Home
http://www.faz.net/-hf2-6zryp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Salafismus Gewalttätige Gegenkultur

Die meisten muslimischen Gemeinden in Deutschland sind nach ethnischer Zugehörigkeit organisiert. Der Salafismus überschreitet diese Grenze - und viele andere auch.

Was Mitte der neunziger Jahre die Sicherheitsbehörden auf den Plan rief, ist nicht erst seit der Koranverteilaktion in deutschen Fußgängerzonen zum gesellschaftspolitischen Thema geworden: Innerhalb weniger Jahre hat sich der Salafismus zu einer Gegenkultur vornehmlich junger Erwachsener und Jugendlicher entwickelt, in der sich Weltflucht, saudi-arabische Missionierungspolitik und Ablehnung von Aufklärung und westlicher Zivilisation treffen. Der Bundesverfassungsschutz weist zu Recht auf die Verbindungen der salafistischen Szene zu internationalen Terrororganisationen vom Schlage Al Qaidas hin. Doch jenseits seiner Funktion als Ideologie zur Rechtfertigung religiöser Gewalt sollte der Erfolg des Salafismus in Deutschland vor allem als politisches Thema begriffen werden.

As-salaf as-salih - das ist die arabische Bezeichnung der „frommen Altvordern“. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Anhänger Mohammeds, die als perfekte, islamische Gemeinschaft vorgestellt werden. Von ihnen leitet sich der Begriff Salafismus her. Salafisten folgen keiner der vier Rechtsschulen des Islam. Das trennt sie von den meisten anderen Islamisten. Koran und Sunna gelten ihnen als alleinige Quellen für das islamgemäße Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Ziel ist, dem perfekten Vorbild des Gottgesandten Mohammed nachzueifern: von Gebet und Kleidung über Familienleben und Sexualverhalten bis hin zu Essgewohnheiten und Zahnpflege. Abweichendes Verhalten gilt bereits als Anzeichen fehlgeleiteter Anbetung des einzigen Gottes.

Der heutige Salafismus beruht auf drei älteren islamischen Strömungen: dem saudi-arabischen Wahhabismus, der indischen Ahl-e-Hadith-Bewegung und den muslimischen Reformern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Ägypten und dem Gebiet des heutigen Syrien. Der Wahhabismus ist der historisch älteste dieser drei Versuche, islamische Doktrin und Praxis von vermeintlich unislamischen Neuerungen zu reinigen. Er geht zurück auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert mit Muhammad bin Saud, einem Stammesführer der Arabischen Halbinsel, ein Bündnis einging, das noch heute Saudi-Arabien bestimmt: Die islamische Geistlichkeit, die Ulama, verleiht der Regierung des Hauses al-Saud religiöse Legitimität und erhält dafür Macht über öffentliche und soziale Angelegenheiten. Die Wahhabiten erklärten viele andere islamische Strömungen zu Feinden und bekämpften populäre muslimische Praktiken wie Heiligenverehrung oder die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten.

Die wahhabitische Forderung nach Koran und Sunna als den alleinigen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung widersprach jedoch der eigenen Rechtspraxis, die sich auf die hanbalitische Schule stützte. Darum suchten die Gelehrten Saudi-Arabiens den Kontakt zur indischen Bewegung der Ahl-e-Hadith, welche menschliche Vernunft ebenso als erkenntnistheoretisch wertlos zurückwies. Durch das Studium der Hadith-Literatur, also der Überlieferungen der Taten und Aussagen Mohammeds, suchten ihre Gelehrten die Rechtsschulen zu umgehen.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abgeschobener Salafist Radikal zumindest in Worten und Posen

Bayern schiebt einen jungen Salafisten in die Türkei ab. Er hatte angekündigt, notfalls seine Familie töten zu wollen. Doch wie gefährlich er wirklich ist, bleibt unklar. Mehr Von Albert Schäffer, München

17.10.2014, 16:29 Uhr | Politik
Wer sind Schiiten und Sunniten?

Die sunnitische Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat geht auch brutal gegen Schiiten vor. Schiiten und Sunniten sind Anhänger der beiden wichtigsten Glaubensrichtungen im Islam. Die Unterschiede gehen zurück auf einen Streit um die Führung der Religion nach dem Tod des Propheten Mohammed. Mehr

04.09.2014, 15:37 Uhr | Politik
Salafismus Unsichere Jugendliche stärken

Wie kann man junge Menschen vor dem Abdriften in den Salafismus bewahren? Darüber gab es auf einer Tagung in Frankfurt hitzige Diskussionen. Mehr Von Paul Bartmuß, Frankfurt

20.10.2014, 15:03 Uhr | Rhein-Main
Zweiter Mers-Fall in den Vereinigten Staaten

Der Patient arbeitet in Saudi-Arabien im Gesundheitsbereich und war auf Verwandtenbesuch in den Vereinigten Staaten. In Saudi-Arabien sind seit Entdeckung des gefährlichen Virus mehr als 130 Menschen gestorben. Mehr

13.05.2014, 12:16 Uhr | Gesellschaft
Frankfurt Auseinandersetzungen bei Salafismus-Demo befürchtet

Die Polizei in Frankfurt wird am Samstag mit einem Großaufgebot in der Innenstadt präsent sein. Denn Demonstranten gegen Salafismus könnten auf Islamisten der Lies-Kampagne treffen. Mehr Von Katharina Iskandar, Frankfurt

10.10.2014, 16:21 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.05.2012, 16:50 Uhr

Träume an der Saar

Von Jasper von Altenbockum

Der Forderung, die Zahl der Bundesländer zu verringern, liegt meist ein ökonomisch verbrämter Hang zum Zentralismus zugrunde. Der jetzige Vorschlag aus dem Saarland hat aber einen ganz anderen Grund. Ein Kommentar. Mehr 6 15