LEIPZIG, 3. Juli. Zu Tausenden sind die Leipziger am Freitag, dem Eröffnungstag, ins Gondwanaland geströmt. Gondwana, das war vor vielen Millionen Jahren ein Urkontinent, der auf der südlichen Erdhalbkugel das heutige Südamerika, Afrika und den indischen Subkontinent umfasste. Gondwanaland ist heute Europas größte Tropenhalle mitten in Leipzig. 17 000 Pflanzen wachsen hier, dazwischen leben 300 Tiere. Auch das schielende Opossum Heidi hat dort seine neue Wohnstatt gefunden. Die Abtrennungen und Schutzzäune sind so gut in der tropischen Landschaft versteckt, dass man zuweilen glaubt, es gäbe sie gar nicht. Die ersten Besucher scheinen begeistert. Selbst die Forschung verspricht sich einiges von dem Projekt.
Ungefähr 67 Millionen Euro hat Gondwanaland gekostet. Mehr als 32 Millionen Euro zahlte das Land Sachsen, der Zoo ist mit rund 23 Millionen beteiligt, und die Stadt Leipzig muss gut 11,5 Millionen Euro überweisen. Das ist zwar der kleinste Anteil, dennoch fragt sich mancher, ob sich Leipzig das leisten kann. Auf der Stadt lasten Schulden von 700 Millionen Euro.
Leipzig gilt als "Armutshauptstadt" Sachsens. Das liegt an der relativ hohen Zahl der Hartz-IV-Empfänger im Vergleich zu Dresden und Chemnitz. Wer in die Stadt reist, spürt schnell auf den Hauptverkehrsadern, den Magistralen, und erst recht auf den Nebenstraßen, dass es um die Straßen in Leipzig nicht gut bestellt ist. Nur das Notwendigste wird repariert und ausgebessert. Oberbürgermeister Jung (SPD) sagt, man lebe "von der Substanz". Der Investitions- und Renovierungsstau bei den Schulen und Kitas beläuft sich auf insgesamt 600 Millionen Euro. Bei einem Stadtetat von 1,4 Milliarden Euro, ist der nicht mit einem Schlag aufzulösen. "Wir bleiben da Stück für Stück dran", sagt Jung. "Aber wir müssen sehen, woher wir kommen."
Leipzig hat nach der Wende mehr als 100 000 Arbeitsplätze verloren. Als Jung 2006 ins Amt kam, lag der Schuldenstand noch bei 900 Millionen Euro. Die Arbeitslosenquote lag bei 21 Prozent, jetzt beträgt sie zwölf Prozent. "Da haben wir schon ein ordentliches Stück abgebaut." Neue Schulden werden nicht gemacht. Seit Jahren weist der Haushalt am Ende eine schwarze Null auf. "Leipzig ist im Kommen", sagt Jung und verweist auf das Wachstum der Stadt. 20 000 Einwohner hat Leipzig in den letzten Jahren hinzugewonnen, gut 522 000 Menschen leben hier.
Tatsächlich ist Leipzig wohl die urbanste Stadt Sachsens. Quirlig geht es im Stadtzentrum zu. Man findet kleine Geschäfte und Boutiquen neben großen Kaufhäusern. Es gibt Plätze zum Verweilen und Fußgängerzonen zum Flanieren. Weil die Universität mitten in der Stadt liegt und die Studenten zwischen den Instituten und der Mensa quer durch das Zentrum eilen, wirkt dieses auch jung und lebendig. Leipzig ist auch grün. Ein breiter Grünstreifen, der sich um das Zentrum verjüngt und dann wieder ausdehnt, führt durch das Stadtgebiet. Wasseradern, die Pleiße, die Weiße Elster und die Parthe begleiten ihn. Die Wohngebiete entlang der grünen Zone sind begehrt, die alten Stadthäuser aus der Gründerzeit größtenteils saniert. Aber es gibt auch Problemviertel. Grünau zum Beispiel im Westen der Stadt. Dort wurden zu DDR-Zeiten Plattenbauten für 80 000 Menschen errichtet. Heute leben noch 45 000 dort. Obwohl schon einige tausend Wohnung zurückgebaut - was nichts anderes heißt als abgerissen - wurden, ist der Leerstand noch hoch. Für die verbliebenen Bewohner muss das Gebiet lebenswert gemacht werden, Grünanlagen müssen angelegt, Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten zwischen den Häuserzeilen geschaffen werden. Das ist noch ein großes Stück Arbeit. Auf der anderen Seite im Osten der Stadt ist der Baubestand alt und nicht besonders hochwertig. Es ist ein sanierungsbedürftiges Gebiet, das die Stadt auch sozial herausfordert.
"Wir müssen das eine tun und dürfen das andere nicht lassen", sagt Jung trotzdem. Das eine ist die Pflicht, das andere sind Investitionen in die Zukunft. Jung meint damit zum Beispiel Projekte wie das Gondwanaland oder das "Mahler-Festival" und das Kongresszentrum, das beim Zoo errichtet wird. Vor allem aber meint Jung damit den Ausbau des Lindenauer Hafens, das größte und schwierigste Zukunftsprojekt der Stadtentwicklung. "Wohnen und Leben am Wasser geht immer", sagt er und verweist auf die Speicherstadt in Hamburg. Auf den Flächen am Lindenauer Hafen sollen neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen. Die Wasserwege sollen ausgebaut werden und bis hin zum Neuseenland im Süden Leipzigs führen. Das Neuseenland, das sind die Restlöcher des Braunkohletagebaus, der dort bis zur Wende seinen Platz hatte. Wenn es nach den Plänen der DDR weitergegangen wäre, hätten sich die Braunkohlebagger bis in die Stadt hineingefressen. Nun entsteht dort eine Seenlandschaft, die einmal Wassersportler aus der ganzen Bundesrepublik anziehen soll.
Doch als Projekt der Stadtentwicklung ist der Hafenausbau nicht förderfähig. Das hat der sächsische Wirtschaftsminister Morlok (FDP) noch in der vergangenen Woche bekräftigt. Nur wenn wertschöpfende, also produzierende Unternehmen dort angesiedelt werden, können Bundesmittel für den Aufbau Ost fließen. Im Nordosten der Stadt baut BMW gerade eine neue Produktionslinie für das geplante Elektroauto auf, und Porsche errichtet neue Hallen und Arbeitsplätze. Vergleichbares wird am Lindenauer Hafen kaum möglich sein, aber die Menschen könnten dort wohnen. Nun wird in der Stadtverwaltung daran gearbeitet, wie man beides miteinander verbindet.
Lebens- und Wohnqualität, Arbeitsmöglichkeiten und Kultur - alles stimme in Leipzig, fasst Jung seine Sicht zusammen. "Wir sind als Stadt in", sagt er. Um bei der Kultur keine Abstriche machen zu müssen - immerhin spielt das Leipziger Gewandhausorchester in der Weltliga der Sinfonieorchester vorne mit -, ficht er gerade einen Rechtsstreit mit der Landesregierung aus. Die nämlich hat das sächsische Kulturraumgesetz so verändert, dass Leipzig eine Million Euro weniger für Kulturausgaben bekommt. Und eine Million ist eine Menge Geld, wenn eine Stadt schon 700 Millionen Euro Schulden hat.