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Russlands Schicksalsjahr 1937 : Stimmzettel gegen Volksfeinde

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Bild: Getty

Das Muster aller Wahlen im Ostblock war keine Farce, sondern die Einübung in einen Akt der Unterwerfung: Wie die Massenmobilisierung vor der Wahl des Obersten Sowjets am 12. Dezember 1937 und der Massenmord des Großen Terrors zusammenhängen.

          Eine Zentenarfeier ist gewichtig, ein rundes Datum, bei dem man innehält. So war es beim 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. So war es dieses Jahr auch mit den hundert Jahren russische Revolution. Das Schicksalsjahr 1937, dessen 80. Wiederkehr dieses Jahr gleichfalls zu begehen war, konnte solche Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen. „1937“ fand hin und wieder Erwähnung, aber von einer Vergegenwärtigung eines Datums, das so einschneidend in das Leben von Millionen sowjetischer Familien eingegriffen hat, kann nicht die Rede sein. Zwar wurde in Anwesenheit Wladimir Putins das Mahnmal für die Opfer der politischen Repression – die „Mauer der Trauer“ – am Sacharow-Prospekt im Zentrum Moskaus eingeweiht. Der Name des Mannes, der die Repressionen zu verantworten hatte, aber kam dem russischen Präsidenten nicht über die Lippen. 1937 war das Jahr der „Stalinschen Säuberungen“, der Schauprozesse und des „Großen Terrors“.

          In der Wahrnehmung des Auslandes ist das Jahr 1937 – wenn überhaupt – präsent in den literarischen Figuren von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“, freilich auch in Lion Feuchtwangers beschönigendem „Reisebericht für meine Freunde“ – „Moskau 1937“. Doch nach dem Ende der Sowjetunion und der – vorübergehenden – Öffnung der Archive Anfang der neunziger Jahre wissen wir, dass die ungeheuerlichen Schauprozesse gegen führende Kommunisten, die der Gegenstand dieser Bücher sind, nur die sichtbare Spitze einer bis dahin nicht bekannten und verschwiegenen Welle des geplanten Massenmords war, die mit dem Befehl Nr. 00447 in Gang gesetzt wurde – die „Operation zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“. Es traf die Masse, einfache Leute, Menschen aller Schichten, Volkszugehörigkeiten, religiöser Gemeinschaften, politische Gegner und „sozial fremde Elemente“, am Ende sogar Zehntausende von Angehörigen des NKWD selbst. In den Jahren 1937/38 sind laut Statistiken 1 575 295 Menschen verhaftet und davon 681 692 ermordet worden. Befehl Nr. 00447 hatte zwei Kategorien definiert – Kategorie I für die „Höchststrafe“ (Erschießung), Kategorie II (Verbannung und Lager). Während die Masse der 1937 als „kulakische, antisowjetische und kriminelle Elemente“ verurteilt wurden, standen bis zum Ende der Massenoperationen am 17. November 1938 Angehörige ethnischer Gruppen – Polen, Deutsche, Litauer, Koreaner und Angehörige anderer grenznaher Völker – im Zentrum der Verfolgung.

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