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Zerfällt Europa? (26) : Keine Alternative für Deutschland

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Bild: dpa

Der Brexit ist das stärkste politische Erdbeben, das Europa seit der Wiedervereinigung 1989 erschüttert hat. Zusammenbrechen wird die EU darüber wohl nicht. Auch nicht das Vereinigte Königreich. Aber nichts wird so bleiben, wie es vorher war.

          Der 24. Juni 2016 ist ein Tag, den ich meinen Lebtag nicht vergessen werde. Ich wachte an jenem Freitagmorgen nach dem Brexit-Referendum sehr früh auf. Die Nachrichten waren ein tiefer Schock, an Schlaf war sofort nicht mehr zu denken.

          Während der darauffolgenden Tage war die Stimmung – meine eigene und um mich herum – eine wirbelnde Mischung aus Unglauben, Bestürzung und Wut. Sogar die „Leavers“ unter meinen Bekannten waren überrascht. Und es wurde sehr schnell klar, dass kaum jemand, weder in der Wirtschaft noch innerhalb der britischen Regierung, eine Ahnung dessen hatte, was Brexit eigentlich genau bedeuten würde. Einige hoffen immer noch darauf, dass es am Ende doch nicht zu einem Austritt aus der EU kommen wird – dass man sich auf ein neues Abkommen einigt, welches das Konzept und die Struktur der EU im Interesse aller Europäer ändern würde und somit die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs auf einer für die Briten akzeptableren Basis ermöglicht.

          Die Stimmung hat sich geändert seitdem. Sogar die „Remainers“, die erleichtert darüber waren, dass der Himmel bisher noch nicht über ihnen hereingebrochen ist, haben eine neue Entschlossenheit gezeigt. Sie fühlen sich wohler angesichts der neuen Realität und sind optimistischer geworden, dass Großbritannien einen vernünftigen Modus vivendi mit seinen europäischen Nachbarn finden und sich mit Zuversicht auf der Weltbühne behaupten wird.

          Wir werden sehen. Vieles, was im Laufe der Kampagne vor dem Votum gesagt wurde, war ein Missklang aus Übertreibungen und Lügen, manches davon wirkt noch schmerzhaft nach. Wenig davon wurde der Komplexität der Entscheidung gerecht – eine Entscheidung, die Themen wie Souveränität, Einwanderung, wirtschaftliche Beziehungen und Weltpolitik umfasste. Keine dieser Fragen sind verschwunden, geschweige denn durch das Referendum ein für alle Mal gelöst. Das einzige Ergebnis ist, dass der Status quo ante beendet wurde. Jetzt befinden wir uns in einer Art Fegefeuer, das gut und gerne ein paar Jahr andauern könnte.

          Wie auch immer das Ergebnis der Verhandlungen über die zukünftigen Beziehungen der Briten mit der EU letztendlich aussehen wird, zwei kritische Fragen müssen wir stellen: Was sagt das Referendum über die britische Gesellschaft aus? Und was sind die Auswirkungen unserer Entscheidung auf die Rolle Deutschlands im zukünftigen Europa?

          Zuerst: Warum war der Ausgang der Volksabstimmung eigentlich ein Schock für die meisten? Für einen „Remainer“ wie mich war es sicherlich eine Enttäuschung. Aber es war ein tiefgehender Schock, weil wir nicht verstanden hatten, wie gespalten das Land war. Alt gegen Jung; Schottland, London und einige andere Großstädte gegen den Rest von England und Wales. Das Gesamtergebnis war knapp; aber wenige der Ergebnisse per Wahlkreis lagen nah zusammen – die meisten gingen stark in die eine oder die andere Richtung. Mehr als alles andere hat dieses Referendum das Ausmaß der Unterschiede offenbart zwischen dem britischen Establishment auf der einen Seite – hierzu zähle ich Westminster und Whitehall, die City, Unternehmer, Akademiker und die professionelle Mittelklasse – und einem großen Teil des restlichen Englands und Wales auf der anderen Seite.

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