http://www.faz.net/-gpf-8iyy8

Zerfällt Europa? (11) : Mit Herzblut und Leidenschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Wir dürfen das Feld nicht den großen Vereinfachern überlassen, die für alles einen Sündenbock, aber für nichts eine Lösung haben. Deshalb brauchen wir ein Europa, in dem demokratische Klarheit herrscht: Es muss klar sein, wer für was verantwortlich ist. Das geht nicht ohne eine echte EU-Regierung, die von den Bürgern abgewählt werden kann.

          Als ich am Freitag nach dem britischen Referendum um sechs Uhr morgens in mein Brüsseler Büro kam, um mich mit meinen engsten Mitarbeitern über das Abstimmungsergebnis zu beraten, sah ich eine Waliser Kollegin, die an ihrem Computer saß und weinte. Ich ging zu ihr, wir sprachen miteinander, und schließlich nahm ich sie in den Arm, um sie zu trösten. Sie war bis ins Mark erschüttert über die Tatsache, dass ihr Land in einer demokratischen Abstimmung erklärt hatte, nicht mehr Teil der europäischen Familie sein zu wollen. Ähnliche emotionale Reaktionen erreichten mich in den Tagen danach immer wieder, bei vielen Gesprächen im Parlament und auf der Straße, in Form von Briefen, E-Mails und Textnachrichten. Viele der Absender waren junge Briten, die sich in der Remain-Kampagne engagiert hatten und die nun befürchten, den Club Europa verlassen zu müssen, die ihre Zukunftschancen und ihre Identität in Frage gestellt sehen.

          Mich hat das Abstimmungsergebnis ebenfalls mitgenommen, nicht nur wegen all der guten Gründe, die rational gegen ein Ausscheiden von Großbritannien aus der EU sprechen: dass Europa nun einen G-7-Staat verliert, die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und ein ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Dass Europa ein politisches Schwergewicht abhandenkommt, das für Weltoffenheit, für Vielfalt, für eine tolerante Gesellschaft und für das Finden pragmatischer Lösungen steht und dessen Errungenschaften in Kultur, in Wissenschaft und vielen anderen Bereichen uns mehr geprägt haben, als uns das manchmal vielleicht bewusst ist. Und dass viele befürchten, es könnte ein Dominoeffekt eintreten, mit weiteren Referenden und Austritten, die schlussendlich zum Ende der europäischen Idee führen. All das ist bedrückend und treibt mich um und wird mein politisches Handeln bestimmen.

          Aber der Brexit hat mich auch auf vielfache Weise emotional sehr berührt, ja ehrlicherweise tief erschüttert. Dabei spielt zum einen selbstverständlich eine Rolle, dass ich als langjähriger Abgeordneter des Europaparlaments viele Freunde und Bekannte auf und von der Insel habe und darum weiß, welche Ängste sie mit dem Brexit verbinden. Es kann niemanden kaltlassen, wenn man Verzweiflung, Ärger und auch Wut bei Menschen hautnah erlebt, die einem nahestehen.

          Bei meiner emotionalen Reaktion spielt natürlich auch eine Rolle, dass ich mir selbst, als ein Repräsentant der EU und lebenslanger Verfechter der europäischen Sache, eine Menge Fragen stellen muss: Was ist schiefgelaufen, warum wenden sich nicht nur in Großbritannien so viele Menschen ab von diesem, wie ich finde, größten Zivilisationsprojekt der Menschheitsgeschichte? Was haben wir falsch gemacht, dass man zu oft widerspruchslos behaupten kann, die EU sei ein weltfremdes und bürokratisches Monster mit seelenlosen Apparatschiks, die niemals müde werden, die Menschen mit unsinnigen und überflüssigen Regularien zu überziehen? Was haben wir falsch gemacht, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie müssten die EU erleiden? Dass sie die EU als Problem und keinesfalls als Teil der Lösung sehen? Was haben wir falsch gemacht, dass viele Menschen - und davon bin ich aufgrund unzähliger Gespräche überzeugt - zwar von der Idee Europas nach wie vor überzeugt sind, nämlich gemeinsame Herausforderungen gemeinsam zu lösen, weil man gemeinsam stärker ist als allein, dass aber viele diese Idee nicht mehr mit der EU verbinden?

