http://www.faz.net/-gpf-7iy4h

Die Kirche und das Geld : Eine bürgerliche Religion

Anlässlich des Reformationstags sei die Frage erlaubt, wie weit die Alternative zwischen der armen und der reichen Kirche überhaupt trägt.

          Selten ließ sich eine Alternative so leichterhand bebildern wie die zwischen Franz-Peter Tebartz-van Elst und Papst Franziskus: Hier der „Protz-Bischof“, der sich nur mit erlesensten Materialien umgibt, dort ein Pontifex Maximus, der seine alten Schuhe aufträgt und den Armen die Füße küsst. Es liegt nahe, die beiden zu Prototypen zu stilisieren: Franziskus als Verkörperung einer spirituellen, nahbaren und dennoch globalen Kirche, die an der Seite der Armen steht. Tebartz-van Elst als Typus der satten deutschen Funktionärskirche, die fürstbischöflich von überkommenden Pfründen lebt, geistig aber ausgezehrt und verknöchert ist.

          Die Forderung von Benedikt XVI. nach einer „Entweltlichung“ der Kirche ist dann rasch wieder bei der Hand. Glaubwürdig, so hatte der alte Papst von seinen deutschen Glaubensbrüdern gefordert, werde die Kirche nur sein, wenn sie Verzicht übe und sich lossage von Reichtum und Privilegien. Diese Forderung richtete er an die Katholiken in Deutschland, ihre Verwirklichung beträfe aber beide Konfessionen. Denn da sich die großen Religionsgemeinschaften mehr oder minder identisch finanzieren, kann man die Frage nach dem Geld der Kirche hierzulande nur ökumenisch stellen.

          Maßstäbe, die auch für andere gelten

          Vor die Alternative Tebartz oder Franziskus gestellt, hätte sich die evangelische Kirche vermutlich irgendwo in der Mitte einzuordnen: Samt und Seide sind selten, doch auch die Limousinen der evangelischen Landesbischöfe sind komfortabel gefedert. Anlässlich des Reformationstags sei allerdings die Frage erlaubt, wie weit die Alternative zwischen der armen und der reichen Kirche überhaupt trägt. Denn die Reformatoren haben ein Modell der Kirche ersonnen, das jenseits des Gegensatzes von Prunksakralität und Armutsideal steht. Sie formulierten Grundprinzipien einer bürgerlichen Religion.

          Ihre Ablehnung eines gesonderten Priesterstandes war auch ein Nein zum bis heute anzutreffenden Imperativ, eine religiöse Existenz müsse irgendwie anders sein. Die Reformatoren forderten nicht Weltflucht oder Hypermoral, sondern die Bewährung christlicher Überzeugungen inmitten des gesellschaftlichen Alltags. Auf ihn sollten sich nicht nur die Laien, sondern auch die Organisation Kirche einlassen. Denn hinsichtlich ihrer äußeren Gestalt kann sich die Kirche nach reformatorischem Verständnis nicht auf Heilswissen berufen, sondern nur auf Weltwissen verlassen.

          Daraus folgt aber auch, dass an die Kirche keine außergewöhnlichen Maßstäbe anzulegen sind, sondern nur jene Maßstäbe, die auch für andere gelten. Und beim Umgang mit Geld entspricht die evangelische Kirche diesen Maßstäben weitgehend. Schattenhaushalte gibt es dort nicht; die Finanzen unterliegen der Kontrolle demokratisch legitimierter Synoden. Und lässt man die Aufblähung der Apparate beiseite, die sich gelegentlich auch beim Staat beobachten lässt, ist die Haushaltspolitik beider Kirchen bis auf wenige Ausnahmen umsichtig. Eben das wird den Kirchen nun zum Vorwurf gemacht. Wer Pensions- und Baulasten aber mitberücksichtigt, wird kaum behaupten können, dass die Kirchen im Geld schwimmen.

          Die Kirchensteuer ist ausgewogen

          Überhaupt fragt man sich, was an der Kirchenfinanzierung in Deutschland eigentlich genau falsch sein soll. Was spricht etwa dagegen, den Pfarrer in Anbetracht seiner Ausbildung wie einen Lehrer zu bezahlen und eine Landesbischöfin in Anbetracht ihrer Verantwortung wie eine Staatssekretärin? Auch anderen im Zuge der Vorgänge in Limburg wieder vorgetragenen Argumenten mangelt es an Substanz: Mit welcher Begründung sollen etwa kirchliche Wohlfahrtseinrichtungen nicht den gleichen Zugang zu staatlicher Refinanzierung haben wie die Arbeiterwohlfahrt? Auch muss man erst einmal ein besseres Finanzierungsmodell finden als das der Kirchensteuer - sie ist sozial ausgewogen, verlässlich, günstig in der Erhebung und freiwillig. Durch Austritt, Eintritt oder Übertritt kann jeder über sein Geld bestimmen. Das derzeit oft gerühmte italienische Modell einer Kultursteuer ist weniger verlässlich und vor allem nicht freiwillig.

          Bleibt die Frage nach den Staatsleistungen, also Zahlungen der Länder an die Kirchen aufgrund von Konkordaten und Staatskirchenverträgen. Hier ist die Grenze zwischen Staat und Kirche in der Tat verwischt. Die Zahlungen machen im Schnitt zwar nur etwa drei Prozent der kirchlichen Einnahmen aus. Ihre in der Verfassung ausdrücklich vorgesehene Ablösung gehört dennoch zu jenen großen Fragen, um die sich eine große Koalition verdient machen könnte. Den Kirchen sollte dann niemand verdenken, wenn sie sich bei Verhandlungen auch hier an den üblichen Maßstäben orientieren: Sie haben durch staatliches Handeln Vermögen verloren und können dafür Entschädigung verlangen.

          Doch vermutlich würde auch eine Ablösung der Staatsleistungen den Furor nicht mäßigen, der den Kirchen beim Thema Geld begegnet. Besonders eifrige Gegner wie auch besonders eifrige Anhänger werden sie auch weiterhin an einem Armutsideal messen, dem sie erstens selbst nicht entsprechen und von dem zweitens nicht einmal klar ist, was daran ideal sein soll. Die A13-Religion der deutschen Kirchenbeamten ist allemal besser als Armutsgesten oder Protzgehabe.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Kauders Niederlage : Lame duck Merkel

          Der überraschende Sieg von Ralph Brinkhaus soll Angela Merkel zeigen: Es geht zu Ende. Weder sie noch Volker Kauder hatten offenbar eine Ahnung davon, wie groß die Unzufriedenheit ist. Ein Kommentar.

          FAZ Plus Artikel: Ralph Brinkhaus : Der Sieger

          Der neue Vorsitzende der Unionsfraktion steht für einen Aufbruch in Zeiten der gefühlten Lähmung – und neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Kanzleramt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.