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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Die Queen in Deutschland Im Stechgänseschritt

01.11.2004 ·  Daß der Krieg schon vorbei ist, gilt vielen Briten als vorlaute These aus einem Land, das nur ein Schwarzweißfilm aus der Zeit von 1914 bis 1945 ist. Doch da die Queen ungestraft deutsch geheiratet hat und an Heiligabend beschert, wird der Staatsbesuch schon gutgehen.

Von Bernhard Heimrich
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Bei Hofe gibt es ja auch gute Nachrichten. Michael Bowes-Lyon, Graf von Strathmore and Kinghorne, der gegenwärtige Hausherr des schottischen Glamis Castle, in dem die Mutter der Königin aufgewachsen war, ist glücklich, weil er endlich geschieden ist. Es hatte ein bißchen gedauert, aber dann konnten seine Rechtsanwälte und Ärzte mit wachsendem Nachdruck, ja beginnender Panik argumentieren, wenn der 47 Jahre alte Graf sich Druck ausgesetzt fühle, neige er, einer alten Familientradition folgend, zu prägnant erhöhtem Alkoholkonsum, und das beschädige die Gesundheit Seiner Gnaden. Außerdem erwartet die Freundin ein Kind.

Lady Davina Windsor wiederum ist glücklich, weil sie endlich heiraten durfte. Die Sechsundzwanzigjährige ist die Tochter des Herzogs von Gloucester und steht auf Platz 20 der britischen Thronfolge. Das heißt, sie kommt gleich hinter dem Earl of Ulster. Ihr Mann ist 33 Jahre alt und ein Maori-Bauarbeiter, Sohn eines mit vielen Preisen ausgezeichneten Wett-Schafscherers aus Neuseeland und Vater eines ganz entzückenden elfjährigen Jungen, den ihm einmal eine Schulfreundin geschenkt hatte. Der neuseeländische Ureinwohner und die altenglische junge Lady waren einander vor drei Jahren am Strand von Bali begegnet. Die Verbindung wird allerorten mit freudiger Genugtuung begrüßt, denn welche britische Familie von Stand wäre nicht unbändig erleichtert, wenn die Tochter einen Maori ins Haus bringt, der sich am Bau auskennt. Lady Rose Windsor hat ihrer Schwester neidlos ein Kompliment gemacht: Ihr sei "ja ein toller Fang" gelungen!

Prinz „Kentski“ und die Russen

Auch die königliche Familie richtet einen neuen Blick zu alten Horizonten. Seit dem Ende der Sowjetunion hat Prinz Michael von Kent, ein Cousin Ihrer Majestät, die Russen entdeckt und diese ihn. Zu Hause mag er vor allem bekannt sein wegen seiner märchenhaften Schulden und seiner Frau, einer geborenen Baronin von Reibnitz; in diesem Land heiratet niemand "deutsch", selbst wenn es österreichisch wäre oder noch eine Ecke weiter, und kommt ungestraft davon. Wer wüßte das besser als die Königin. Doch in Rußland erkennt man in dem Prinzen nur den Nachfahren des letzten Zaren.

Die Ähnlichkeit ist tatsächlich fast gespenstisch, vor allem, weil er sie mit dem Arrangement des Bartes und würdigem, aber gewinnendem Auftreten und jener winzigen Prise Traurigkeit, die man im Osten schätzt, noch ein bisserl pflegt. Selbst die Sibiriaken von Perm haben begeistert geklatscht, als "Prinz Kentski" sie besuchen kam. Als er einmal bei einem Rundgang durch die Hermitage sinnend, würdig und ganz leicht traurig vor einem Gemälde des Zaren Nikolaus verharrte, wurde die Szene seinen Begleitern vom St. Petersburger Protokoll so unheimlich, daß sie sich fast bekreuzigt hätten, linksherum. Will sagen, Prinz "Michail" reist gern nach Rußland, und oft. Aber so hoch ihm der Puls auch manchmal schon im Hals geschlagen haben mag, er hat noch immer keinen Antrag gehört.

Prinz Charles ist „typisch deutsch“

Mit Deutschland, wo Königin Elisabeth am Dienstag ihren Staatsbesuch beginnt, hat die Familie noch engere und ältere Verbindungen. In der britischen Gesellschaft gilt die ganze Sippe, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, geradezu als deutsch. Das ist ausnahmsweise ein Vorteil; denn wenn jemand der Familie etwas Schlechtes nachsagen will, kann er das dem deutschen Teil ihres Stammbaums anlasten. Prinz Charles beispielsweise ist so ein weinerlicher Waschlappen, weil das "typisch deutsch" sei. Nur die Königin bleibt respektvoll unangetastet, obwohl sie sogar "einen Deutschen" zum Mann genommen hat. Vielleicht etwas überflüssig, aber ganz neutral wird nur jede Weihnachten immer wieder berichtet, Elisabeth lasse am Heiligabend bescheren und nicht, wie unter echten Briten üblich, am Weihnachtsmorgen.