          Martin Schulz (SPD) ist Präsident des Europäischen Parlaments.
          Martin Schulz (SPD) ist Präsident des Europäischen Parlaments. : Bild: dpa

          Und dann hinterlässt drittens die Befürchtung ein sehr mulmiges Gefühl, dass es bei dieser Abstimmung weniger um Europa, sondern vielleicht eher um den Verdruss an unserem gesamten politischen System geht, wir also inmitten einer fundamentalen Vertrauenskrise stecken, die die Demokratie als solche gefährlich herausfordert. Diese Gedanken und Gefühle beschäftigen mich zwar nicht erst seit dem vergangenen Freitag, aber sie haben mit der Brexit-Entscheidung einen vorläufigen Höhepunkt erfahren.

          Wir leben in Zeiten, über die viele sagen, dass sie instabil sind und dass es eine neue Unordnung gibt. Eine Unordnung, die viele Menschen verunsichert. Wir lesen jeden Tag davon in der Zeitung, über Konflikte und Kriege, über Terror und Gewalt. Seit Monaten bekommen wir im Stakkato-Takt die Bilder und Berichte von Flüchtlingen gezeigt; atemlos diskutieren wir über Maßnahmen, wie wir diese Herausforderung bewältigen können. Mich erschreckt diese apokalyptische Berichterstattung über das Jetzt. Sie scheint mir

          einer Mode geschuldet, die sich in einen Überbietungswettbewerb begeben hat, wer einen noch pessimistischeren Anstrich malt, wer mit immer größerer vulgär-voyeuristischer Lust den nächsten angeblichen Skandal aufdeckt. Meine Befürchtung dabei ist: Übersehen wir bei dieser Kakophonie der Untergangsszenarien nicht das Entscheidende? Denn wir haben vor über 60 Jahren begonnen, eine neue, ja eine bessere Welt zu bauen. Auf den Ruinen vieler europäischer Städte und im Angesicht des furchtbarsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte haben wir angefangen, Gräben zu überwinden und Lehren aus der Geschichte zu ziehen.

          Denn bei aller berechtigter und unberechtigter Kritik an der EU sind die im Folgenden beschriebenen Punkte eben auch Europa: Diejenigen, die unter der wütenden Raserei der Deutschen zu leiden hatten, haben unserem Volk die Hand gereicht und uns eingeladen, ein Europa zu bauen, das den Krieg auf unserem Kontinent unmöglich macht. Das haben unsere Mütter und Väter erreicht. Erstmals in der Geschichte unseres Kontinents leben wir nun seit Dekaden in friedlichen Zeiten.

          Wir haben die totalitären Ideologien überwunden, die unseren Kontinent ins Unglück gestürzt haben. Nach und nach sind so die europäischen Länder zu stabilen Demokratien gewachsen. In Deutschland ebenso wie in Griechenland, in Italien, Portugal und Spanien, wo es noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts autoritäre Regime gegeben hat. Schließlich haben auch die mittel- und osteuropäischen Länder den Eisernen Vorhang niedergerissen und konnten wieder an alte demokratische Traditionen anknüpfen. Welch ein wunderbarer Moment in der Geschichte, als sich unser Kontinent wiedervereinigt hat und wir durch die europäische Einigung in der Lage waren, die jungen Demokratien mit offenen Armen zu empfangen und ihnen bei ihrem Neuaufbau zu helfen.

          Wir haben einen Sozialstaat aufgebaut, der das Solidarprinzip in der Gesellschaft verankert und der demjenigen, der ins Stolpern geraten ist, wieder auf die Beine hilft. Wir haben wertebasierte Gesellschaften geschaffen, mit dem wirkungsvollen Schutz von Grundrechten, dem Verbot von Rassismus und Antisemitismus und dem effektiven Schutz von Minderheiten. Die Religionsausübung ist frei und grundgesetzlich geschützt; dies ist eine zivilisatorische Errungenschaft von epochaler Bedeutung. Deswegen sollten wir uns denjenigen, die heute wieder Hass gegen religiöse Glaubensgemeinschaften predigen, entschieden in den Weg stellen.

          Wir versuchen, jedem Kind unabhängig von seiner Herkunft eine gute Bildung und Ausbildung zu ermöglichen, denn nur so hat jeder eine faire Chance in der Zukunft. Zur Bildung gehört es, dass es eine freie und kritische Presse gibt, die informiert, die abwägt und die gesellschaftliche Missstände schonungslos offenlegt. Das ist eine Grundvoraussetzung für eine freie Gesellschaft. Und schließlich: Wir schützen unsere Umwelt, denn wir haben nur diesen einen Planeten, der uns anvertraut ist und den wir nicht selbstsüchtig zerstören dürfen. Wir nehmen die Pflicht, für zukünftige Generationen unser Ökosystem zu bewahren, zunehmend in gemeinsamer europäischer Verantwortung wahr.

