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Die Pleite des Weltbild-Verlags : Eitelkeiten, Rivalitäten und Animositäten

In den neunziger Jahren wurde Weltbild zu einem der größten Medienunternehmen Bild: picture alliance / Sven Simon

Die Insolvenz des Weltbild-Verlags ist der Höhepunkt eines jahrelangen Streits in der katholischen Kirche. Die Sanierung des Unternehmens scheiterte am Unvermögen der Gesellschafter.

          Mit der Insolvenz der Unternehmensgruppe Weltbild hat am Freitag ein mehr als vier Jahre währender Streit in der katholischen Kirche seinen unrühmlichen Höhepunkt erreicht. Vordergründig stritten die rund ein Dutzend Bischöfe – die als Gesellschafter die Verantwortung für die Unternehmensgruppe trugen – über die unternehmerische Zukunft einer kirchlich getragenen Verlagsgruppe. Im Hintergrund stand indes stets die Frage, ob die Kirche es riskieren soll, die Medienlandschaft mittels eines wettbewerbsfähigen, aber weltanschaulich gebundenen Unternehmens prägen zu wollen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          In den neunziger Jahren war das auf Zeitschriften und Versandhandel spezialisierte Unternehmen aus bescheidenen Anfängen zu einem der größten Medienunternehmen geworden. Verkörpert wurde der Aufstieg durch Geschäftsführer Carel Halff und vorangetrieben durch die Vertreter des seit 1988 von Joachim Kardinal Meisner geleiteten Erzbistums Köln. Angesichts des schnellen Wachstums des Unternehmens und eines Sortiments, das kirchlichen Moralansprüchen nicht immer genügte, vollzog Meisner vor sechs Jahren eine Kehrtwende und drang auf eine Trennung von der Unternehmensgruppe.

          In einem ersten Schritt übertrug Meisner im Jahr 2008 die Anteile des Erzbistums im Rahmen eines Treuhandvertrags dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD), dem Rechtsträger der von dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch geführten Deutschen Bischofskonferenz. Der VDD wiederum ließ sich seit dem Jahr 2009 im Aufsichtsrat von Sekretär Hans Langendörfer SJ (Societas Jesu) repräsentieren, ohne in den Prozess der Meinungsbildung entscheidend einzugreifen. Ein Käufer für das stark expandierende und weiterhin kaum profitable Unternehmen fand sich bis zum Jahr 2011 nicht.

          Sogar der Papst war überzeugt

          Seit dem Herbst jenes Jahres versuchte das von Reinhard Kardinal Marx geführte Erzbistum München und Freising, das personelle und strategische Vakuum an der Spitze des Unternehmens auszufüllen. Als Ausweg aus dem Dilemma von kirchlicher Verantwortung einerseits und unternehmerischen Erfordernissen wie einer klaren Strategie und handlungsfähigen Entscheidungsstrukturen andererseits favorisierte der Münchner Generalvikar Peter Beer als neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates die Gründung einer kirchlichen Stiftung: Die Gesellschafter sollten ihre Anteile unter Verzicht auf Gewinnausschüttungen einbringen, die Stiftung das Unternehmen inhaltlich und personell neu ausrichten und besser kontrollieren. Marx gelang es sogar, Papst Benedikt XVI. von dieser Lösung zu überzeugen. Dabei hatte dieser im Herbst 2011 unter Meisners Einfluss intern wie öffentlich auf eine Trennung von der Unternehmensgruppe gedrungen, da diese auch Buchtitel vertreibe oder verlege, deren Inhalt gegen die Sittenlehre der Kirche verstoße.

          Zur Gründung der Stiftung kam es trotz mehrerer eindeutiger Beschlüsse der zuständigen Bischöfe nicht. Sie ergingen sich so lange in Eitelkeiten, Rivalitäten und Animositäten, bis die Banken im vergangenen Frühjahr die Geduld verloren und drohten, die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe in Höhe von etwa 190 Millionen Euro binnen weniger Monate fällig zu stellen. Sie waren seit längerem mit dem Gebaren der Geschäftsführung unzufrieden und drangen auf ein stärkeres Engagement der Gesellschafter, die sich seit Jahren nicht über die strategische Ausrichtung des Unternehmens einigen konnten.

          Den Worten folgten keine Taten

          Im Juni bekräftigen die Vertreter der Bistümer abermals ihre Absicht, die Anteile in eine Stiftung einzubringen und dadurch eine neue Eigentümerstruktur zu schaffen. Ihren Worten ließen sie auch nach dem Sommer keine Taten folgen. Stattdessen favorisierten einzelne Bistümer nun den Verkauf ihrer Anteile. Das Anliegen von Papst Benedikt, die Unternehmensgruppe als wertorientierten Akteur auf dem Medienmarkt zu erhalten, hatte nach dessen Amtsverzicht im Februar 2013 kein Gewicht mehr.

          Diese Konstellation stellte die Banken im Herbst nochmals vor die Frage, ob sie wegen der Zerstrittenheit der Gesellschafter, einer zunehmend orientierungslosen Unternehmensführung und einer stetig wachsenden Liquiditätslücke die Geschäftsbeziehungen abbrechen sollten. Dieses Szenario wurde im November durch die Zusage der kirchlichen Gesellschafter abgewendet, einen Kapitalschnitt vorzunehmen und neues Eigenkapital in Höhe von 60 Millionen Euro aufzubringen.

          Neue Gesellschafter wollten nur noch wenige Bistümer werden, allen voran das Erzbistum München und Freising, aber auch die Soldatenseelsorge Berlin, die dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck untersteht, dazu das Bistum Eichstätt. Das Bistum Augsburg wollte sich aus Verantwortung für die Arbeitnehmer mit einem verlorenen Zuschuss in Höhe von 15 Millionen Euro an der Sanierung der Verlagsgruppe beteiligen. Auch das Bistum Mainz wollte das Unternehmen unterstützen.

          Realisiert wurden die Beschlüsse aus dem vergangenen Herbst nicht mehr, und das nicht nur, weil Overbeck und Lehmann in ihren jeweiligen Finanzgremien keine Zustimmung erhielten. Angesichts der Verdoppelung des Liquiditätsbedarfs streckte auch Kardinal Marx die Waffen. Dabei hatte er sich zuletzt nur die Worte von Papst Franziskus zu Herzen genommen: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straße hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“

          Quelle: F.A.Z.

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