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Weimarer Verhältnisse? (1) : Appell an die Vernunft

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Fakenews anno 1924: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) macht bei der Reichstagswahl mit der Dolchstoßlegende gegen SPD und Zentrum mobil. Bild: akg-images

„Fanatismus wird Heilsprinzip“ – Thomas Manns Diagnose aus dem Jahr 1930 war Rückblick und Vorahnung zugleich: Die Weimarer Republik war in höchster Not. Auch heute ist die Idee der Freiheit nicht ungefährdet. Was ist zu tun? Ein Gastbeitrag.

          Auf leisen Sohlen schleicht sich ein Gespenst in die deutsche Debatte ein, das man auf immer in der Besenkammer der Geschichte abgelegt zu haben glaubte: Es ist das Gespenst der „Weimarer Verhältnisse„. Ist unsere Demokratie instabil geworden? Drohen ihr ähnliche Gefahren wie der gescheiterten Weimarer Republik? Steht der Rechtsextremismus vor der Tür? Das sind alte Fragen in neuem Gewand, die schon längst beantwortet zu sein schienen. Denn Bonn war nicht Weimar, und Berlin schon gar nicht. Tatsächlich brauchte die Bundesrepublik lange Zeit eine Art Negativfolie, um sich ihrer demokratischen Stabilität zu versichern. Weimar war ein paradigmatisches Lehrstück für Machtverlust und Selbstaufgabe der Demokratie. Spätestens nach 1990 verlor dieses Weimar-Bild an Bedeutung. Angesichts gereifter Traditionen, gefestigter zivilgesellschaftlicher Fundamente, aber auch ganz neuer, globaler Herausforderungen verlor die Geschichte der Weimarer Republik ihre historisch-pädagogische Funktion. Die deutsche Demokratie schien sie nicht mehr für ihre eigene politische Legitimation zu benötigen.

          Seit rund zwei Jahren ist Weimar wieder in aller Munde. „Weimarer Verhältnisse“ werden zum Schreckbild in einer Zeit, in der traditionelle Gewissheiten in Frage gestellt und neue Ängste erzeugt werden. Stimmbürgerschaft und Regierende, das Volk und seine Repräsentanten scheinen sich immer weiter einander zu entfremden. Begriffe wie "Volksverräter" und "Lügenpresse" wecken düstere Erinnerungen.

          Allerdings ist, wenn heute auf Weimar verwiesen wird, längst nicht immer klar, worüber eigentlich gesprochen wird. Erforderlich ist daher eine historisch informierte Bestandsaufnahme, die hinreichend deutlich macht, gegen welche aus der Geschichte bekannten Gefahren wir uns möglicherweise wappnen müssen und welche Gespenster der Vergangenheit wir tatsächlich in die Besenkammer der Geschichte verbannen können. In einer Serie von sieben Beiträgen werden die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Bayerische Rundfunk eine solche kritische Bestandsaufnahme vorlegen. Zur Sprache kommen Probleme der Wirtschaftsentwicklung wie des Parteiensystems, der Medien wie der Wählerbewegungen, der internationalen Beziehungen sowie der Blick von außen.

          Dies sind Schlüsselthemen der historischen Forschung, und sie alle bergen gewichtige Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik. Das Jahr 1933 auf eine einzige Ursache zurückzuführen wäre allerdings vermessen und irreführend. Warum die Weimarer Republik am Ende dem Ansturm von rechts erlag, lässt sich auch nicht erklären ohne einen Blick darauf, was in der Forschung als „politische Kultur“ bezeichnet wird. Angestellt seien also einige Überlegungen zu den Vorstellungswelten und Denkhaltungen der Zeitgenossen und Wähler der damaligen wie der heutigen Zeit.

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