          All das haben wir erreicht. Ich sage das in dem Wissen, dass es natürlich noch viele Ungerechtigkeiten, Risiken und Unzulänglichkeiten gibt. Aber das, was wir auf diesem Kontinent aufgebaut haben, ist etwas Wundervolles - im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt so vieles, auf das wir in Europa stolz sein können und worum uns die Menschen auf anderen Kontinenten beneiden. Und dennoch mache ich auf meinen Reisen ins Ausland eine Erfahrung immer wieder: Je weiter ich mich von Europa entferne, desto begeisterter sind die Menschen von der EU und von den Errungenschaften unseres Kontinents. Je näher ich jedoch Europa wieder komme, desto schlechter wird die Stimmung und desto schlechter wird über Europa geredet. Manchmal erscheint es mir, als sei unser Europa wie der Scheinriese TurTur aus dem wunderschönen Buch von Michael Ende „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“. Dieser Riese erscheint groß, je weiter er weg ist, und er schrumpft immer mehr, je näher man ihm kommt.

          Wenn ich mir all das vor Augen halte, was ich gerade beschrieben habe, drängt sich mir eine Frage auf: Warum haben wir unseren Glauben an uns selbst verloren? Warum sind wir so verzagt geworden, wo wir doch so Großartiges erreicht haben? Warum hadern so viele mit dem politischen und gesellschaftlichen System, obschon es uns doch Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht hat? Warum trauen uns so wenige zu, die richtigen Antworten zu finden für die Probleme, die es zweifelsohne gibt? Woher kommt der Hass von manchen Menschen, denen doch im Vergleich zu allen Vorgängergenerationen ein so sicheres Leben geschenkt worden ist?

          Mich treibt um, dass wir heute Gefahr laufen, dieses beschriebene großartige Erbe zu verspielen. Denn die Fliehkräfte der multiplen Krisen, denen wir uns gegenübersehen, treiben uns auseinander, anstatt uns enger aneinander zu binden. Nationale Egoismen, Renationalisierung, Kleinstaaterei sind auf dem Vormarsch. Ohne Frage, Europa steht etwa in der Flüchtlingsfrage vor einer epochalen Herausforderung. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren zu keinem Zeitpunkt weltweit mehr Menschen auf der Flucht als heute. Die Flüchtlingskrise zeigt uns ganz deutlich, dass wir auf ein globales Phänomen wie die Flüchtlingsbewegungen keine nationalen Antworten geben können. Das geht nur im europäischen Verbund. Und doch erleben wir, wie in vielen Ländern der Vorrang des Nationalen und des nationalen Alleingangs vor der gemeinschaftlichen Lösung obsiegt. Diese Entsolidarisierung schadet uns allen, gerade aber auch den Menschen, die vor Krieg und Leid fliehen und zu uns kommen.

          Und von denjenigen, die sich nicht solidarisch verhalten und sich verweigern, wird die EU dann kritisiert, die Flüchtlingskrise nicht in den Griff zu bekommen. Einen derartigen Zynismus habe ich selten erlebt. Aber er passt leider in das Bild eines in vielen Teilen Europas erstarkenden Nationalismus. Dieser Nationalismus artikuliert sich immer lauter und hemmungsloser, egal ob im Europäischen Parlament, in vielen nationalen Parlamenten oder in Regierungszentralen. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge. Hier gerät etwas aus den Fugen. Dem müssen wir uns mit all unserer Kraft entgegenstellen.

          Mit welcher Geschichtsvergessenheit wollen manche 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder Mauern und Zäune in Europa errichten und damit eine unserer größten europäischen Errungenschaften gefährden - die Freizügigkeit! Mit welcher Realitätsverweigerung wird behauptet, dass Nationalstaaten auf sich gestellt besser dran wären. Als ob wir Europäer uns und unser einzigartiges Gesellschaftsmodell in einer sich immer weiter globalisierten und enger vernetzten Welt behaupten könnten, wenn sich unser Kontinent in seine Einzelteile zerlegt.

          Die Situation, in der wir uns befinden, erinnert mich daher sehr an die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann: Die erste Generation baut mit Herzblut, großer Energie und Leidenschaft etwas auf, die zweite verwaltet nur noch lust- und einfallslos, und die dritte schließlich sieht dem Verfall kraft- und tatenlos zu. Ich hoffe nicht, dass die jetzige Politikergeneration dieser Buddenbrookschen dritten Generation entspricht. Mit aller Kraft stemme ich mich dagegen.

