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Vor hundert Jahren : 1917 - Relief eines Schlüsseljahres

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Bild: Reuters

Anspannung an den Heimatfronten, Meutereien in den Schützengräben, Hoffnungen auf neue Führer, Ende des Zarenreiches, Amerikas Eintritt in den Krieg - das vierte Kriegsjahr wurde zum Scharnier zwischen dem langen 19. Jahrhundert und einer neuen Weltordnung.

          Was war der Krieg? Mitte Januar 1917 war sich der französische Ministerialbeamte Michel Corday sicher, dass die Zeitungen die wahre Stimmung im Land nicht abbildeten. Die Presse erwähne nicht die „traurig verdunkelten Straßen mit den Obstläden, die von Kerzen erleuchtet werden, nicht die Mülltonnen, die infolge des Mangels an Arbeitskräften bis etwa drei Uhr nachmittags auf den Bürgersteigen liegen, nicht die Warteschlangen von bis zu dreitausend Leuten, die vor den großen Lebensmittelläden stehen, um sich ihre Zuckerration abzuholen. Und umgekehrt zeigt es nicht die Scharen von Menschen, die die Restaurants, Teesalons, Theater, Varietés und Kinos bevölkern.“ Nach den enormen Verlusten in den Materialschlachten des Jahres 1916 vor Verdun sowie an der Somme hatten viele Zeitgenossen den Eindruck, über Frankreich lege sich angesichts der unabsehbaren Anstrengungen des neuen Jahres eine Stimmung, die von Unsicherheit und Pessimismus geprägt sei.

          In der Tat wurde die Anspannung an den Heimatfronten ein entscheidendes Kennzeichen dieses Schlüsseljahres 1917. Immer mehr Menschen und immer größere Ressourcen mussten mobilisiert werden. Die Auswirkungen dieser ununterbrochenen Anstrengungen ließen nicht lange auf sich warten: Der Unterschied zwischen Krieg und Frieden verwischte im vierten Kriegsjahr mehr und mehr. Die 15 Jahre alte Schülerin Elfriede Kuhr vermerkte im September 1917 in ihrem Tagebuch, der Krieg sei „schon so etwas wie ein Dauerzustand geworden . . . man kann sich nicht mehr daran erinnern, wie es im Frieden war: Wir denken kaum noch an den Krieg.“

          Nach den demoralisierenden Lebensmittelengpässen des Winters 1916/17 tauchten immer mehr Ersatzstoffe auf. So gab es 1917 im Deutschen Reich nicht weniger als 837 genehmigte Surrogate für Wurst und mehr als 500 für Kaffee. Doch jeder von der chemischen Industrie entwickelte Ersatz verstärkte nur noch das Gefühl des Mangels, der mit der Erfahrung eines auf den Schwarzmärkten kriminalisierten Alltags einherging.

          Die Nachrichten von den Gefallenen an der militärischen Front und das Erlebnis der Kriegslasten in der Heimat vermischten sich in einer Glaubwürdigkeitskrise ganz neuen Ausmaßes. Das Fundament der Kriegsnation, deren Einigkeit immer neu beschworen wurde, bekam Risse. Der Verweis auf den inneren Burgfrieden des Sommers 1914 vermochte die Spannungen kaum noch zu überdecken. Wie weit diese Krise aber gehen, welche Gewalt sie provozieren konnte, war kaum einem Zeitgenossen zu Beginn des Jahres klar. Ende 1917 aber war die Dynamik dieser Entwicklungen unübersehbar - und sie hatte Ausmaße und Folgen, die bis in unsere Gegenwart reichen.

          Diese Krise von Militär und Politik war ein Ergebnis des zähen Kräfteverschleißes sowie der immer breiteren Kluft zwischen Zielen, Opfern und Erträgen in diesem Krieg. Umso größere Hoffnungen richteten sich jetzt auf energisch-charismatische Führer. Sie sollten eine Entscheidung herbeizwingen. Der deutschen Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff, aber auch dem britischen Kriegspremier David Lloyd George und in Frankreich ab 1917 Philippe Pétain und Georges Clemenceau sicherten diese Erwartungen eine besondere militärische und politische Stellung. Immer stärker konzentrierten sich alle Seiten darauf, mit einer letzten großen Anstrengung einen Siegfrieden zu erreichen und damit die immensen Verluste seit Sommer 1914 zu rechtfertigen.

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