Doch Hoffnungen wie diese konnten jederzeit in Enttäuschung umschlagen. Das zeigte sich im Frühjahr 1917 in aller Dramatik: Nach dem Scheitern der französischen Nivelle-Offensive kam es im Mai und Juni an der Westfront in der Hälfte aller französischen Divisionen zu Massenmeutereien. Die Enttäuschung griff auch auf die Heimat über und mündete dort in eine Streikwelle.
Immerhin beriefen sich die französischen Rekruten an der Front und die Arbeiterinnen der Kriegsindustrien auf die Werte der egalitären Republik. Sie wandten sich gegen sinnloses Sterben und Kriegsprofiteure und verlangten eine faire Verteilung der Lasten, um den Krieg gegen die Invasoren und Besatzer fortzusetzen. In Russland entwickelten sich aus der Erschöpfung und Zersetzung des Militärs und der Bevölkerung in den Großstädten im Februar und Oktober zwei Revolutionen. An deren Ende stand ein mehrfacher Umbruch: Während der alte Staat zusammenbrach und sich immer mehr Regionen und Gruppen aus dem Verband des multiethnischen Zarenreichs lösten, scherte Russland 1917 aus dem Krieg aus.
Ein Ende der Gewalt bedeutete das nicht, im Gegenteil: An die Stelle des Staatenkrieges trat ein Bürgerkrieg, in dem sich ideologische, ethnische und soziale Fronten überlagerten und so die Gewalt potenzierten. Wo Rote gegen Weiße, Russen gegen andere Ethnien und Arbeiter oder Bauern gegen vermeintliche Klassenfeinde kämpften, konnte jeder zum Feind werden, verwischten die Grenzen zwischen Militär und Zivilisten, schien Gewalt ein Mittel der Notwehr zu sein. Während des Bürgerkriegs, der Ende 1917 begann und Anfang der 1920er Jahre abebbte, sollten mehr Menschen sterben als während des Krieges, den das Zarenreich zwischen Sommer 1914 und Ende 1917 geführt hatte.
Die Ungleichzeitigkeit der Kriegserfahrungen des Jahres 1917 kennzeichnete aber nicht nur West- und Ostfront. Auch zwischen den nördlichen und südlichen Abschnitten der Ostfront waren die Unterschiede enorm. Nach den deutschen Angriffen im Baltikum Ende 1917 war der Kampf zwischen Russland und den Mittelmächten faktisch beendet. In einer Stadt wie Warschau und in weiten Teilen Galiziens erlebten die Menschen vom Sommer 1917 an so etwas wie Frieden. An der mazedonischen Front im Südosten Europas verwüstete ein Großbrand im August 1917 weite Teile Salonikis, jener alten multiethnischen Hafenstadt, in der viele Bewohner um die Jahrhundertwende sechs bis sieben Sprachen beherrscht und in der die rund 70 000 jüdischen Bewohner Griechen, Armenier, Türken, Albaner und Bulgaren als Nachbarn hatten.
In der Wahrnehmung der Zeitgenossen geriet 1917 etwas in Bewegung; das machte das Jahr zum Scharnier - so wenig man wissen konnte, worauf diese Entwicklungen am Ende hinauslaufen würden. An der Westfront dominierte weiterhin der Stellungskrieg. Aber 1917 kündigte sich endgültig der moderne Krieg des 20. Jahrhunderts an: Auf deutscher Seite griffen neue, flexibel einsetzbare Sturmtruppen in das Geschehen ein. Die Briten setzten im November 1917 in der Schlacht von Cambrai zum ersten Mal auf große Panzerverbände. Neu war auch die Taktik der „verbrannten Erde“. Sie kam im „Unternehmen Alberich“ zum Einsatz, als deutsche Truppen im März 1917 an der Westfront ein großes Gebiet räumten, um ihre Verteidigungslinie zu verkürzen. Bei dem Rückzug in die „Siegfried-Stellung“ wurden mehr als 100 000 Zivilisten ins Hinterland deportiert. Etwa 200 Ortschaften, dazu alle Straßen, Brücken, Eisenbahntrassen und Gebäude, wurden dem Erdboden gleichgemacht.