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Veröffentlicht: 29.12.2016, 17:23 Uhr

Zerfällt Europa? (21) Europäischer Friede, christlicher Glaube

Robert Schuman war Christ und Politiker. Als solcher formulierte er 1950 eine Friedensvision für Europa. Sie steht im Kontext älterer europäischer Friedenskonzeptionen, weist aber weit über Europa und eine innerweltliche Ordnung hinaus.

von Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn
© Franziska Gilli

In der Ansprache anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises kritisierte Papst Franziskus im Mai dieses Jahres das „müde und gealterte Europa“, das Anziehungskraft verloren habe und eines „neuen europäischen Humanismus’“ bedürfe. Überraschenderweise sprach der Papst nicht vom christlichen Erbe Europas, sondern von einer „multikulturellen“ europäischen Identität. Das große Ziel des Friedens sei nur in einer Kultur des Dialogs von Dauer, nicht aber in einem Europa, das sich in sich selbst verschanze.

In seiner Laudatio griff EU-Parlamentspräsident Martin Schulz diese Kritik auf und beklagte die Renationalisierung und Entzweiung der EU-Staaten. Der Rückblick auf das Jahr 2016 ist für das vereinte Europa bedrückend: das Brexit-Referendum, der Streit um die Flüchtlingspolitik, die Ratlosigkeit angesichts des Terrorismus untergraben jeden europapolitischen Optimismus. Es erscheint immer deutlicher, dass die gegenwärtige Misere eine tiefgreifende Identitätskrise der Europäischen Union darstellt, in der das Friedensprojekt des vereinten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit gerät und die Vorstellung vom Eurokratismus in Brüssel immer stärker das Meinungsbild der Menschen prägt.

Wie Schulz in seiner Laudatio betont, komme der Friede aber nicht wie Strom aus der Steckdose, sondern sei immer wieder in Gefahr und müsse neu erarbeitet werden. Dabei übte er auch Kritik an osteuropäischen Staaten, die sich als christliche Länder verstünden und deshalb keine Muslime aufnehmen wollten. Diese kritischen Befunde werfen die Frage auf, welche Bedeutung der christliche Glaube für das Projekt der europäischen Einigung aus heutiger Sicht besitzt. Ist er ein Hindernis für den europäischen Integrationsprozess, wenn auf seiner Basis religiöse Pluralität abgelehnt und die Aufnahme von nichtchristlichen Flüchtlingen blockiert wird? Fördert die christliche Rückbindung also eine Logik der religiösen Identität, die sich politisch in einer nationalen Selbstbezogenheit widerspiegelt? Muss der christliche Glaube sich deshalb in einen neuen europäischen Humanismus verwandeln, um das selbstbezogene Europa aus seinen Krisen zu befreien? Oder ist es, umgekehrt, nicht gerade das aus dem Glauben stammende Ethos der Solidarität, das zur Nächstenliebe und Friedensvermittlung aufruft, wie zahllose Beispiele gelebter christlicher Caritas angesichts der Flüchtlingskrise in Europa zeigen?

Der französische Außenminister Robert Schuman hatte mit seiner vielzitierten „Schuman-Erklärung“ vom 9. Mai 1950 den Grundstein für eine europäische Föderation gelegt, als er vorschlug, die französisch-deutsche Stahl- und Kohleproduktion unter eine gemeinsame Aufsichtsbehörde zu stellen. Das Motiv für diesen Vorschlag und die Vorstellung einer demokratischen europäischen Föderation war nicht primär von einem politischen oder ökonomischen Leitbild Europas bestimmt. Schumans Friedensvision verdankt sich, wie man in seinen Schriften lesen kann, seinem christlichen Glauben. Beeinflusst vom christlichen Denker Jacques Maritain ging er davon aus, dass die Demokratie vom Gedanken der Gottesebenbildlichkeit und der geschöpflichen Gleichheit aller Menschen entscheidend beeinflusst worden sei. Auch wenn er zwischen Politik und Religion trennte und das Christentum keine Theokratie darstellte, konnte sich Schuman ein demokratisches Europa nicht ohne die christlichen Prinzipien der Nächstenliebe und Barmherzigkeit vorstellen. Diese christliche Grundierung der europäischen Einigung fand sich in den Nachkriegsjahren politisch auch bei Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und im politischen Katholizismus, theologisch bei Romano Guardini und bei christlichen Autoren wie Werner Bergengruen und Reinhold Schneider.

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