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Spanien : Das katalanische Problem

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Bild: Picture-Alliance

Zu den erstaunlichsten Phänomenen der jüngeren Geschichte Spaniens zählt die Entstehung des katalanischen Nationalismus. Vor gut hundert Jahren war er eine Reaktion auf die Identitätskrise Spaniens. Heute hat er das Potential, die Einheit des Landes zu zerstören.

          Als 1932 im spanischen Parlament über ein Autonomiestatut für Katalonien diskutiert wurde, ergriff auch José Ortega y Gasset das Wort. Eindrücklich warnte der Abgeordnete und Philosoph alle, die annahmen, mit einem Autonomiestatut die Spannungen zwischen den katalanischen Nationalisten und den Bewahrern der staatlichen Einheit Spaniens ein für allemal lösen zu können. „Das katalanische Problem“, so Ortega y Gasset, „ist nicht zu lösen, man muss damit leben.“ Alle anderen Spanier müssten die Katalanen ertragen – und diese die Spanier. Eine andere Option gebe es nicht: Stelle man die Katalanen zufrieden, indem man ihrem „partikulären Nationalismus“ nachgebe, brüskiere man den Rest des Landes.

          Die Sequenz zeigt zum einen, dass der aktuelle Konflikt über die Unabhängigkeit Kataloniens eine lange Vorgeschichte hat. Ohne sie ist die Dynamik des katalanischen Separatismus nicht zu erklären. Zum anderen verweist das Diktum darauf, wie eng Katalonien und das restliche Spanien miteinander verflochten sind. Dies wiederum muss in Rechnung stellen, wer die jüngsten Reaktionen aus Madrid verstehen will. Entsprechend sollen im Folgenden drei Fragen behandelt werden. Es gilt erstens zu klären, warum es den Spaniern nicht gleichgültig ist, ob die Katalanen dem Staatsverband angehören oder nicht. Dabei soll es nicht um die Finanzströme gehen, die es schon aus purem Nutzenkalkül ratsam erscheinen lassen, die prosperierende Wirtschaftsregion nicht ziehen zu lassen. Vielmehr soll das langfristig wirksamere nationale Selbstverständnis der Spanier im Vordergrund stehen. Zweitens gilt es zu erhellen, in welchem Kontext der katalanische Nationalismus entstand und wie er sich in die Politik der heutigen Demokratie eingeschrieben hat. Drittens soll abschließend mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt werden, welche Rolle die Geschichtspolitik bei der Eskalation des Konfliktes spielt.

          Manche Katalanen sind heute allzu schnell bereit, alle Spanier als „Faschisten“ zu bezeichnen, die ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit entgegentreten. Bei allem Beharrungsvermögen der regierenden Volkspartei (PP) entbehrt diese Zuschreibung doch jeder Grundlage. In Anbetracht des so prominenten peripheren Nationalismus in Katalonien und auch im Baskenland ist es eher bemerkenswert, dass es gerade keine breite Unterstützung für einen lauttönenden spanischen Nationalismus gibt.

          Beides ist ein Erbe des Franquismus: Ähnlich wie die Deutschen waren die Spanier nach der faschistischen Hypertrophie des Nationalen mehrheitlich auf kritische Distanz zur Nation und ihren Symbolen gegangen, schon weil diese – wie zum Beispiel Hymne und Flagge – auch von Franco in Dienst genommen worden waren. War der periphere Nationalismus der Katalanen in den zurückliegenden 40 Jahren gerade dadurch legitimiert, dass er von Francos Schergen bekämpft worden war, blieb ein spanischer Nationalismus durch die Diktatur diskreditiert.

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