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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zukunft der Demokratie Strukturlose Öffentlichkeit

 ·  Warum mehr Transparenz per Internet zu weniger Demokratie führen kann.

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Seit sich das Prinzip der Öffentlichkeit als politische Forderung etablierte - also seit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft -, war es mit einem Paradox behaftet. Die Forderung, der politische Prozess solle sich öffentlich und damit für alle zugänglich vollziehen, war gegen die Geheimpolitik des Hofes gerichtet; was sich im Geheimen vollzog, war schon als solches verdächtig. Doch die Rechte, die das Bürgertum nun in Anspruch nahm, standen den eigenen Forderungen zum Teil entgegen: Das Recht auf Eigentum, das Recht auf geheime Wahl, die Religionsfreiheit und viele andere sind Rechte des Privatmanns, der über ihre Ausfüllung nicht unbedingt öffentlich Rechenschaft geben will. Was man der Politik verwehrte, nahm man für sich selbst also durchaus in Anspruch. Daran zeigte sich, dass Öffentlichkeit kein absoluter Wert sein konnte.

Heute hingegen wird oft behauptet, Öffentlichkeit sei bereits ein Wert an sich. Weil man durch das Internet eine nie gekannte Dimension des Öffentlichen erreicht hat, wird mit dieser neuen Möglichkeit bürgerlicher Teilhabe eine Heilserwartung verbunden, die näherer Überprüfung kaum standhält. Schon auf den ersten Blick wird erkennbar, dass sich das oben genannte Paradox auf neuer Ebene wiederholt. Im Medium Internet, das sich ganz und gar der Publizität verschrieben hat, ist ein erheblicher Teil der Nutzer anonym unterwegs. Für das, was man öffentlich macht, will man öffentlich nicht einstehen.

Kein Wert an sich

Dafür mag es gute Gründe geben, wenn man in einer Diktatur lebt und die Inanspruchnahme von Freiheitsrechten Gefahr für Leib und Leben nach sich zieht. In einer Demokratie hingegen sieht die Sache anders aus. Hier muss man sich Freiheitsrechte nicht erkämpfen, hier sind sie verfassungsmäßig garantiert. Sie sind es deshalb, weil man im liberalen System davon ausgeht, dass die gewährleisteten Individualrechte auch von Individuen wahrgenommen werden. An anonyme Schwärme, wie sie sich im Internet bewegen, hatte man nicht unbedingt gedacht.

Natürlich gab es schon vor dem Internet Massenbewegungen, die eine Identifizierung des Einzelnen kaum möglich machten. Doch immerhin waren solche Massenbewegungen in der Regel mit der körperlichen Präsenz der Person verbunden. Jetzt könnte eine quasi personlose Präsenz, wie das Internet sie gewährt, zu einer Überstrapazierung von Rechten führen, die auf individuelle Identität und die Übernahme personaler Verantwortung hin konzipiert waren.

Wie demokratieverträglich ist das Internet überhaupt? Nicht nur die Anhänger der Piratenpartei sind der Ansicht, dass mit dem Internet eine neue Ära demokratischer Teilhabe eingeleitet wurde. Informationen in unvorstellbarem Umfang sind allen und jederzeit zugänglich, unüberschaubar viele Foren bieten die Möglichkeit zur Meinungsäußerung und Diskussion, organisierte Nutzer bilden eine Meinungsmacht, die das Handeln von Unternehmen, einzelnen Politikern und ganzen Regierungen massiv beeinflussen kann. Ist das nicht der Inbegriff des Demokratischen, die direkte Mitwirkung der Bürger auf allen denkbaren Ebenen? Und ist die Transparenz, die mit der Offenlegung selbst bisher völlig unzugänglicher Daten einhergeht, nicht ein Faktor, der ungemein demokratisierend wirkt?

Schon der letztgenannte Zusammenhang ist mehr als zweifelhaft. Öffentlichmachen ist nicht identisch mit Transparenz. Denn transparent werden Daten nur dem, der sie versteht. Wer kann kompetent beurteilen, was von Wikileaks veröffentlichtes geheimdienstliches Material tatsächlich bedeutet - außer den geschulten Mitarbeitern der Geheimdienste? Wer weiß, was das von irgendjemandem ins Internet gestellte Bild zeigt, auf dem ein Kind zu sehen ist, das in Syrien zu Tode kam? Wurde es von der syrischen Armee als menschlicher Schutzschild missbraucht, ist es das Opfer eines Angriffs der Aufständischen, starb es durch einen Unfall? Mit Bildern und Daten kann man manipulieren, mit einer Überfülle veröffentlichter Bilder und Daten kann man desinformieren. Öffentlichkeit als solche ist ambivalent. Ihr Wert liegt allein im vernünftigen Gebrauch.

