Home
http://www.faz.net/-gpf-76305
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sozialsysteme und Demographie Sägen an den Säulen

Die Zusatzrenten, mit denen die Parteien derzeit werben, lösen keine Probleme, sondern schaffen nur neue. Altersarmut würde durch sie nicht bekämpft, und Ungerechtigkeit würde nur von einem sozialen Sicherungssystem in ein anderes verschoben. Dabei ist die Statik unseres Rentensystems noch immer sehr gut.

© dpa Vergrößern

In Deutschland gibt es wieder einmal eine Rentendebatte. Kein Wunder, denn bald wird ein neuer Bundestag gewählt. In Zeiten wie diesen werden Politiker erfinderisch, zumindest beim Geldausgeben und bei der Erschaffung neuer Wortungetüme, die wie die „Lebensleistungsrente“ oder gar die „Garantierente“ mehr versprechen, als sie je halten werden können. Die Darstellung der Lage des Rentensystems und die daraus folgende Rentenpolitik schwanken auf Parteitagen und in Wahlreden zwischen Extremen. Die einen halten sich an Norbert Blüms Mantra, dass die Rente sicher sei, und wollen auf Versprechen, die schon lange nicht in diesem Umfang haltbar sind, weitere daraufsatteln, etwa ein absolutes Mindestrentenniveau, am liebsten in Höhe von 50 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Die anderen rufen Gefahr in Verzug, etwa Blüms Nachnachfolgerin Ursula von der Leyen (CDU), die während des Sommerlochs suggerierte, dass selbst der Durchschnittsarbeitnehmer künftig von Altersarmut bedroht sei.

Für das Rentensystem ist dieses Schwanken zwischen Extremen fatal, denn es zerstört das Vertrauen in das, was ein klug gestaltetes Rentensystem auch in Krisen leisten kann. Ein System der Altersversorgung ist aber ein zentraler Pfeiler der sozialen Stabilität, denn es macht die sozialversicherungspflichtige Arbeit sinnvoll und nimmt zumindest die materiellen Sorgen vor dem Alter. Unhaltbare Versprechen stellen ebenso wie unsachliche Schreckensszenarien das ganze System in Frage.

So ist es kein Wunder, dass der verunsicherte Bürger immer wieder die Systemfrage stellt: Hat die ehemals so sichere Rente ausgedient? Braucht man nicht ein ganz anderes Rentensystem? Und wie sähe ein solches aus, wenn es frei von politischen Zwängen aus dem Nichts konstruiert werden könnte? Das Gedankenexperiment, das als Antwort auf diese Frage dient, ist lehrreich und konstruktiv zugleich.

Zunächst hat der Rentenfachmann die Wahl zwischen mehreren Grundbausteinen: Soll es ein Umlagesystem werden, in dem die Beiträge der Erwerbstätigen eines Jahres sofort an die Rentner weitergereicht werden? Oder lieber ein Kapitaldeckungsverfahren, bei dem die Beiträge auf dem Kapitalmarkt angelegt und im Alter an dieselbe Person als Rente ausgezahlt werden? Der Fachmann seufzt, denn beide Systeme enthalten große Risiken: Das Umlagesystem gerät aus den Fugen, wenn die demographischen Voraussetzungen nicht oder nicht mehr gegeben sind, und immer mehr Rentner von immer weniger erwerbstätigen Beitragszahlern finanziert werden müssen. Im Kapitaldeckungssystem schreckt das Kapitalmarktrisiko. Die Sparbeträge müssen von Banken und Versicherungen angelegt werden, die sich in den vergangenen Jahren nicht immer als gute Hüter fremden Eigentums erwiesen haben.

Der Rentenfachmann erinnert sich also an die schwäbische Hausfrau, die weiß, dass es nicht gut ist, alle Eier in denselben Korb zu legen. Er mischt beide Systeme, denn so werden die Risiken diversifiziert. Zudem teilt ein solches Mischsystem die finanziellen Lasten des demographischen Wandels auf Alt und Jung auf. Bei einer Kapitaldeckung finanziert die derzeit erwerbstätige Generation einen Teil ihrer Rente durch Altersvorsorgesparen selbst, während beim Umlageverfahren die Kinder und Enkelkinder der heutigen Erwerbstätigen mehr belastet werden, weil deren Beiträge steigen werden.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sparen mit dem Chef Das bringt die betriebliche Altersvorsorge

Wie funktioniert die betriebliche Altersvorsorge? Was bringt sie? Und ist das Geld sicher? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick. Mehr

09.04.2015, 15:38 Uhr | Finanzen
Berlin Merkel: Germanwings-Absturz muss restlos aufgeklärt werden

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Donnerstagnachmittag in Berlin ihr Versprechen wiederholt, dass alles dafür getan wird, die Tragödie rund um den Absturz des Germanwings-Flugzeugs aufzuklären. Mehr

27.03.2015, 11:40 Uhr | Politik
280.000 Anträge Rente mit 63 heiß begehrt

Immer mehr Beschäftigte machen von der Rente mit 63 Gebrauch. Bis Ende März gingen bei der Rentenversicherung Hunderttausende Anträge ein. Mehr

17.04.2015, 16:06 Uhr | Wirtschaft
Mindestlohn Auswirkung auf Taxibranche

Der gesetzliche Mindestlohn hat gravierende Auswirkungen auf die Taxibranche. Ab Januar könnte es schwieriger und teuer werden, ein Taxi zu bestellen. Mehr

14.12.2014, 12:09 Uhr | Wirtschaft
Mit 65 Jahren Zur Rente verdammt

Die Programmiererin Rose-Rita Schäfer geht heute mit 65 Jahren in Rente, leider. Denn sie würde gerne länger arbeiten. Doch das geht nicht. Deswegen lädt sie ihre Kollegen zur Trauerfeier. Mehr Von Sven Astheimer

17.04.2015, 11:15 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.01.2013, 14:40 Uhr

Eine gute Armee ist unbezahlbar

Von Reinhard Müller

Klagen gegen den Hersteller des Sturmgewehrs G36 hätten kaum Aussicht auf Erfolg, auch weil etwaige Ansprüche verjährt sein dürften. Warum wurden die Verträge nie nachverhandelt? Mehr 33 25