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Veröffentlicht: 04.05.2014, 16:58 Uhr

Gesellschaft Linke Beziehungskisten


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Was sich durch die Impulse aus dem linksalternativen Milieu vor allem änderte, war weniger die sexuelle Praxis, sondern etwas anderes: Man konnte, ja musste über seine Sexualität sprechen - von der Masturbation bis zum Fremdgehen. Heimlichkeiten und Doppelmoral sollten im Bekenntnis zur offenen Beziehung überwunden werden, unterschiedliche Sexpraktiken (von der Promiskuität über die Homosexualität bis zur Pädophilie) sollten sagbar werden. Dies firmierte als Selbstbestimmungsdiskurs, der die herkömmlichen sexuellen Normen enttraditionalisierte und pluralisierte.

Das „Alles-über-den-Sex-Sagen“ wurde zu einem Imperativ, um die vermeintlich „echten“ sexuellen Bedürfnisse freizulegen. Im Anschluss an den französischen Philosophen Michel Foucault kann man argumentieren, dass der Sex durch die Verweigerung des Geheimnisses diskursiv eingehegt wurde. Bindungsbereitschaft, Liebe und Treue galten als „bürgerlich-repressiv“, da das „Besitzdenken“ und „Ausschließlichkeitsprinzip“ nur Leid und Eifersucht produziere. An ihre Stelle rückte die Hochschätzung der „offenen Beziehung“ unter dem Primat der Luststeigerung - ganz ohne Abhängigkeiten und Unterdrückungsverhältnisse.

Letztlich waren es vor allem die Überschätzung und die Mythisierung der Sexualität als (politische) Erlösung, welche zu den wesentlichen Merkmalen dieser neu codierten linksalternativen Sexualitätsnormen wurden. Da die Realität diesen hochgesteckten Zielsetzungen nicht standhalten konnte, wurde die eigene Partnerbeziehung immer wieder aufs Neue „hinterfragt“ und in Dauerpalaver „ausdiskutiert“. Die positive Kehrseite dieses zuweilen obsessiven „Alles über den Sex“ war die Enttabuisierung vieler Liebes- und Sexformen, vor allem die Anerkennung der Homosexualität.

Freiheit und Zwang verwiesen in dieser Konstellation jedoch aufeinander und waren miteinander verwoben. Geständnis und Enthüllung vermeintlicher eigener Mängel gehörten zu der frei gewählten Selbstthematisierungskultur. Dabei konnte Selbstbestimmung schnell in Selbstenthüllung und -entblößung umschlagen. Die Linksalternativen leisteten somit einen erheblichen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung und Politisierung der Sexualität. Freilich überschätzten sie deren gesellschaftliche befreiende Wirkung gewaltig und setzten die einzelnen Mitglieder ihres Milieus erheblich unter Druck.

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Quelle: wahlrecht.de
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