Die Sicht der Klassiker

Weshalb ist der Begriff der Öffentlichkeit dennoch so uneingeschränkt positiv besetzt und wird immer als urdemokratisch betrachtet? Eine Antwort liefert ein kurzer Blick in die Ideengeschichte, auf die Klassiker der Theorie der Öffentlichkeit, nämlich Immanuel Kant und John Stuart Mill.

Die Hoffnung, die beide Theoretiker in das Prinzip der Öffentlichkeit setzen, entspringt dem Impetus der Aufklärung. „Es werde Licht!“ wäre die passende Formel, um den aufklärerischen Enthusiasmus in einen Satz zu fassen, und die Öffentlichkeit ist der Ort, aus dem die Dunkelheit des voraufklärerischen Zeitalters am sichtbarsten vertrieben wurde. Hier hat die Arkanpolitik der bisher Mächtigen ein Ende, durch welche die Bürger von der Mitbestimmung über ihr Schicksal ausgeschlossen wurden. Hier findet jener „öffentliche Vernunftgebrauch“ statt, der Motor des Fortschritts sein soll. Hier ist der Ort des Austauschs von Argument und Gegenargument, welcher den Prozess der Wahrheitsfindung vorantreiben wird.

Erkennbar ist in dieser Sichtweise ein tiefer Glaube an die Macht des Wortes, an die Wirkung öffentlichen Räsonierens am Werke. Vernunft wird als eine sich selbst fortzeugende Wirklichkeit verstanden. Aber auch das Widervernünftige hat seine Funktion im Gesamtprozess, wie sich an Kants Geschichtsphilosophie zeigt. Eine Art List der Vernunft sorgt dafür, dass selbst derjenige, der vernunftloserweise nur sein Eigeninteresse verfolgt, unbewusst den Fortschritt vorantreibt, weil er die gegenstrebige Kraft herausfordert. So wird sich am Ende überall die republikanische Verfassung durchsetzen, weil die Völker, die ihre selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich gelassen haben, ihr Schicksal nicht mehr aus der Hand geben werden.

Nun sind für Kant Republik und Demokratie zwar nicht identisch. Doch seine Begründung, weshalb etwa das Wahlrecht nur den Begüterten zukommen sollte, ist sichtlich zeitbedingt und hat nicht den theoretischen Rang seiner übrigen Ausführungen. Rein logisch steuert die Kantsche Republik auf die Demokratie zu, und den entscheidenden Anstoß zu dieser Entwicklung liefert die „Publizität“.

Auch Mill sieht in dem enthusiastisch begrüßten Prinzip der Öffentlichkeit das Movens des Fortschritts. Um der gemeinsamen Wahrheitssuche willen, welche mittels Öffentlichkeit betrieben werden soll, dürfe keine Meinung unterdrückt werden. Der Menschheit die richtige Meinung vorzuenthalten beraubte sie einer wichtigen Einsicht. Ihr die falsche vorzuenthalten führte zu dogmatischer Verhärtung auch der richtigen Auffassungen. Gerade die Konkurrenz der Meinungen ist ein entscheidender Faktor der allseitigen Fortentwicklung der Menschheit. Doch so flammend Mills Plädoyer für die Meinungsfreiheit erscheint - die Kehrseite uneingeschränkter Publizität hat er durchaus im Blick. Ähnlich wie Toqueville erkennt er in der drohenden Tyrannei der Mehrheit die Gefahr seiner Zeit. Deshalb bedarf es eines besonderen Schutzes der Individualität. Zudem darf in theoretischem Zusammenhang geäußert werden, was in politisch brisanter Lage tunlichst nicht geäußert werden sollte. Es empfiehlt sich nicht, vor einer erregten Menge, die sich protestierend vor einer Fabrik versammelt hat, die These vorzutragen, dass Eigentum Diebstahl sei.