          Um im Bild zu bleiben, heißt das aber, dass wir weder einreißen noch verwalten dürfen. Nein, es ist Zeit, mit Herzblut und Leidenschaft eine Debatte zu eröffnen, wie wir Europa verändern und verbessern können, damit die Ziele von Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand auch im 21. Jahrhundert erreicht werden. Dabei ist offensichtlich, dass ein schlichtes „Weiter so“ oder ein technokratisches Ziselieren nicht reichen wird. Wir können nicht einfach an ein paar Stellschrauben hier und da drehen, und schon wird alles wieder gut. Nein, diesmal brauchen wir den größeren, mutigen Wurf, der deutlich macht, dass wir den Schuss gehört und die Botschaft verstanden haben.

          Natürlich brauchen wir eine Reform, aber ich möchte diesen Begriff lieber nicht verwenden, weil er in den Ohren von vielen Menschen diskreditiert ist. Warum wagen wir diesmal nicht einen Aufbruch in Europa, einen, der anknüpft an die Hoffnungen der jungen Briten und so vieler anderer junger Menschen in ganz Europa, die gegen die menschenverachtende Rhetorik und das schlechtgelaunte Nationalismusgehabe der Ukip, Le Pens, Wilders’ oder der AfD kämpfen und die ein funktionierendes Europa als eine notwendige Bedingung erkennen, damit sie so leben können, wie sie das wollen. Mir schwebt ein Aufbruch vor, bei dem wir uns - wie bei allen fundamentalen Veränderungen - unserer selbst gewiss werden. Ein Aufbruch, der im Kern eine Wertedebatte abbildet, die in ihren Veränderungen auch sichtbar ist. Ein Aufbruch, der Europa demokratischer macht und der gerechtere Politikergebnisse produziert. Ich will ein Europa, das liefert, damit die billigen Anfeindungen und Unterstellungen gegen dieses Europa leichter als das enttarnt werden können, was sie sind: gezielte Angriffe, um Europa zu diskreditieren, zu schwächen und letztlich abzuwickeln, und das aus purer Ideologie!

          Wir sind Zeuge einer paradoxen Situation, weil diejenigen, die durch ihr Verhalten ein wirksames Handeln der EU verhindern, gleichzeitig am lautesten kritisieren, dass die EU die drängenden Probleme nicht löst. Das befördert die Frustration vieler Menschen und beschleunigt dadurch weiter den Zersetzungsprozess.

          Dies ist umso fataler, als die zentralen Herausforderungen mehr denn je einer funktionierenden EU bedürfen. Zugleich sehen wir uns aber vor allem von rechts - partiell auch von links - mit dem Auferstehen einer Ideologie konfrontiert, die suggeriert, man könne Globalisierungsprozesse zurückdrehen und im Rahmen der Nationen wirkungsvolle Lösungen für die grundlegenden Probleme hinbekommen. Diese Ideologie hat die EU zu ihrer Hauptgegnerin erklärt. Wir müssen dieser Ideologie endlich den Kampf ansagen. Viel zu sehr haben wir den Apologeten des Gegeneinanders, den Spaltern und großen Vereinfachern das Feld überlassen - jenen, die für alles einen Sündenbock haben, aber für nichts eine Lösung. Wohin das führen kann, haben wir gerade im Vereinigten Königreich gesehen.

          Deshalb brauchen wir jetzt einen Neustart in Europa. Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass wir endlich demokratische Klarheit hinbekommen. Denn wenn man in Bayern mit etwas unzufrieden ist, wird man nicht den Freistaat abschaffen wollen, sondern der Landesregierung bei der nächsten Wahl mindestens einen Denkzettel verpassen oder sie gar abwählen. Gleiches gilt in Berlin: Wer mit der Performance der Bundesregierung nicht einverstanden ist, der muss nicht am Staate Deutschland verzweifeln, sondern schlicht und ergreifend eine der Alternativen in die Regierung heben, die zahlreich vorhanden sind. Anders in Europa: Niemand prüft genau, wer was tut. Deshalb wird immer wieder Europa beispielsweise in der Flüchtlingsfrage ein Versagen unterstellt, auch wenn es unilaterale Entscheidungen in manchen Hauptstädten waren, die die Migration zu einer europäischen Flüchtlingskrise haben anwachsen lassen. Dann ist in aller Munde „Europa gescheitert“, auch wenn es kaum europäische Zuständigkeiten gibt, die hätten scheitern können. Deshalb: Ich will Klarheit, wer für was zuständig ist, damit die Bürger denjenigen zu Recht adressieren, der ein Politikergebnis zu verantworten hat.

