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Unabhängigkeitsbewegungen : Adiós España

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Bild: AFP

Der katalanische Nationalismus ist ein schillerndes Phänomen: Er gibt sich weltoffen, progressiv und links - und strebt die Herauslösung aus dem vermeintlich imperialistischen spanischen Staatsverband an und damit auch aus der EU. Geschichte und Geschichtsklitterung spielen dabei eine überragende Rolle.

          Man zählt das Jahr 1898. „Wo bist du, Spanien? Hörst du nicht meine Donnerstimme? Verstehst du die Sprache nicht, die in Gefahren zu dir spricht? Hast du verlernt, deine Kinder zu verstehen?“, so fragt der Dichter Joan Maragall in seiner „Ode an Spanien“. Unmittelbar nach diesen Fragen mündet sie in die abschließende Emphase: „Adiós España!“ Nichts anderes würden die katalanischen Nationalisten der Gegenwart dem spanischen Staat heute gerne zurufen.

          Diesseits der Pyrenäen ist der nationalistische Furor schwer zu verstehen. Dabei wirbt selbst Pep Guardiola, der Trainer des FC Bayern München, in Deutschland für die Sache der Katalanen - und kommt dabei den hiesigen Fußballfans ziemlich spanisch vor. Gleicht dieses Aufbäumen gegen den vermeintlich imperialistischen spanischen Zentralstaat nicht doch eher dem Kampf Don Quijotes gegen Windmühlenflügel? Wie lässt sich der Einsatz für einen sezessionistischen Nationalismus innerhalb des heutigen Europas überhaupt erklären?

          Ein Blick in die Geschichte hilft. Selbst die Haltung Guardiolas wirkt weniger überraschend, wenn man seine Herkunft in Rechnung stellt: Der FC Barcelona, sein langjähriger Fußballverein, ist seit seiner Gründung 1899 eng mit einem volkstümlichen Katalanismus verbunden. Während der Diktatur von Francisco Franco (1936-1975) avancierte er zum Symbol des katalanischen Widerstandes und wurde schließlich - mit den Worten des Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán - zur „Streitmacht eines Landes ohne Staat und Armee“. Zudem ist der Katalanismus ganz anders als jener dumpfe rechtsextreme, xenophobe, rassistische Nationalismus, der sich durch die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts eigentlich restlos diskreditiert hat. Er präsentiert sich als weltoffen, progressiv und wird seit einiger Zeit vor allem von einem Bündnis linker Parteien vorangetrieben.

          Professor Dr. Birgit Aschmann lehrt Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin.

          Das Besondere dieses katalanischen Nationalismus liegt vor allem in der Kombination aus Modernität und Tradition. Letztere ist unabdingbar, wie bei jeder nationalen Selbstverortung. Die Dimension der Geschichte Kataloniens wird deutlich nicht nur in den Reden der politisch Verantwortlichen, sondern auch in dem Autonomiestatut von 2006, das sich auch aus den „historischen Rechten“ des katalanischen Volkes ableitet.

          Nicht überall finden die Bezüge auf die Geschichte Anklang. Für den Schriftsteller Juan Marsé ist die katalanische Vergangenheit schlicht erfunden: „reine Lüge“. Allerdings befände sie sich damit in bester Gesellschaft, gelten doch nach Benedict Andersons Diktum grundsätzlich alle Nationen als „erfundene Gemeinschaften“, als „imagined communities“. Tatsächlich sind die Traditionsbestände, auf die sich Nationen stützen, ein Amalgam aus Geschichte und Geschichtsklitterung. Deutungsmuster, die eher den Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart als den Fakten der Vergangenheit entsprechen, kommen schon durch die Auswahl und Hervorhebung jener Elemente der Geschichte zum Tragen, in deren Tradition sich nationale Kollektive gestellt sehen wollen.

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