Uneingeschränkte Verehrung kann die Königin dagegen in Deutschland erwarten. Bei der gegenseitigen Wertschätzung dieser zwei Nationen gilt ohnehin eine variable Geometrie. Deutsche, vor allem solche, die zur falschen Gelegenheit ein Tweedjacket mit Lederplätzchen am Ellenbogen anziehen, begeistern sich über alles Englische, und Briten reden verächtlich über alles Deutsche. Wenigstens letzteres war auch einmal anders, und die Gegenbeispiele werden in den Festreden der nächsten Tage bestimmt wieder wortreich gerühmt. Man denke nur an Cecil Rhodes zur guten alten Zeit Bismarcks und Viktorias, der für seine Stipendien zuerst nur die zwei am höchsten geschätzten Nationalitäten seiner Welt zugelassen hatte: Deutsche und Amerikaner. Das argloseste Beispiel deutsch-britischer Ahnungslosigkeit ist das "Dinner for One" vom Silvesterabend. Deutsche Fernsehzuschauer begehen den Sketch als Kultereignis, auf der Insel hat man davon noch nie gehört. Er ist überhaupt nur bekannt, weil britische Korrespondenten alle paar Jahre einmal verwundert von der deutschen Psychose berichten. Umgekehrt verhält es sich mit dem "Cabaret"-Mythos. Den Film mit Liza Minelli kennen natürlich auch die Deutschen, und in Berlin steht ihre Nachfolgerin gerade wieder auf der Bühne und singt der Königin "Willkommen, Bienvenue, Welcome!" entgegen. Doch Christopher Isherwood, der in den dreißiger Jahren in Berlin gelebt hatte und das britische Bild der Weimarer Zeit, ja sogar des Berlins von heute prägt wie kein anderer, hat nur im hiesigen Publikum eine Gefolgschaft. Englische Isherwood-Fans oder, auf diesem Umweg, Berlin-Schwärmer pilgern an die Spree und besuchen andächtig Isherwoods frühere Adresse in Schöneberg. In Deutschland aber, so sagt man jedenfalls in London, ist der Mann so gut wie unbekannt.

Berlin: Neuer Geheimtip für „Stagnights“

Ein ganz anderes schräges Element bringen die Billigflüge nach Berlin. Unternehmungslustige junge Briten haben eine Stadt entdeckt, die bisher für sie exotischer war als Minsk, deren meiste Bewohner aber, seien wir ehrlich, besser Englisch sprechen als sie selbst. Dank "Easy Jet" und dergleichen können sie jetzt hier nicht nur billiger und länger Bier trinken als zu Hause, wo aus Rücksicht auf die Rüstungsarbeiter des Ersten Weltkriegs der Zapfhahn um halb zwölf zugedreht wird, sondern vorher auch noch ein berühmtes Haus besichtigen, das sich kürzlich ein englischer Lord hier gebaut hat, den sogenannten Räschtäg. Oder so.

Bis jetzt war Dublin der Geheimtip für ihre "Stagnights" gewesen, die robuste britische Version des auswärtigen Polterabends. Seitdem aber selbst irische Pubs anfangen, die englischen Wettsäufer vor die Tür zu werfen, bevor sie Mobiliar, Wirt und Gäste kurz und klein schlagen, zieht es die Truppe mit unerklärlicher Gewalt nach Berlin. Ist es die geheimnisvolle, sirenenhafte Anziehungskraft des Bundesaußenministers mit dem ungeliebten amtlichen Vornamen Joseph, der in seiner Sturm-und-Drang-Zeit selbst einmal mit ähnlichen Putzkolonnen die Straßen von Polizei geräumt hatte? Aber auch diese schwierigen Gäste von der Themse tragen bei zum Wunder an der Spree: Mit 130.000 stellen die Briten in diesem Jahr zum erstenmal das größte Kontingent der ausländischen Besucher.

Schwarzweißfilm aus dem Krieg von 1914 bis 1945

Zur anderen Seite dieses Kontrastprogramms gehört, daß der Gemütsruhe des deutschen Zeitungslesers auf der Insel immer noch am besten gedient ist, wenn er nach dem Wort "Germany" nicht mehr weiterliest. Allzu oft wird er das Stichwort ohnehin nicht finden. Im Prinzip ist "Deutschland" ein Schwarzweißfilm aus dem Weltkrieg von 1914 bis 1945, und die Nationalhymne der Bundesrepublik lautet "Uber alles". So erfahren es die Zuschauer der Sportschau. Ein Witz ist mißlungen, wenn er "abstürzt wie ein Stuka über Stalingrad". Das war ein Beitrag in einer Sendung für Intellektuelle. Von Hitler ist so oft und eindringlich die Rede, daß besonders dumme Schüler schon angegeben haben, er sei der britische Premierminister des Zweiten Weltkriegs gewesen.

