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Deutsche Einheit : Respekt!

  • -Aktualisiert am

Bild: Barbara Klemm

Vermutlich ist die deutsche Vereinigung ein asymptotischer Prozess: Sie kommt nie an ihr Ende. So wie unsere Nazi-Vergangenheit wird auch die DDR-Geschichte eine Vergangenheit sein, die nie ganz und endgültig vergeht. Das ist kein Grund für Wut und Empörung, jedenfalls dann nicht, wenn es immer wieder kleinere oder hoffentlich größere Fortschritte gibt.

          Jetzt gibt es die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Wolfgang Thierse.

          Am diesem Montag begehen wir ein besonderes Datum: Wir Deutschen leben an diesem 5. Februar nunmehr genauso lange gemeinsam und ohne Mauer, wie wir durch die Mauer getrennt haben leben müssen – 28 Jahre und drei Monate. Ist das womöglich ein Anlass, zu feiern?

          Ich selbst jedenfalls habe die volle Zeit mit und ohne Mauer durchlebt. Die Zeit seit dem 9. November 1989 ist rasend schnell vergangen, in meiner Wahrnehmung so schnell, dass mir die Zeit davor wie der pure Stillstand erscheinen will. So sehr hat sich das Land seither verändert und mein eigenes Leben auch! Die Bilanz ist gemischt positiv. Das Wichtigste: Unser Land ist nicht mehr der Hauptschauplatz des Kalten Krieges, einer mühseligen und gefährlichen Systemauseinandersetzung, die allzuviel an materiellen Ressourcen und an menschlichen Opfern gekostet hat. Wir erleben aber, dass auch der Frieden keine reine Idylle ist.

          Vieles ist gelungen, aber doch nicht alles. Die Erfolge waren und sind häufig mit Schmerzen verbunden, und beide sind ungleich verteilt. Das hartnäckige Diktum aber von der „Mauer in den Köpfen“, oft genug empört oder resignierend wiederholt, ist falsch. Je jünger die Befragten sind, umso weniger stimmen sie dem behaupteten Befund zu. Dabei gibt es wahrlich noch unübersehbare Unterschiede zwischen Ost und West, wirtschaftlich, sozial, politisch, mental.

          Immer wieder flackert die innerdeutsche Debatte auf, werden Ost-West-Ungereimtheiten, Vorwürfe, Fremdheiten zum Gegenstand öffentlicher Aufregungen. Regelmäßig – zuletzt nach der Bundestagswahl im September und dem Erfolg der AfD – wird die vorwurfsvoll-beunruhigte Frage laut: „Was ist nur mit dem Osten los?“ Vor zwei Monaten erregte der Vorwurf Aufmerksamkeit, dass Ostdeutschland von einer westdeutschen Elite beherrscht würde und Ostdeutsche in den vergangenen 27 Jahren kaum Führungschancen gehabt hätten. Von „kulturellem Kolonialismus“ war gar die Rede. Vor zwei Wochen hat der thüringische Kultusminister Helmut Holter von der Linkspartei eine gewisse Erregung verursacht mit dem Vorschlag eines Schüleraustausches zwischen Ost und West in Deutschland. Ob Zustimmung oder Ablehnung, das Erstaunen war groß darüber, dass ein solcher Vorschlag so lange nach der Überwindung der Mauer gemacht wurde.

          Das waren nur drei Schlaglichter, 28 Jahre nach friedlicher Revolution und deutscher Vereinigung. Gewichtiger sind die Unterschiede, die die Bundesregierung in ihren alljährlichen Berichten zum Stand der Deutschen Einheit in gebotener Nüchternheit auflistet. Dem letzten Bericht vom Sommer 2017 kann man entnehmen, wie weit wir im prosaischen Vereinigungsalltag der vergangenen 28 Jahre gekommen sind. Von Hochstimmung, von Aufbruch ist ja schon länger nichts mehr zu spüren. Wir haben – entgegen früheren Vorstellungen und Hoffnungen – inzwischen einsehen müssen, dass die von unserer Verfassung (Artikel 72 des Grundgesetzes) vorgeschriebene „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ in Ost und West sehr viel mehr Kraft, Ausdauer und Zeit erfordert, als wir es uns erhofft oder auch eingeredet oder manche Politiker vollmundig versprochen haben.

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