01.06.2008 · Auch wenn für Gesine Schwan bei der Bundespräsidentenwahl eine Mehrheit noch nicht absehbar ist, wird sie ihre Wirkung entfalten. Das Alleinstellungsmerkmal Frau ist Angela Merkel jedenfalls fürs Erste los. Jetzt heißt es: Damenwahl.
Von Eckart LohseWarum hat Angela Merkel bei der Bundestagswahl vor drei Jahren so schlecht abgeschnitten? Bis heute achtet die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende penibel darauf, dass die Ursachen ihres mäßigen Ergebnisses nicht öffentlich, nicht einmal parteiöffentlich aufgearbeitet werden.
Es würde nicht ausreichen zu sagen, dass Professor Kirchhof ein Missgriff gewesen und mit der Ankündigung von Reformpolitik keine Wahl zu gewinnen sei. Irgendwann würde die Frage thematisiert werden müssen, welche Rolle es spielte, dass die CDU zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte eine Frau ins Rennen um das Kanzleramt geschickt hat. Hat das - so unbegründet es in der Sache gewesen wäre - wirklich keinen Stammwähler der Union beeinflusst?
Angela Merkels Machtinstinkt sagte ihr sofort, dass eine solche Diskussion nur nachteilig für sie verlaufen könnte. Dafür waren die Messer ihrer männlichen Konkurrenten aus Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bayern damals noch viel zu scharf gewetzt.
Netzwerk einflussreicher Frauen
Hatte Frau Merkels Vorgänger Gerhard Schröder sowohl im Wahlkampf als auch im Amt mit dem Rauchen von Zigarren, dem Raubtierlachen und der demonstrativen Begeisterung für Autos und Fußball ungeniert die Männerkarte gezogen, in der Hoffnung auf Wirkung in der weiblichen Wählerschaft, tat die mit Müh und Not ins Kanzleramt eingezogene Frau Merkel alles, um die Frauenfrage zumindest nach außen vorerst auszublenden. Das hinderte sie jedoch nicht daran, sich ein Netzwerk einflussreicher Frauen aufzubauen.
Unvergessen ist das Bild vom Tag der Kanzlerwahl, da auf der Zuschauertribüne im Bundestag zwar Frau Merkels Ehemann fehlte, dafür aber Friede Springer, die einflussreiche Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen und Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn Beifall spendeten.
Vorteil Frau
Je fester Angela Merkel im Sattel sitzt, je mehr sich ihre Beliebtheitswerte nach oben schrauben, je selbstverständlicher sich Deutschland von einer Frau regieren lässt, desto mehr ahnt diese, dass sich das alles auch öffentlich in einen Vorteil verwandeln lassen müsste. Im Sommer vorigen Jahres, als Angela Merkel Gastgeber des G-8-Gipfels war und die mächtigsten Männer dieser Welt im Ostseebad Heiligendamm im Strandkorb empfing, während ihr Gatte am Damenprogramm teilnahm, schien sie zum ersten Mal - sehr vorsichtig - mit ihrem Alleinstellungsmerkmal zu spielen. Unterstützt wurde sie von Freundin Friede Springer, die sie in der „Bild“-Zeitung gleich zur „Miss World“ ausrufen ließ.
Angela Merkel konnte oft genug lesen, sie sei eine Physikerin der Macht. Das ist einerseits schmeichelhaft, weil es ihre Fähigkeit beschreibt, die Mechanismen der politischen Maschinerie feinzusteuern, statt mit dem Basta-Hammer auf den Motorblock zu hauen. Auf der anderen Seite mag sie an solchen Formulierungen abgelesen haben, dass sie für den anstehenden Wahlkampf den Menschen und somit die Frau Angela Merkel etwas mutiger herausarbeiten muss.
Das gilt allemal dann, wenn Kurt Beck im nächsten Jahr gegen sie antreten sollte und nicht der immer noch semibeamtet daherkommende Frank-Walter Steinmeier. Über Beck lässt sich manch Kritisches sagen. Einen großen Vorteil für den Wahlkampf hat er aber zweifellos: Man nimmt ihm, dem Ministerpräsidenten eines kleinen, weit von Berlin entfernt liegenden Bundeslandes, dem Weinköniginnenumarmer mit der Neigung zu Gefühls- und auch mal Wutausbrüchen, das Menschliche und Allzumenschliche sofort ab.
Die Kanzlerin arbeitet bereits an ihrem Bild. Vor ein paar Wochen erschien sie zur Eröffnung der Oper in Oslo in einem Abendkleid, dessen Dekolleté für Diskussionen in der Heimat sorgte. Überwiegend waren die Reaktionen positiv und allemal intensiv.
Die SPD setzt auf die Wirkung der Gesine Schwan
Doch kaum ist die Kanzlerin an diesem Punkt angekommen, erscheint eine neue Dame auf dem Schachbrett der Macht. Die weltläufige Intellektuelle Gesine Schwan ist entschlossen, ihre unbestreitbare Wirkung nicht nur für sich und den Kampf um das Schloss Bellevue einzusetzen, sondern auch für die SPD.
Kaum wurde sie am Montag von dieser zur Kandidatin für die Wahl des Bundespräsidenten ausgerufen, erschien im „Stern“ eine umfangreiche Bilderserie, die nicht nur die erfolgreiche Professorin darstellt, sondern viel mehr noch das Mädchen, die Frau, die jung gebliebene Großmutter.
Waren die Frauenplätze in der ersten Reihe der SPD bislang geradezu chronisch vakant, so gibt es inzwischen nicht mehr nur die hinter den Kulissen immer stärker wirkende Andrea Nahles - seit einer Woche ist auch der Platz vorn auf der Bühne besetzt.
Gesine Schwan ist zunächst einmal die Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl, in der eine Mehrheit für sie bisher noch nicht absehbar ist. Doch ihre Wirkung wird sie trotzdem entfalten. Das Alleinstellungsmerkmal Frau ist Angela Merkel jedenfalls fürs Erste los. Jetzt heißt es: Damenwahl.
Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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