Lob der Öffentlichkeit

Mit den beiden letztgenannten Punkten hat Mill auf Probleme verwiesen, die sich gerade in Zeiten des Internets verstärkt stellen. Wenn sich der Schwarm im Netz ein Opfer auserkoren hat, etwa weil es gegen die „political correctness“ verstoßen hat, bleiben diesem kaum angemessene Mittel der Gegenwehr. So kann man - anonym und daher für einen selbst völlig folgenlos - den Ruf einer Person ruinieren. Und wenn man in einer Situation, in der - etwa bei der Verhandlung mit einem anderen Staat - seitens der Regierung größtes diplomatisches Geschick vonnöten ist, Fakten veröffentlicht, die das Regierungshandeln torpedieren, kann man sich zwar rühmen, Geschichte geschrieben zu haben. Aber vielleicht hat man damit den größten Schaden für beide betroffenen Nationen angerichtet.

Das emphatische Lob der Öffentlichkeit, das Kant und Mill im Namen der Aufklärung aussprechen, ist untrennbar mit dem Glauben an die Vernunft und die Idee des Fortschritts verbunden. Darin bestehen Sinn und Wert der Öffentlichkeit: dass sie als das Vehikel einer geistigen und in der Folge auch politischen Fortentwicklung der Menschheit verstanden wird. Bezeichnend ist, dass beide Theoretiker ein gebildetes Publikum vor Augen haben, wenn sie über den öffentlichen Vernunftgebrauch reden. Und ebenfalls nicht übersehen werden darf, dass sie neben dem Prinzip „Öffentlichkeit“ weitere Prinzipien für unentbehrlich halten, um das Fortschreiten der Menschheit zum Besseren zu ermöglichen. Dazu gehören Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sowie ein Ernstnehmen des Repräsentativgedankens.

Gleichgewicht der Kräfte

So gesehen wird das egalitäre Moment, das in der allen zugänglichen Öffentlichkeit liegt, mehrfach gebrochen. Das Recht sichert die Grenzen, die den einen vor den Übergriffen der anderen schützen. Die Gewaltenteilung ordnet die Öffentlichkeit in ein System des Equilibriums einander kontrollierender Kräfte ein. Die Repräsentation der Bürger im Parlament bedeutet Filterung und Läuterung des Volkswillens. Vor allem aber wird der Öffentlichkeit selbst die Aufgabe zuerkannt, Vernunft zu zeugen und der Vernunft zu dienen. Damit ist ihr potentiell eine Struktur eingeschrieben, so wie sie ihrerseits in eine äußere, politische Struktur eingebunden ist.

Im klassischen Konzept der Öffentlichkeit gibt es demnach eine Reihe von Einschränkungen, was den Gebrauch und die Reichweite der Öffentlichkeit angeht. Langfristig wirkte sich die Forderung nach Publizität natürlich demokratisierend aus, weil Informationen nicht mehr ohne weiteres monopolisiert werden konnten und die öffentliche Diskussion die Ansprechbarkeit aller suggerierte. Doch die moderne liberale Demokratie baute ebenjene Hemmnisse, die schon im klassischen Öffentlichkeitskonzept genannt werden, in das System ein, um ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen, das sich durch Öffentlichkeit allein nicht herstellt.

Wie fügt sich in dieses so durchdachte und raffinierte demokratische System der Kontrolle und Balancen nun das neue Medium Internet ein? Wenn die Demokratie eben wegen ihrer egalitären Ausrichtung auf Struktur und Differenz verwiesen ist, um funktionieren zu können, so finden sich beide Merkmale beim Internet gerade nicht. Kennzeichen des Internets ist die Entgrenzung. Raum und Zeit sind praktisch aufgehoben, Meinungen stehen gleichberechtigt - und oft ununterscheidbar - neben Fakten, Wertloses beansprucht dieselbe Aufmerksamkeit wie Wertvolles, der Laie äußert sich ebenso selbstgewiss wie der Experte.

Zweifellos gibt es Grenzen, die zu Recht überschritten werden - wozu das Internet seinen Beitrag leistet. Soziale Grenzen, die Differenz nicht durch Leistung, sondern durch Herkunft definieren, haben eine nur angemaßte Berechtigung. Der Laie, der sich durch eigene Anstrengung das Können des Fachmanns angeeignet hat, ist vielleicht produktiver als der saturierte Fachmann. Die Tabuisierung bestimmter Meinungen, die nicht dem Mainstream entsprechen, kann die Debatte wichtiger Anstöße berauben. Grenzen, die menschenrechtsverletzende Systeme setzen, haben als solche keinen Anspruch auf Beachtung.

