http://www.faz.net/-gpf-77ppq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.03.2013, 16:00 Uhr

Audienz im Vatikan 15 ungewöhnliche Minuten mit Bruder Franziskus

Vor rund 6000 Journalisten hat Papst Franziskus im Vatikan erläutert, was er in seinem Pontifikat vor hat - und sich bei den Medienvertretern für ihre Arbeit bedankt. Die waren verblüfft. Es blieb nicht die einzige Überraschung an diesem Tag.

von , Rom
© dpa Ein fast schon vertrautes Lächeln: Papst Franziskus stellt sich den Fragen der Journalisten

Papst Franziskus möchte eine „arme Kirche für die Armen“ und für den Frieden. In nur einem Satz hat der neue Papst am Samstagmorgen in der Audienzhalle Paul VI. im Vatikan sein gesamtes Programm ausgebreitet. Er ist der Kern seiner Rede vor 6000 Journalisten, bei denen sich der Papst für ihre Arbeit während der Generalkongregationen und des Konklaves bedanken will. Aber dieser Satz steht nicht im Manuskript, das zuvor einige Mitarbeiter des Vatikans erhalten hatten.

Jörg Bremer Folgen:

Wieder überrascht der frühere Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien. Rom muss sich umstellen. Zwar sitzt auch dieser Papst bei der traditionellen Begegnung mit der Presse zu Beginn einer Amtszeit in weitem Abstand von den Audienzteilnehmern, und auch er sitzt erhöht. Aber kleine Gesten, ein schon fast vertraut erscheinendes Lächeln und seine Sprache lassen jeden Abstand schnell dahinschmelzen: „Liebe Freunde; ich grüße jeden einzelnen von euch!“ Da spricht Bruder Franziskus.

„Vergiss die Armen nicht“

Journalisten sind es nicht gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen, und schon gar nicht, gelobt zu werden. Franziskus aber preist ihren „qualifizierten Dienst in den letzten Tagen“ und schlägt beide Hände auf den Schoß: „Ihr habt so hart gearbeitet“; denn es gehe es bei der Beschreibung der Kirche um komplexe Themen wie Glauben und Christus und Traditionen und Geschichte. Dabei seien kirchliche Ereignisse letztlich nicht komplizierter als politische, sagt er weiter. Aber sie entsprächen eben nicht weltlichen Kategorien. Deshalb seien sie einem breiten Publikum nur so schwer zu vermitteln.

Irgendwie kommt Franziskus dieser Diskurs offenbar selbst etwas kompliziert vor, und so schaut er plötzlich vom Text weg ins Publikum, das ihm gebannt folgt. Alle Kardinäle hatten zu Beginn des Konklaves geschworen, die Ereignisse in der Sixtinischen Kapelle nicht nach draußen zu tragen. Aber Franziskus öffnet ein wenig den Vorhang. Im Konklave habe er neben seinem „großen und alten Freund“ gesessen, dem früheren Erzbischof von São Paulo, Cláudio Hummes, einem Franziskaner: „Als die Sache etwas gefährlich wurde, tröstete er mich; und als die Stimmenzahl die Zweidrittelmehrheit erreichte und der Beifall folgte, weil ich zum Papst gewählt worden war, sagte er zu mir: Vergiss die Armen nicht!“

„Wissend, dass manche von Euch nicht glauben“

In dem Moment habe er an Franz von Assisi gedacht; und während die Abstimmung weiter gelaufen sei, sei ihm Franziskus nicht mehr aus dem Sinn gegangen: „der Mensch der Armut und des Friedens; der Mensch, der die Kreatur schützte“. Die Menschen von heute hätten keine gute Beziehung zur Schöpfung, aber „ich möchte eine arme Kirche für die Armen“, sagt Papst Franziskus dann. Tiefes, fast erschrockenes Schweigen liegt über dem Saal; selten erleben Journalisten, erlebt die Welt die Namensgebung eines Papstes mit. Aber Franziskus bricht dieses Schweigen auch wieder. Er hätte sich natürlich auch Clemens XV. nennen können, um sich an Clemens XIV. zu rächen, der den Jesuitenorden bedrängte, sagt er. Die Leute lachen befreit.

General audience with Pope Francis © dpa Vergrößern Ungeheures Medieninteresse: 6000 Journalisten nahmen an der Audienz am Samstag teil

Es sind nur 15 Minuten seit Beginn der Audienz vergangen, aber in dieser kurzen Zeit ist schon ein wichtiges Kapitel der Kirchengeschichte geschrieben worden. Selten öffnete sich ein Papst in der Neuzeit so stark. Dabei drängt sich Franziskus nicht auf. Im Sitzen und nicht mehr auf Italienisch, sondern in seiner Muttersprache spendet er auf Spanisch den Segen, „wissend, dass manche von euch nicht zur katholischen Kirche gehören und andere nicht glauben; aber auch wissend, dass jeder von euch ein Kind Gottes ist“. Er schlägt nicht das Kreuz, aber öffnet seine Kirche und sich der ungläubigen Welt.

Gerührt nehmen sich viele in der ersten Reihe ein Herz, als es ihnen erlaubt wird, Franziskus persönlich zu begrüßen. Sie belassen es nicht bei einer respektvollen Verbeugung, sondern sie fallen Bruder Franziskus um den Hals.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Priesterjubiläum Franziskus ehrt seinen Vorgänger

Vor 65 Jahren wurde der ehemalige Papst Benedikt Priester. Sein Nachfolger Franziskus hat ihn nun zu einem Festakt in den Vatikan geladen. Das Treffen sagt viel über das Verhältnis der beiden aus. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

28.06.2016, 16:02 Uhr | Gesellschaft
Brexit Papst fordert Kreativität und Erneuerung für EU

Papst Franziskus hat sich nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien zum Zustand der Europäischen Union geäußert. Etwas funktioniere nicht, an der schwerfälligen Gemeinschaft, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche auf einem Flug nach Rom. Mehr

27.06.2016, 15:18 Uhr | Politik
Vatikan Miss Germany trifft Papst

Premiere im Vatikan: Zum ersten Mal hat ein Papst eine Miss Germany im Vatikan empfangen. Vielleicht lag es auch am beruflichen Hintergrund der 26 Jahre alten Lena Bröder. Mehr

15.06.2016, 15:49 Uhr | Gesellschaft
Stiftungsarbeit Papst ehrt George Clooney, Salma Hayek und Richard Gere

Papst Franziskus hat die amerikanischen Schauspieler Richard Gere und George Clooney bei einer Veranstaltung am Sonntag im Vatikan ausgezeichnet. Ebenfalls die Schauspielerin Salma Hayek, die mit ihrer Tochter Valentina kam. Die Stars wurden für ihre Stiftungsarbeit geehrt. Mehr

30.05.2016, 16:10 Uhr | Feuilleton
Papst Franziskus Wir Kindsköpfe

Der Papst spricht seinen Zeitgenossen ab, bei Eheschließungen zu wissen, wofür sie sich entschieden haben. Und macht sie so zu unselbständigen Anhängseln einer Kultur der Vorläufigkeit. Mehr Von Christian Geyer

23.06.2016, 22:10 Uhr | Feuilleton