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Staat und Religion : Europa und die Reformation

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Lucas Cranach d. J., Taufe Christi in Gegenwart des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen und Martin Luthers, nach 1547 Bild: © Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

An die Stelle der einen römischen Papstkirche treten Konfessionen und Denominationen, an die Seite der Pilger und der Orden tritt eine reformatorische Welt der volkssprachlichen Bibelleser und Liedsänger - Luthers Reformation hat Europa verändert und mit Europa die Welt.

          Für die Romantiker war gewiss: „Europa oder die Christenheit“ - das war die bergende Welt, die vor jener innerchristlichen „Glaubensspaltung“ lag, die das Abendland seit dem 16. Jahrhundert zerriss. „Christenheit oder Europa“ waren für sie Synonyme einer heilen Welt jenseits der Partikularisierung und Fragmentierung, der Trennung von Vernunft und Glauben, von Kirche und Staat, der nationalen Gegensätze und Egoismen, die die Signatur der Neuzeit prägen sollten. Gemäß einer erfolgreichen aufklärerischen Meistererzählung galten als Wegbereiter jener dissonanten Moderne Martin Luther und die Reformation. Novalis und seine romantischen Gesinnungsfreunde standen in einer langen Deutungstradition, in der die vom Papst geleitete römisch-katholische Kirche das „Ganze“ und die Einheit verbürgte und repräsentierte, die Reformation hingegen deren Zerstörung markierte.

          Das mittelalterliche Europa und das, was nach und infolge der Reformation aus ihm geworden ist, berühren sich an kaum einem Erinnerungsort so sehr wie auf der Wartburg. Dass Bundespräsident Joachim Gauck sie ausgewählt hat, um im September die diesjährige Zusammenkunft der sogenannten Arraiolos-Gruppe zu beherbergen, einer Arbeitsgemeinschaft von zwölf nichtexekutiven Staatsoberhäuptern der Europäischen Union, hatte symbolische Qualität. Auf der Wartburg überlagern sich die Zeitschichten der deutschen und der lateineuropäischen Geschichte, stoßen das vormoderne und das neuzeitliche Europa aufeinander wie selten irgendwo sonst.

          Der Verfasser lehrt Kirchengeschichte an der Universität Göttingen und ist Vorsitzender des Vereins für Reformationsgeschichte.

          Da ist zunächst das Adelsgeschlecht der thüringischen Landgrafen des hohen und späten Mittelalters; es baute seine Herrschaft durch Gebietserweiterungen auf und entfaltete, wie viele andere Adelsfamilien auch, dynastische Ambitionen europäischen Ausmaßes. Landgraf Ludwig wurde im frühen 13. Jahrhundert in kindlichem Alter mit einer ungarischen Prinzessin verheiratet - der späteren heiligen Elisabeth von Thüringen. Auch in kultureller Hinsicht strahlte die Wartburg weit aus: Die thüringischen Grafen sollen Walther von der Vogelweide und andere Minnesänger beherbergt und den Rahmen für ihren legendären Sängerwettstreit geboten haben. Sie waren die Repräsentanten jener großen kulturellen und literarischen Bewegung Europas, die das Leitbild des tugendhaften christlichen Rittertums mit sublimer Liebespoesie und der kämpferischen Hingabe für Christus verband.

          Landgraf Ludwig beteiligte sich sodann an einem der großen Gemeinschaftsprojekte der lateineuropäischen Christenheit, der Befreiung des Heiligen Landes von den Ungläubigen, also einem Kreuzzug. Ludwigs Gemahlin Elisabeth wiederum war Teil jener spirituellen Bewegung, die ganz Europa aufwirbeln und religiös erneuern sollte: die von den italienischen Stadtkommunen des 11. und 12. Jahrhunderts ausgehende religiöse Armutsbewegung. In den Bettelorden der Dominikaner und der die junge Burgherrin besonders beeindruckenden Franziskaner fand sie ihren wirkungsvollsten, bis zum Pontifikatsnamen des gegenwärtigen Papstes fortwirkenden Ausdruck. In politisch-dynastischer, in kultureller und in religiös-spiritueller Hinsicht also war die Wartburg tief in der transnationalen Dynamik des vormodernen Europas verwurzelt.

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