          Wir werden nicht umhinkommen, die Europäische Kommission künftig zu einer echten europäischen Regierung umzubauen, einer Regierung, die der parlamentarischen Kontrolle des Europaparlaments und einer zweiten Kammer, bestehend aus Vertretern der Mitgliedstaaten, unterworfen wird. Diese Struktur, die die Menschen aus ihren Heimatländern kennen, wird politische Verantwortlichkeit auf der EU-Ebene transparenter machen. Wer zukünftig mit der EU unzufrieden ist, muss sie dann nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen, sondern kann durch Wahlen eine europäische Regierung durch eine andere ersetzen. Und auch die vielen kleinen und großen Erfolge der EU, die sich die verschiedenen Staats- und Regierungschefs heute meistens sehr ungeniert selbst zuschreiben, könnten so endlich von der EU für sich beansprucht werden.

          Es ist mir besonders wichtig, an dieser Stelle zu sagen: Bei den notwendigen Veränderungen geht es nicht um „mehr Europa“ oder vergleichbare Theoriedebatten. Es geht darum, mehr Nähe zu schaffen und Distanzen zu überbrücken. Ist nicht die Legitimität einer politischen Entscheidung dann am größten, wenn sie so nah wie möglich an den davon Betroffenen gefällt wurde? Entscheidend ist hier auch, klar zu definieren, was die Bürger in bestimmten Bereichen von der EU erwarten dürfen und können. Europa sollte sich nicht in Dinge einmischen, die lokal, regional oder national gut funktionieren.

          Aber gleichzeitig müssen wir auch besser identifizieren, wo Europa liefern muss und deshalb die Instrumente dafür bekommen muss, um tatsächlich auch liefern zu können.

          Das ist bei der Flüchtlingsfrage so, wo wir ein europäisches Einwanderungsrecht brauchen, das Asylbewerber, Bürgerkriegsflüchtlinge und Einwanderer unterscheidet und entsprechende Grundlagen für den legalen Aufenthalt schafft. Hier tut auch ein Stück mehr Realismus not, denn offensichtlich funktioniert die Verteilung der Flüchtlinge nicht; und da wir die Aufnahme nicht erzwingen können, wird es um andere Modelle gehen müssen.

          Das gilt bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der organisierten Kriminalität, weil es ein Unding ist, dass hier die nationalen Eifersüchteleien verhindern, dass wir diesen Banden effektiv an den Kragen gehen. Wie viele Male wollen wir uns noch anhören, dass Anschläge hätten verhindert werden können, wenn die europäischen Geheimdienste besser zusammengearbeitet hätten? Wie viele Menschen müssen noch ihr Leben verlieren, bis ein einfacher Informationsaustausch endlich funktioniert?

          Es gilt bei der Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion, weil eine gemeinsame Währung in 19 Staaten, die aber 19 unterschiedliche Finanz-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitiken haben, zum Scheitern verurteilt ist. Es gilt bei der Vollendung des Binnenmarktes ebenso wie für Investitionen in zukunftsweisende Schlüsselbereiche wie digitale Infrastruktur.

          Es gilt bei der Beantwortung der Gerechtigkeitsfrage, denn wenn Arbeitnehmer und kleine und mittelständische Unternehmer jeden Monat ihre Steuern zahlen, während Spekulanten ihre Milliardenbeträge in Steueroasen parken können, entsteht eine eklatante Gerechtigkeitslücke. Diese wird noch stärker empfunden, wenn Banken mit Milliardenbeträgen gerettet werden, wenn sie sich verspekuliert haben, während gleichzeitig an anderer Stelle Geld fehlt. Europa muss die Instrumente bekommen, um Steuervermeidung und Steuerbetrug effektiv zu bekämpfen. „Das Land des Gewinns ist das Land der Steuer“ ist dabei ein einfacher Grundsatz, mit dem sehr schnell ein wirkungsvolles Signal für mehr Gerechtigkeit gesetzt werden könnte. Der Kampf gegen Steueroasen und die Besteuerung von Spekulation gehören ebenso dazu. Eines ist mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Wir müssen die Sorgen und Ängste der Menschen, die sich an Recht und Gesetz halten, ernst nehmen und sie schützen, denn sonst drohen wir sie zu verlieren. Die Einhaltung von Recht, Gesetz und Regeln gilt nicht nur für das Zahlen von Steuern, sondern natürlich auch für alle bürgerlichen, verwaltungs- und strafrechtlichen Regeln sowie die Verhaltensregeln unserer offenen und toleranten Gesellschaft. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie ausgenutzt werden und dass Regeln nicht für alle gelten oder missbraucht werden, dann macht sich auch hier ein Gefühl der Ungerechtigkeit breit. Das ist Gift für unsere Gesellschaft.