Die Folgen der Entgrenzung

Das alles zugestanden, ist dennoch kaum bestreitbar, dass Grenzziehung oftmals ihren guten Sinn hat. Grenzen zu ziehen und Unterschiede zu machen erlaubt es unter anderem, Differenzen in der Qualität festzustellen. Solche erkennbaren Qualitätsunterschiede ermöglichen Orientierung - ein hoher Wert in einer Zeit, die sich aus mehreren Gründen durch Orientierungslosigkeit auszeichnet. Erstens werden immer weniger Traditionen weitergegeben. Religiös vermittelte oder in den entsprechenden sozialen Milieus eingeübte Verhaltensweisen verlieren in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft an Bedeutung. Zweitens wirkt die uns umgebende Welt immer komplexer. Aufgrund der Globalisierung scheint alles mit allem verbunden zu sein, die Wechselwirkungen sind schwer zu durchschauen. Und drittens hat die Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Tendenz verstärkt, dem Quantitativen den Vorrang vor dem Qualitativen zu geben. Der große Nivellierer Geld misst alles mit dem gleichen Maß, er kennt nur das Mehr oder Weniger.

Angesichts dieser Lage hat ein Medium, das in sich keine Grenzen kennt und keine Unterschiede macht, potenzierende Wirkung. Im Internet findet nur der Orientierung, der sie in gewissem Umfang bereits mitbringt. Für alle anderen vergrößert der gigantische Umfang an Information und Desinformation, welche das Internet bietet, die Schwierigkeit, Brauchbares von Unbrauchbarem, Nützliches von Schädlichem zu sondern.

Die Folgen jener Entgrenzung, die das Internet kennzeichnet, lassen sich aber noch präziser benennen. Beispielhaft seien drei Bereiche herausgegriffen, in denen die eigentümliche Struktur oder besser Strukturlosigkeit des Internets zu problematischen Konsequenzen zu führen scheint: in der Politik, im Journalismus und in der Bildung.

In der Politik sind die Entstehung und der Erfolg der Piratenpartei Zeichen eines Einstellungswandels. Damit ist nicht gemeint, dass eine Partei unter dem Namen einer Verbrechergruppe firmiert und damit großen Anklang findet, was als solches natürlich auch ein interessantes Phänomen ist. Gemeint ist der neue Politikstil, der mit der Piratenpartei Einzug in die Demokratie hielt: von der Repräsentation zur Präsenz. Mittels des Präsenzmediums Internet halten die Politiker der Piratenpartei einen fortwährenden Kontakt mit ihren Wählern, der die Grenzen zwischen Wählern und Gewählten verschwimmen lässt.

Verfahren anstatt Person?

Das personale Prinzip, das in der repräsentativen Demokratie mit gutem Grund die Wahl des Abgeordneten bestimmt, wird damit geradezu ausgehebelt: Der Abgeordnete ist das Sprachrohr seiner - immer wieder wechselnden - Basis, jedenfalls derjenigen, die gerade online ist. Wer in dieser Partei als Person besonders in Erscheinung tritt, bekommt den geballten Unmut der Nutzer zu spüren. Hier soll es nicht um Personen, sondern um Verfahren gehen, was dazu führt, dass die Inhalte genauso fluktuieren wie die Teilnehmer an dem Verfahren. Bestenfalls kommt es zu Minimalkompromissen; dem Fehlen von Persönlichkeiten und personaler Verantwortung korrespondiert die inhaltliche Beliebigkeit.

Doch die Wirkung der ständigen medialen Präsenz bleibt nicht auf die Piratenpartei beschränkt. Auch die etablierten Parteien sehen sich zunehmend genötigt, sich ständig in den neuen Medien zu präsentieren und so eine Nähe zum Wähler zu suggerieren, die bloßer Schein ist. Sie unterwerfen sich damit aber der Kurzatmigkeit, Oberflächlichkeit und Stromlinienförmigkeit, die Mitteilungen fast zwangsläufig aufweisen, wenn sie in kürzester Zeit produziert und konsumiert werden sollen. Indem die Politiker sich so dem vermuteten Niveau ihrer Wähler angleichen, steigern sie nicht unbedingt die Achtung vor ihrem Gewerbe. Vielmehr erzeugen sie den fatalen Schein, die Dinge seien so einfach, wie sie sie in den Kurzmitteilungen darstellen.

