In zwei Jahren hat diese bürgerliche Koalition geschafft, worauf die Deutschen seit der Französischen Revolution vergeblich gewartet haben. Sie hat der Bürgerlichkeit zur „Wonne der Gewöhnlichkeit“ verholfen, um mit Tonio Kröger zu sprechen, dem Kaufmannssohn, den Thomas Mann am Leben leiden lässt, weil er nicht nur ein langweiliger Bürger sein möchte. Wenn schon Bürger, so lässt sich das deutsche Kröger-Leiden vereinfacht beschreiben, dann ein liederlicher, ein Anti-Bürger, ein Künstler, ein Lebenskünstler, ein Aussteiger, ein Intellektueller. Die Sehnsucht danach hielt sich in Deutschland, das Trauma der bürgerlichen Niederlage im Nationalsozialismus verarbeitend und durch die Revolte der 68er wachgehalten, bis über die Jahrhundertwende hinaus.
Ein anderer Kaufmannssohn, Jürgen Trittin, ist der Tonio Kröger der Berliner Republik. Jüngst gab er bekannt, dass es „nur noch bürgerliche Politik, Wähler und Parteien“ gebe. „Bürgerlich sind inzwischen im Grunde alle, aber das ist keine politische Richtung, sondern so vielfältig wie die Lebensstile in einer individualisierten Gesellschaft.“
Aus dem Munde eines ehemaligen „Bürgerschrecks“, wie Kommunisten und Anarchisten in den sechziger und siebziger Jahren hierzulande mit einer gewissen unbürgerlichen Bewunderung genannt wurden, ist das starker Tobak. Denn bis dahin gab es, wenigstens sprachlich, zwei Reiche: bürgerlich und links. Beide Richtungen konnten und wollten damit leben; die eine, weil sie nichts mit linken Spinnern zu tun haben wollte, die andere, weil sie nichts mit rechten Spießern zu tun haben wollte.
Die Linkspartei - bürgerlich?
Und jetzt: die Grünen – bürgerlich? Die Sozialdemokraten – bürgerlich? Die Linkspartei – bürgerlich? Trittin tat so, als wolle er mit seinem verbalen Handstreich nicht nur die 68er-Generation, sondern auch gleich die Arbeiterbewegung und ihren totalitären Ausläufer mit der Bundesrepublik versöhnen. Ihm sprang Sigmar Gabriel bei, der sich wie Trittin darüber beschwerte, dass Union und FDP für sich den Titel der „bürgerlichen“ Parteien in Anspruch nähmen. Trittin nannte das „Hybris“, Gabriel bornierte Ausgrenzung, gemeint haben sie wohl beide dasselbe: Die Mitte der Gesellschaft reicht weit nach links, und wo die Mitte ist, da ist „bürgerlich“, also wir auch.
Diese Leerformel ist keine Neuigkeit. Genauso wenig wie die Frage, ob es sinnvoll ist, eine Mitte-rechts-Koalition „bürgerlich“ zu nennen, eine Mitte-links-Koalition aber nicht. Obwohl jeder weiß, dass linke Politiker und linke Wähler so bildungs-, besitz-, klein-, groß- und spießbürgerlich sein können wie rechte. Sich bürgerlich zu nennen, hatte in Deutschland selten staatspolitische Bedeutung im Sinne des Citoyen, aber immer eine soziale, eine kulturelle, eine lebensweltliche im Sinne des Bourgeois.
Die grün-rote Bürgerlichkeit geht weiter als die „neue Mitte“
Es war und ist eine „Haltung“, wie Tonio Kröger und auch Jürgen Trittin sagen würden. Gerade hier setzte aber auch die anti-bürgerliche Tradition an, die von der Romantik über den Hass der beiden deutschen Diktaturen auf alles Bürgerliche bis hin zur Jugendrevolte gegen den bildungsbürgerlichen Muff unter den Talaren reicht.
Schon die „neue Bürgerlichkeit“, die vor zehn Jahren ausgerufen wurde, wollte andeuten, dass es damit vorbei sei. Allerdings war mit dem Begriff nur eine Mode, die Renaissance altbürgerlicher Tugenden in neuem Gewand gemeint, unter dem sich die rot-grüne „neue Mitte“ Gerhard Schröders und Joseph Fischers verbarg. Die unter dem Eindruck von Schwarz-Gelb verkündete grün-rote Bürgerlichkeit geht aber viel weiter. Jetzt soll bürgerlich sein, was früher anti-bürgerlich war. Jetzt ist bürgerlich, wer in Stuttgart gegen die Bahn, das Kapital und die „Verräter“ anrennt; ist bürgerlich, wer aus der Atomkraft aussteigt; ist bürgerlich, wer in einer Patchwork-Familie lebt; ist bürgerlich, wer am Christopher Street Day hoch auf dem gelben Wagen der FDP mitfährt.
Die Spinner sind jetzt rechts, die Spießer links
Das läuft nicht auf eine Versöhnung, nicht auf eine Rehabilitierung hinaus, sondern auf eine Vereinnahmung. Und natürlich – das allerdings wieder ganz in alter deutscher Tradition – auf neue Fronten, auf neue Ausgrenzungen. Denn die Wonne bürgerlicher Gewöhnlichkeit soll sich nicht nur als kulturelle Hegemonie in der Gesellschaft, sondern – siehe Stuttgart – auch im Staate bemerkbar machen. Und da gilt es, noch einmal fein säuberlich zwischen Citoyen und Bourgeois zu unterscheiden und alles als liederlich hinzustellen, was nicht zum Idealtyp des neuen deutschen Staatsbürgers passt.
Wo die neue Front verläuft, machte wiederum Jürgen Trittin in seiner klassenkämpferischen Erwiderung auf die Regierungserklärung Frau Merkels vor zwei Jahren klar: „Sie haben schlicht und ergreifend nur die Interessen der – um ein sehr altertümliches Wort zu gebrauchen – Bourgeoisie, aber nicht der Bürger in diesem Lande im Kopf.“ So hatte sich das Dolf Sternberger nicht vorgestellt, als er einmal an die Deutschen appellierte: „Ich wollte, wir brächten heute zuwege, die alte Haut des bürgerlichen Charakters abzustreifen, um Bürger zu werden.“ Der Unterschied zu früher ist: Die Spinner sind jetzt rechts, die Spießer links.
Der Begriff "bürgerlich" hat ausgedient
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 13.07.2011, 21:55 Uhr
Grüne Albträume
Ronald Dambsfeld (RonaldD)
- 14.07.2011, 09:48 Uhr
Die Jungfrau Trittin
Carlos Anton (carlosanton)
- 14.07.2011, 10:02 Uhr
ahja
Closed via SSO (barabara)
- 14.07.2011, 10:26 Uhr
Mir dreht es den Magen um, wenn ich den Antibürger Trittin sehe,
Michael Scheffler (Striesner)
- 14.07.2011, 10:31 Uhr