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Russland : Ein Reich mit Mission

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Russland wird zum Reich: Zar Iwan IV. erobert 1552 das tatarische Chanat Kasan. Gemälde von Alexej Kiwschenko aus dem Jahr 1880. Bild: Getty

Das Vorgehen Moskaus in der Ukraine-Krise folgt Traditionen und Mustern imperialer Politik, die von russischen Herrschern von Iwan dem schrecklichen bis zu Stalin vorgezeichnet wurden. Im Zentrum stand dabei immer der Schutz slawischer Glaubensbrüder.

          Das Vorgehen der russischen Führung bei der Annexion der Krim und der Eskalation in der Ostukraine ist mit der Politik des nationalsozialistischen Deutschland gegenüber dem Sudetenland im Herbst 1938 verglichen worden. In der öffentlichen Debatte, die über diese historische Parallele entbrannt ist, fällt auf, dass die Traditionen und Muster der imperialen Politik Russlands nur wenig beachtet werden. Betrachtet man diese, dann wird ersichtlich, dass bereits jahrhundertelang und über unterschiedliche Herrschaftsformen hinweg ein Missionsgedanke und die Minderheitenfrage immer wieder der Legitimierung imperialer Expansion dienten. Die Argumente der Mission und der Minderheit können einer dynamischen Symbolpolitik zugeordnet werden, die der modernen Imperiumsforschung zufolge zu den grundlegenden Merkmalen imperialer Herrschaft zählt. Das Imperium als großräumiger, heterogener, multiethnischer und hierarchisch gegliederter Herrschaftsverband kann keine gesamtgesellschaftliche Integration erreichen, weil die politischen Zentrifugalkräfte zu stark sind. Neben dem Gewaltapparat ist daher zur Herrschaftssicherung und -ausdehnung der Einsatz von symbolischen Ressourcen unabdingbar, um integrativen Zusammenhalt über Sinnstiftungen anzustreben.

          Im Moskauer Reich wirkte die Kirche maßgeblich am Entstehen der imperialen Staatsideologie mit, indem sie zur Erneuerung des christlich-orthodoxen Kaisertums Mitte des 16. Jahrhunderts mit Iwan IV., dem „Schrecklichen“, als Zaren beitrug. Moskau wurde von der Orthodoxie als das „Dritte Rom“ aufgewertet, da ja Konstantinopel als das Zweite Rom 1453 an das Osmanische Imperium gefallen war und damit das Byzantinische Reich sein Ende gefunden hatte. Diese Translatio Imperii stellte die Eroberungen in ein neues Licht: Neben dem „Sammeln russischer Erde“, wie man im zeitgenössischen Selbstverständnis die Herrschaftsausdehnung des Moskauer Fürstentums legitimierte, kam der religiösen Mission als einem Gott gefälligen Kampf gegen alle „Heiden“ entscheidende Bedeutung zu. Der Fall des Chanats Kasan 1552 und damit der Beginn des Moskauer Imperiums mit seinem übernationalen Herrschaftsanspruch legten zeitgenössisch bereits den Grund zu einer Apotheose des Autokrators, dem als vordringlichste Aufgabe zugesprochen wurde, das Reich der Christen zu mehren.

          Die symbolischen Zuschreibungen waren dabei variabel: Als sich die russischen Zaren nach Iwan IV. im Verlauf der beiden folgenden Jahrhunderte immer erfolgreicher gegen das Großreich Polen-Litauen wandten, ging es gegen den „gottlosen Westen“, in östlicher und südlicher Richtung waren die als „heidnisch“ bezeichneten islamischen Reiche Objekte der imperialen Aneignung. Die Zielsetzungen, die sich mit der russischen Expansion verbanden, blieben stets vielfältig: Die Gewinnung strategisch wichtiger Positionen zur effektiven Sicherung des Reichsgebietes und als Ausgangsbasen für die imperiale Machtpolitik zählte ebenso dazu wie der Zugriff auf ökonomische Ressourcen und infrastrukturelle Vorteile, wobei unter Peter I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein Höhepunkt der Annexionspolitik im Baltikum der Zugang zur Ostsee war. Wesentlich infolge dieses Verdienstes schmückte sich Peter I. fortan mit dem Titel „Allrussländischer Imperator“. Das Russische Reich wurde nun auch dem Namen nach ein „Imperium“.

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