          Und schließlich gilt es insbesondere bei der Außenpolitik, denn gerade hier hat sich in der vergangenen Dekade gezeigt, dass wir nur dann europäische Interessen wirkungsvoll einbringen und durchsetzen können, wenn sie geschlossen auf internationalem Parkett vertreten werden.

          Bei all diesen Punkten sind Revolutionen notwendig, die an das anknüpfen, was vielfach gerade junge Menschen von uns erwarten, weil sie mit Europa ihr spezielles Lebensmodell verbinden. Diese Generation weiß, dass ihre Altersgenossen auf dem amerikanischen, asiatischen und afrikanischen Kontinent viele ihrer Möglichkeiten nicht besitzen.

          Dabei ist zentral, dass der Wertebezug, für den Europa steht, auch bei dieser Revolution im Vordergrund steht. Denn im Zeitalter des allumfassenden Umbruchs, inmitten einer technologischen Revolution, die scheinbar alles von unten nach oben kehrt, ist die Selbstvergewisserung der eigenen Werte identitätsbildend.

          Daher haben alle meine Vorschläge hier eines gemein: Europa muss durch eine klarere Definition seiner Konturen greifbarer und sichtbarer werden. Ich will diesen Aufbruch, der wieder erkennbar macht, wofür Europa steht. In seiner großen Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat Navid Kermani gesagt: „Wer vergessen hat, warum es Europa braucht, muss in die ausgemergelten, erschöpften, verängstigten Gesichter der Flüchtlinge blicken, die alles hinter sich gelassen, alles aufgegeben, ihr Leben riskiert haben für die Verheißung, die Europa immer noch ist.“

          Diese Hoffnung, dass man es schaffen, dass man ein besseres Leben erreichen kann, müssen wir wieder in die Gesichter der Europäer bekommen. Denn es geht darum, ob es uns gelingen wird, ein einzigartiges Gesellschaftsmodell zu bewahren und in der Zukunft fortzuschreiben. Ein Modell, das eine transnationale Demokratie verwirklicht, das Krieg unmöglich und Wohlstand für alle erreichbar macht. Ein Modell, das Teilhabe, Gleichberechtigung und ein nachhaltiges Wirtschaften zum Paradigma erklärt und das die Würde jedes Einzelnen zum vornehmsten Verfassungsgrundsatz macht, der rechtsverbindlich und einklagbar ist. Weil ich fürchte, dass wir diesen europäischen Traum kaputtmachen, bin ich in diesen Tagen so kämpferisch. Denn ich will, dass wir ein gutes, ein noch besseres Europa der kommenden Generation übergeben, die - da bin ich sicher - sehr genau weiß, was sie damit anfangen soll.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Wir brauchen Mut

          Die Kanzlerin im Gespräch : Wir brauchen Mut

          Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Kampf gegen Hass und Feigheit. Sie beschreibt, wie wichtig dabei Sprache ist. Und was Europa gewinnen kann.

          „Wir können Trump nicht vertrauen“ Video-Seite öffnen

          „Dreamer“ in Amerika : „Wir können Trump nicht vertrauen“

          In New York haben zahlreiche Menschen für den Verbleib der sogenannten Dreamer protestiert, hunderttausende illegal in Amerika eingereiste junge Menschen. Obwohl Präsident Donald Trump an einer Vereinbarung mit den Demokraten arbeitet, die diese Menschen vor der Abschiebung schützen soll, sind viele Aktivisten skeptisch.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.
          Mathias Döpfner beim Zeitungskongress in Stuttgart.

          Verleger gegen ARD : Was Döpfner wirklich gesagt hat

          Der Verleger-Präsident Mathias Döpfner hält eine feurige Rede und teilt gegen die Medienpolitik, ARD und ZDF aus. Die ARD-Chefin Wille reagiert wie zu erwarten mit einem Beißreflex. Und produziert „Fake News“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.