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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Sozialsysteme und Demographie Sägen an den Säulen

Die Zusatzrenten, mit denen die Parteien derzeit werben, lösen keine Probleme, sondern schaffen nur neue. Altersarmut würde durch sie nicht bekämpft, und Ungerechtigkeit würde nur von einem sozialen Sicherungssystem in ein anderes verschoben. Dabei ist die Statik unseres Rentensystems noch immer sehr gut.

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In Deutschland gibt es wieder einmal eine Rentendebatte. Kein Wunder, denn bald wird ein neuer Bundestag gewählt. In Zeiten wie diesen werden Politiker erfinderisch, zumindest beim Geldausgeben und bei der Erschaffung neuer Wortungetüme, die wie die „Lebensleistungsrente“ oder gar die „Garantierente“ mehr versprechen, als sie je halten werden können. Die Darstellung der Lage des Rentensystems und die daraus folgende Rentenpolitik schwanken auf Parteitagen und in Wahlreden zwischen Extremen. Die einen halten sich an Norbert Blüms Mantra, dass die Rente sicher sei, und wollen auf Versprechen, die schon lange nicht in diesem Umfang haltbar sind, weitere daraufsatteln, etwa ein absolutes Mindestrentenniveau, am liebsten in Höhe von 50 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Die anderen rufen Gefahr in Verzug, etwa Blüms Nachnachfolgerin Ursula von der Leyen (CDU), die während des Sommerlochs suggerierte, dass selbst der Durchschnittsarbeitnehmer künftig von Altersarmut bedroht sei.

Für das Rentensystem ist dieses Schwanken zwischen Extremen fatal, denn es zerstört das Vertrauen in das, was ein klug gestaltetes Rentensystem auch in Krisen leisten kann. Ein System der Altersversorgung ist aber ein zentraler Pfeiler der sozialen Stabilität, denn es macht die sozialversicherungspflichtige Arbeit sinnvoll und nimmt zumindest die materiellen Sorgen vor dem Alter. Unhaltbare Versprechen stellen ebenso wie unsachliche Schreckensszenarien das ganze System in Frage.

So ist es kein Wunder, dass der verunsicherte Bürger immer wieder die Systemfrage stellt: Hat die ehemals so sichere Rente ausgedient? Braucht man nicht ein ganz anderes Rentensystem? Und wie sähe ein solches aus, wenn es frei von politischen Zwängen aus dem Nichts konstruiert werden könnte? Das Gedankenexperiment, das als Antwort auf diese Frage dient, ist lehrreich und konstruktiv zugleich.

Zunächst hat der Rentenfachmann die Wahl zwischen mehreren Grundbausteinen: Soll es ein Umlagesystem werden, in dem die Beiträge der Erwerbstätigen eines Jahres sofort an die Rentner weitergereicht werden? Oder lieber ein Kapitaldeckungsverfahren, bei dem die Beiträge auf dem Kapitalmarkt angelegt und im Alter an dieselbe Person als Rente ausgezahlt werden? Der Fachmann seufzt, denn beide Systeme enthalten große Risiken: Das Umlagesystem gerät aus den Fugen, wenn die demographischen Voraussetzungen nicht oder nicht mehr gegeben sind, und immer mehr Rentner von immer weniger erwerbstätigen Beitragszahlern finanziert werden müssen. Im Kapitaldeckungssystem schreckt das Kapitalmarktrisiko. Die Sparbeträge müssen von Banken und Versicherungen angelegt werden, die sich in den vergangenen Jahren nicht immer als gute Hüter fremden Eigentums erwiesen haben.

Der Rentenfachmann erinnert sich also an die schwäbische Hausfrau, die weiß, dass es nicht gut ist, alle Eier in denselben Korb zu legen. Er mischt beide Systeme, denn so werden die Risiken diversifiziert. Zudem teilt ein solches Mischsystem die finanziellen Lasten des demographischen Wandels auf Alt und Jung auf. Bei einer Kapitaldeckung finanziert die derzeit erwerbstätige Generation einen Teil ihrer Rente durch Altersvorsorgesparen selbst, während beim Umlageverfahren die Kinder und Enkelkinder der heutigen Erwerbstätigen mehr belastet werden, weil deren Beiträge steigen werden.

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