Gleichermaßen fatal ist die Tatsache, dass die Aufwertung des Öffentlichmachens jede Form des Geheimhaltens dem Generalverdacht des Unrechtmäßigen aussetzt. Nur das Böse scheut das Tageslicht; nach dieser einfachen Logik ist alles, was in der Politik nicht öffentlich geschieht, irgendwie suspekt. Nun kommen aber auch Demokratien nicht ohne Geheimdienste, Verfassungsschutz oder (Geheim-)Diplomatie aus. Würden sie sich dieser Mittel begeben, wären sie deutlich weniger wehrhaft und deutlich weniger international konkurrenzfähig. Gerade in letzter Zeit zeigt sich jedoch die Tendenz, dass Politiker in Rechtfertigungsnot geraten, wenn sie auf Geheimhaltung in bestimmten Fragen dringen oder wenn bisher Geheimgehaltenes doch an die Öffentlichkeit gelangt. Der Druck, der so auf sie ausgeübt wird, tut ihnen nicht gut - und der Demokratie möglicherweise auch nicht.

Journalismus als Instrument politischer Bildung

Für den Journalismus kann die entgrenzende Wirkung des Internets geradezu zur Überlebensfrage werden. Wenn jedermann zum Produzenten von Nachrichten werden kann, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit eines eigenen Berufsstands zur Erfüllung dieser Funktion. Dass die Zeitungen von sich aus dazu übergegangen sind, kostenlose Informationen im Internet zur Verfügung zu stellen, ist zugleich Abwehrmaßnahme gegenüber der nichtprofessionellen Konkurrenz und Gefährdung der eigenen Existenz. Man kann die Kundschaft daran gewöhnen, dass sie für die Bereitstellung von Material, Sachverstand und Können nichts zu zahlen hat. Man kann sie auch daran gewöhnen, dass die im Internet notwendigermaßen verknappte Darstellung im Grunde genügt. Es gibt inzwischen viele Leser, die sich mit dem Internetauftritt einer Tageszeitungen begnügen.

Natürlich verändert dies das Leseverhalten und -ergebnis. Hintergrundinformationen werden seltener angeboten und weniger nachgefragt. Der schnelle Rhythmus des Mediums überträgt sich auf seine Nutzer; die Geduld, sich mit längeren und schwierigeren Darlegungen auseinanderzusetzen, ist eine Tugend, die schon durch die Darbietungsform im Internet kaum gefordert wird. Hier überwiegt das Schnelle und Grelle, das Bunte und Vielfältige, das Unterhaltsame und Ablenkende. Und wo das auf der angeklickten Seite selbst nicht geboten wird, kann es durch entsprechendes Herumsurfen vom Nutzer herbeigeführt werden. Dies wissend, haben auch seriöse Zeitungen zum Teil schon Internetpräsentationen, die in ihrer Aufmachung an Boulevardzeitungen erinnern. Das Auge soll durch immer neue Reize an die Seite gefesselt werden; ob der Verstand mit der Vielzahl des Wahrgenommenen Schritt hält, ist eine andere Frage.

Das führt zu der Frage, welche Auswirkungen das Internet auf die Bildung haben könnte. Dass ein sachhaltiger und die Tiefendimensionen des täglichen Geschehens auslotender Journalismus ein Instrument politischer Bildung ist, auf das gerade die Demokratie nicht verzichten kann, liegt auf der Hand. Insofern stellt die reduzierte Form des Journalismus, wie sie im Internet präsent ist, eine Einbuße dar. Auf der anderen Seite erreichen Internetzeitungen sicher sehr viele Leser, die sich niemals eine Zeitung gekauft hätten. Hier Vor- und Nachteil abzuwägen ist schwierig.

