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Aktualisiert: 06.07.2015, 14:18 Uhr

Griechische Schuldenkrise Gut genährt dank Rousfetia

In nahezu allen Ländern hat der EU-Beitritt dazu beigetragen, Staat und Wirtschaft zu modernisieren. In Griechenland dagegen hat er einem tief in der Geschichte wurzelnden System des Klientelismus neue Kraft gegeben. Eine Chronik des Desasters.

von Heinz A. Richter
© ddp Images

Alle Staaten Südosteuropas mit Ausnahme Zyperns leiden mehr oder weniger stark unter dem osmanischen Erbe des Klientelismus. Als im Europa der Renaissance die allgemeine Modernisierung begann, verschwand der Südosten des Kontinents gewissermaßen hinter einem eisernen Vorhang.

Die osmanische Herrschaft, die in großen Teilen Griechenlands und des Balkans von der Mitte des 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte, veränderte diese Länder stark: Eine der ersten Maßnahmen der neuen Herrscher war die Vernichtung der alten Aristokratie, da diese die Führung in Aufständen hätte übernehmen können. Als lokale Führungskräfte blieben nur die ursprünglich gewählten Dorfbürgermeister übrig, die sogenannten Muchtare, die die osmanische Regierung vor Ort vertraten. Dadurch erhielten die Muchtare eine doppelte Funktion: Sie wurden zu Führern und Beschützern der örtlichen Bevölkerung, zugleich aber zu Objekten osmanischer Repression, sollte in ihrem Verantwortungsbereich etwas schiefgehen.

Der Staat als Ausbeuter

Aus ihrer Funktion als Beschützer gewannen die Muchtare in den Augen der Beschützten Prestige und Macht. Als Gegenleistung erwarteten sie von ihren Hintersassen Loyalität. Die Osmanen belohnten treue Dienste, und so wurden die lokalen Notabeln im Lauf der Zeit wohlhabend. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den örtlichen Bauern und ihrem Patron existierte im ganzen Osmanischen Reich und wird als Muchtar-System bezeichnet. Es ist der historische Ursprung des heutigen Klientelsystems.

Die osmanische Herrschaft führte dazu, dass die Griechen den Staat nur als Ausbeuter erlebten. Während in Westeuropa ein selbstbewusstes Bürgertum entstand, das sich mit dem eigenen Staatswesen identifizierte, war der Staat für die Griechen gleichbedeutend mit Fremdherrschaft, gegen die es sich zu wehren galt und die man hasste. Steuervermeidung und Diebstahl staatlichen Eigentums waren typische Abwehrreaktionen. Diese Einstellung gegenüber dem Staat wirkt bis heute fort.

Klientelismus zu einem Zwangsmittel

Als 1821 der griechische Unabhängigkeitskrieg begann, waren die klientelistischen Strukturen des Muchtar-Systems die einzigen Kristallisationskerne für die politische Organisation des Kampfes. Während der Auseinandersetzung vernetzten sich die Muchtare horizontal und bildeten zugleich vertikale Strukturen, so dass pyramidenförmige Netzwerke entstanden. Da die Dorfbürgermeister in der Regel keine militärische Erfahrung hatten, griff man im Kampf auf die Anführer der Klephten zurück - Räuberbanden, die sich der Kontrolle durch den osmanischen Staat durch Rückzug in die Berge entzogen hatten.

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Als Griechenland unabhängig wurde, gab es also eine klientelistisch organisierte Elite. Auf deren Netzwerke musste König Otto von Wittelsbach zurückgreifen, als er 1832 nach Griechenland kam - mit der Handvoll bayerischer Beamter, die er mitgebracht hatte, konnte er das Land nicht regieren. Die Patrone kontrollierten die untere Verwaltung und gewannen so Zugang zu staatlichen Geldern. Damit änderte sich der Charakter des Klientelismus: Bis dahin war die Beziehung zwischen Patron und Klient meist von einer gewissen Freiwilligkeit der Unterordnung geprägt gewesen. Beide hatten davon profitiert.

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