Selbst Außenminister Joseph Fischer hat vorige Woche in einem BBC-Interview undiplomatisch gerügt, wenn seine heranwachsenden Kinder wissen wollten, was ein deutscher Stechschritt sei, müßten sie gleichaltrige Briten fragen. Am Tag danach erläuterte ein Kommentator, man hänge nur deshalb so am Krieg und Stechschritt, den man mit landesüblicher Ahnungslosigkeit hier übrigens "Goose Step" nennt, also Gänsemarsch, weil "Britain's Finest Hour" nun einmal 1940 geschlagen habe und weil das zugleich auch schon der Schluß der Vorstellung gewesen sei; denn seither gehe es nur noch bergab.

Hofknicks nicht das, was ein Meßdiener vor dem Altar tut

Die Anweisung des Lautsprechers bei der Ankunft auf der Insel: "Bitte stellen Sie Ihre Uhr eine Stunde zurück!" ist natürlich sowieso die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber nirgendwo ist sie frappierender als im Fall dieses Filmrisses beim mißglückten Gänsemarsch aus dem Jahr 1940 in die Gegenwart, gar nicht zu reden von der Zukunft. Deshalb hat die Bundesregierung vor dem Staatsbesuch kurzentschlossen 24 englische Geschichtslehrer zu einer Rundreise durch die Bundesrepublik eingeladen. Sie sollten mit eigenen Augen die vorlaute deutsche These prüfen, der Zweite Weltkrieg sei schon vorbei, und den Befund dann unter anderen, vor allem jungen Bewohnern der Insel verbreiten.

Doch jetzt wird ein strahlendes Programm erst einmal alle Schatten erhellen. Für Deutsche sind der Mummenschanz und das Protokoll vielleicht ungewohnt; aber mit zwei Faustregeln kann gar nichts schiefgehen. Erstens stelle man sich immer vor, es sei nicht 2004, sondern 1904 oder, noch besser, 1804. Und zweitens werden bei Gelegenheit einer "Royal Presence" alle anderen Menschen zu Kindern einer glücklichen viktorianischen Familie: Man sieht sie, aber man hört sie nicht. Will sagen, niemand spricht die Königin an, vielmehr wendet sie sich einem Gesprächspartner zu. Ist es ein Mann im "Black Tie", so nämlich heißt der deutsche Smoking auf englisch, verbeuge er sich nicht bis zum Teppich wie ein schwäbischer Bürgermeister der Nachkriegszeit vor einem französischen Offizier; die korrekte Form ist vielmehr, daß er erstarrt, als hätte er gerade einen preußischen Ladestock verschluckt, und zackig einmal den Kopf neigt. Faßt die Königin hingegen eine Dame ins Auge, sollte die eigentlich in einem Hofknicks wegschmelzen. Das gilt aber nur, wenn sie die Prozedur gelernt hat. Denn andernfalls sieht es aus, als hätte sie einen kleinen hydraulischen Unfall gehabt, und die Herren Höflinge können abends beim Abpudern wieder nicht aufhören, miteinander darüber zu kichern. Jedenfalls ist ein Hofknicks nicht einfach das, was ein Meßdiener am Altar abliefert.

An diese Stimme hat man sich dann rasch gewöhnt. Der königliche Händedruck ist kräftig, denn Elisabeth pflegt das Manöver zu nutzen, um sich und den Gesprächspartner sachte in Gegenrichtung voneinander wegzuschieben, damit das nicht wieder ewig dauert. Die Anrede ist nach der ersten Frage und artigen Antwort "Your Majesty", von da an nur noch "Ma'am". Wie zum Beispiel "Yes, Ma'am!" oder "Indeed, Ma'am!". Also nicht Madam mit "d", denn das sagt man zu einer Kundin im Geschäft, und um Himmels willen nicht Madame mit langem "a", denn so redet der englische Gentleman nur seine Bordellwirtin an. Und zuletzt noch etwas ganz Wichtiges: Ihre Majestät versteht zwar jede Menge Spaß, aber unreine Worte und solche mit Anspielungen rassistisch-geschlechtlicher Natur können leider nicht geduldet werden. Als Elisabeth unlängst ihrer Fregatte "Lancaster" in Southampton eine Inspektion gewährte, mußte man den Bordpapagei "Sunny" aus der Offiziersmesse zum Landgang verdonnern, weil er fortwährend "Arsch und Klöten und tausend Zulus" schrie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2004, Nr. 255 / Seite 3
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