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Veröffentlicht: 10.05.2012, 16:50 Uhr

Salafismus Gewalttätige Gegenkultur

Die meisten muslimischen Gemeinden in Deutschland sind nach ethnischer Zugehörigkeit organisiert. Der Salafismus überschreitet diese Grenze - und viele andere auch.

Was Mitte der neunziger Jahre die Sicherheitsbehörden auf den Plan rief, ist nicht erst seit der Koranverteilaktion in deutschen Fußgängerzonen zum gesellschaftspolitischen Thema geworden: Innerhalb weniger Jahre hat sich der Salafismus zu einer Gegenkultur vornehmlich junger Erwachsener und Jugendlicher entwickelt, in der sich Weltflucht, saudi-arabische Missionierungspolitik und Ablehnung von Aufklärung und westlicher Zivilisation treffen. Der Bundesverfassungsschutz weist zu Recht auf die Verbindungen der salafistischen Szene zu internationalen Terrororganisationen vom Schlage Al Qaidas hin. Doch jenseits seiner Funktion als Ideologie zur Rechtfertigung religiöser Gewalt sollte der Erfolg des Salafismus in Deutschland vor allem als politisches Thema begriffen werden.

As-salaf as-salih - das ist die arabische Bezeichnung der „frommen Altvordern“. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Anhänger Mohammeds, die als perfekte, islamische Gemeinschaft vorgestellt werden. Von ihnen leitet sich der Begriff Salafismus her. Salafisten folgen keiner der vier Rechtsschulen des Islam. Das trennt sie von den meisten anderen Islamisten. Koran und Sunna gelten ihnen als alleinige Quellen für das islamgemäße Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Ziel ist, dem perfekten Vorbild des Gottgesandten Mohammed nachzueifern: von Gebet und Kleidung über Familienleben und Sexualverhalten bis hin zu Essgewohnheiten und Zahnpflege. Abweichendes Verhalten gilt bereits als Anzeichen fehlgeleiteter Anbetung des einzigen Gottes.

Der heutige Salafismus beruht auf drei älteren islamischen Strömungen: dem saudi-arabischen Wahhabismus, der indischen Ahl-e-Hadith-Bewegung und den muslimischen Reformern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Ägypten und dem Gebiet des heutigen Syrien. Der Wahhabismus ist der historisch älteste dieser drei Versuche, islamische Doktrin und Praxis von vermeintlich unislamischen Neuerungen zu reinigen. Er geht zurück auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert mit Muhammad bin Saud, einem Stammesführer der Arabischen Halbinsel, ein Bündnis einging, das noch heute Saudi-Arabien bestimmt: Die islamische Geistlichkeit, die Ulama, verleiht der Regierung des Hauses al-Saud religiöse Legitimität und erhält dafür Macht über öffentliche und soziale Angelegenheiten. Die Wahhabiten erklärten viele andere islamische Strömungen zu Feinden und bekämpften populäre muslimische Praktiken wie Heiligenverehrung oder die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten.

Die wahhabitische Forderung nach Koran und Sunna als den alleinigen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung widersprach jedoch der eigenen Rechtspraxis, die sich auf die hanbalitische Schule stützte. Darum suchten die Gelehrten Saudi-Arabiens den Kontakt zur indischen Bewegung der Ahl-e-Hadith, welche menschliche Vernunft ebenso als erkenntnistheoretisch wertlos zurückwies. Durch das Studium der Hadith-Literatur, also der Überlieferungen der Taten und Aussagen Mohammeds, suchten ihre Gelehrten die Rechtsschulen zu umgehen.

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