatikans „Geistlichen nicht blind vertrauen“

„Es war wie ein Tsunami“: Der langjährige Missbrauchsbeauftragte des Vatikans, Charles Scicluna, fordert Konsequenzen aus der großen Zahl von Fällen sexueller Gewalt von Klerikern gegen Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene. Ausdrücklich lobt er Ratzingers Rolle bei der Aufarbeitung.

© REUTERS Vergrößern Charles Scicluna, Weihbischof in Malta, kritisiert ein „Defizit in der Priesterausbildung“

Der langjährige Missbrauchsbeauftragte des Vatikans hat Konsequenzen aus der großen Zahl von Fällen sexueller Gewalt von Klerikern gegen Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene gefordert. „Alle müssen lernen, Geistlichen nicht blind zu vertrauen“, sagte Charles Scicluna, heute Weihbischof in Malta, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.). „Sie sind Menschen wie Du und Ich, mit Stärken und Schwächen.“

Als Verwalter einer Sache, die Gott ihnen anvertraut habe, müssten sie Rechenschaft ablegen über ihr Handeln. Weil Übergriffe nie ausgeschlossen werden könnten, „müssen wir die Familien, Gruppen und Gemeinden in die Lage versetzen, die Anzeichen von Missbrauch zu erkennen und nicht wegzuschauen, sondern rechtzeitig und gut zu reagieren und die Wahrheit ans Licht zu bringen“, sagte Scicluna.

„Kardinal Ratzinger hatte dieses Problem schon früh erkannt“

Scicluna war als „promotor iustitiae“ zwischen 2002 und 2012 für die kirchenrechtliche Bearbeitung der Missbrauchsfälle zuständig, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gemeldet wurden. Er äußerte sich gegenüber der F.A.S. erstmals ausführlich über seine Tätigkeit und  würdigte die besonderen Verdienste, die sich Joseph Kardinal Ratzinger schon in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation bei der Aufarbeitung erworben habe. „Kardinal Ratzinger hatte dieses Problem schon früh erkannt“, sagte Scicluna.

Vatican Church Abuse © dapd Vergrößern Charles Scicluna Anfang Februar in Rom: „Die Wahrheit macht uns frei“

Auf Ratzingers Betreiben habe Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 neue Bestimmungen über die Ahndung sexueller Gewalt erlassen. Danach, sagte der Bischof, sei kein Halten mehr gewesen: „Es war wie ein Tsunami“, sie seien in zehn Jahren mit rund 4000 Meldungen über Missbrauch überschüttet wurden, die meisten aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Italien, Deutschland, Irland und Polen.

„Der öffentliche Druck war sehr wichtig“

Scicluna würdigte in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Medien: „Der öffentliche Druck war sehr wichtig“, bekannte er. So reifte in der Umgebung Ratzingers bald die Einsicht, dass es nur eine Antwort auf die Skandale geben könne: „Die Wahrheit macht uns frei. Wenn wir Dinge verschweigen und vertuschen, werden wir niemals Kinder des Lichtes sein.“

Der 52 Jahre alte Geistliche, der als Kind maltesischer Eltern in Kanada aufwuchs und an der Jesuiten-Universität in Rom im Fach Kirchenrecht promoviert wurde, zeigte sich gewiss, dass die katholische Kirche beim Thema Missbrauch nicht mehr in alte Muster zurückfallen werde. Scicluna sagte, es gebe keinen direkten Zusammenhang zwischen der Verpflichtung der katholischen Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) und sexueller Gewalt. Die Frage sei allerdings, warum der Zölibat nicht als „Extraschutz“ gewirkt habe. „Ein Zölibatärer sollte gelernt haben, seine sexuellen Impulse zu kontrollieren. Daher haben wir es mit einem Defizit in der Priesterausbildung zu tun.“

Mehr zum Thema

Das vollständige Interview mit dem langjährigen Missbrauchsbeauftragten des Vatikans, Weihbischof Charles Scicluna, lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.)

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kriminalstatistik Täglich werden 40 Kinder missbraucht

In Deutschland wurden 2014 gut 100 Kinder getötet, deutlich weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Missbrauchsopfer ging leicht zurück – allerdings blieb sie auf hohem Niveau: Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 14.395 Fälle. Mehr

19.05.2015, 14:08 Uhr | Gesellschaft
Thailand Das erste Blindenorchester

In Thailand werden Behinderte vielfach von der Gesellschaft ausgegrenzt. Alongkot Chukaew aus Bangkok wollte das nicht hinnehmen und hat ein Orchester für blinde Kinder und Jugendliche gegründet. Mehr

23.03.2015, 10:58 Uhr | Gesellschaft
Psychische Störungen Mobbing schadet Kindern mehr als Misshandlung

Mobbing durch Gleichaltrige schadet der psychischen Gesundheit von Kindern langfristig mehr als Misshandlungen durch Erwachsene, zeigt eine Studie. Müssen Kinderschutzbehörden umdenken und sich auf Schulen konzentrieren? Mehr Von Christina Hucklenbroich

18.05.2015, 13:04 Uhr | Wissen
Erfolg für nigerianische Armee Hunderte Menschen aus Händen von Boko Haram befreit

Die nigerianische Armee hat mehr als 200 Frauen und Kinder aus der Gewalt von Boko Haram befreit. Mehr

06.05.2015, 17:03 Uhr | Politik
Pädophilie-Vorwürfe Die Grünen müssen den Tätern ein Gesicht geben

Die Berliner Grünen haben bis Mitte der neunziger Jahre pädophile Mitglieder in ihren Reihen geduldet. Frauke Homann, einstige Sozialarbeiterin in Berlin-Kreuzberg, spricht über das Netzwerk der Pädophilen, über Vertuschung und die Fehler der Grünen. Mehr Von Christian Füller

20.05.2015, 18:20 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 02.03.2013, 13:32 Uhr