Weniger schwierig ist es allerdings festzustellen, dass der Gebrauch des Mediums Internet von diesem selbst nicht vorgegeben wird. Es liefert aber durch die beschriebene Präsentationsform Anreize, das Kurzweilige dem Gründlichen, das Unterhaltsame dem Anspruchsvollen vorzuziehen. Konzentrationsfördernd ist das nicht. Es ist im Übrigen auch nicht gedächtnisfördernd. Man hat im Zusammenhang mit dem Internet schon von dem Phänomen des „ausgelagerten Gedächtnisses“ gesprochen: Weil alle Informationen, die man braucht, ständig abrufbar sind, muss man sie nicht im hauseigenen Speicher des Gedächtnisses lagern. Man verlässt sich auf den PC und nicht auf den eigenen Kopf - im Grunde eine Selbstentmündigung durch fehlende Schulung des eigenen Vermögens und die Erzeugung eines Abhängigkeitsverhältnisses gegenüber einer Maschine.

Vermittlung statt Verarbeitung

Da das Internet selbst keine Struktur bietet, muss diese Struktur vom Nutzer an das Internet herangetragen werden. Das bedeutet: Bildend wirkt der Umgang mit dem Internet nur, wenn der Nutzer schon gewisse Bildungsvoraussetzungen mitbringt. Letztere erlauben es, Fakten zu ordnen und zu gewichten, in Zusammenhängen zu denken, Wissen in Verstehen zu überführen.

Nun entwickelt sich unser Bildungssystem unglücklicherweise aber gerade in die Gegenrichtung. In einer Zeit, in der die Datenflut unübersehbar geworden ist, setzen Schulen und Universitäten immer mehr auf die bloße Vermittlung statt auf die geistige Verarbeitung von Fakten. Der Bologna-Prozess bedeutet schlicht die Kapitulation vor dem traditionellen Bildungsverständnis. Um immer mehr junge Menschen mit einem - in seinem Wert durchaus zweifelhaften - Abschluss versehen zu können, werden allesamt mit Magerkost gefüttert. Ebendie Kompetenzen, die persönlichkeitsbildend wirken, werden kaum mehr vermittelt: das selbständige Studieren, die langfristige, eigenständige Beschäftigung mit einem Gegenstand oder das Verstehen der großen Zusammenhänge.

Der Mangel an Persönlichkeitsbildung, der paradoxerweise mittlerweile gerade von unseren Bildungseinrichtungen befördert wird, macht sich aber auch in fehlendem Verantwortungsbewusstsein bemerkbar. Die Übernahme personaler Verantwortung setzt Person-Sein voraus. Wenn ein Medium wie das Internet es ermöglicht, genau dieses Person-Sein durch Anonymität hinter sich zu lassen und trotzdem in einer Weise zu agieren, die gravierende Folgen in der nichtvirtuellen Wirklichkeit haben kann, dann leistet es einer Tendenz Vorschub, die auch politisch nicht erwünscht sein kann. Für den Nutzer folgenloser Verbalradikalismus trägt nicht zur Ausbildung eines differenzierten politischen Urteils bei.

Um der Selbsterhaltung willen

Zweifellos bietet das Internet große Chancen der Horizonterweiterung, des Gedankenaustauschs, ja sogar der Mitwirkung an der Überwindung autoritärer Regime. Doch ein per se demokratisches Medium ist es nicht - wenn denn die Demokratie als Herrschaft der Gleichen in besonderem Maße auf Unterscheidung und Struktur angewiesen ist. Nicht das Internet macht demokratisch, sondern nur ein Umgang mit ihm, der nach qualitativ gesicherten Maßstäben verfährt.

Deshalb sollte demokratische Politik schon um der Selbsterhaltung des Systems willen in der Bildung ihre entscheidende Aufgabe sehen. In der Demokratie sind die Bürger die maßgebliche Ressource. Ihnen müssen per Bildung die Mittel an die Hand gegeben werden, sich auch in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, wie sie sich exemplarisch im Internet widerspiegelt, eigenständig Pfade durch das Dickicht zu schlagen.

Das klassische Konzept der Öffentlichkeit setzte auf eine quasiautomatische Fortschrittsbewegung durch den öffentlichen Vernunftgebrauch. Doch Vernunft ist nichts Gegebenes, sie ist etwas immer wieder neu Hervorzubringendes. Und da die Vernunft nicht in den Institutionen liegt, nicht in der Öffentlichkeit und auch nicht in einem Medium wie dem Internet, bleibt nur eines: durch entsprechende Bildungsanstrengungen dafür zu sorgen, dass es Menschen gibt, die Vernunft in das hineintragen, was in sich zunächst einmal ohne Vernunft ist.

Die Verfasserin lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau.

Quelle: F.A.Z.
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