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Populismus : Erst die Moral, dann das Fressen

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Bild: EPA

Was verbindet die europäischen Rechtspopulisten von Viktor Orbán über Geert Wilders bis zu Marine Le Pen? Die Sorge um das materielle Wohlergehen ist es nicht. Es dominieren kulturelle Motive und Identitätsvorstellungen.

          Das Jahr 2016 markiert den Durchbruch des Populismus in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten. Spätestens seit der Entscheidung der Briten über das Ende der Mitgliedschaft ihres Landes in der EU und der Wahl von Donald Trump ist der „Populismus“ in aller Munde. Doch was genau ist das? So viel Unterschiedliches wird mit dem Wort bezeichnet, dass eine Definition unmöglich scheint. Von der links-agrarischen Protestbewegung gegen die monopolistischen Eisenbahnbauer in den Vereinigten Staaten ausgangs des 19. Jahrhunderts, der das Wort seinen Ursprung verdankt, bis hin zur Strategie des gescheiterten französischen Präsidentschaftskandidaten Fillon, einen gegen ihn gerichteten Korruptionsverdacht als Attacke von Justiz und Medien auf die Demokratie zu inszenieren, die es durch die Mobilisierung der Straße abzuwehren gilt – alles das und noch vieles mehr wurde oder wird „Populismus“ genannt.

          Schon vor sechs Jahrzehnten haben die Organisatoren einer bis heute maßgeblichen Konferenz an der London School of Economics über dieses Thema in Zweifel gezogen, dass das Wort Populismus angesichts seiner disparaten Anwendungen ein identisches Phänomen bezeichnen könne. Mehr noch: Die populists im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts nannten sich selbst so. Heute ist dieses Wort nur noch polemische Fremdbezeichnung, was seinen analytischen Wert weiter reduziert. Unbestreitbar ist allein, dass der Populismus mehr Form als Inhalt ist und mehr Stil als Programm. Es handelt sich bei ihm also höchstens um eine „dünne“ Ideologie, deren Auffüllung weiterer Inhalte bedarf, typischerweise Nationalismus, aber auch Sozialismus, und – wie zu zeigen ist – einiges mehr.

          In Westeuropa jedenfalls meint man heute mit Populismus hauptsächlich rechtsorientierte Protestparteien. Sie agieren vor allem gegen die Europäische Union (als Platzhalter für die abgelehnte Globalisierung) und gegen Einwanderer, besonders solche muslimischen Ursprungs. Damit sind die beiden Dimensionen bezeichnet, in denen der Populismus sich in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen schon immer bewegte: Vertikal wendet er sich stets gegen korrupte und volksferne Eliten, horizontal gegen „auffällig Andersgeartete“ (um mit Max Weber zu sprechen). In beiden Dimensionen arbeitet er mit einer moralischen Dichotomie von Gut und Böse: Die „gute“ Seite bildet ein als einheitlich und homogen vorgestelltes Volk, das die ihm von den Eliten entrissene Selbstbestimmung zurückzugewinnen und seine durch ethnisch Andere bedrohte Identität zu behaupten hat.

          Beide Ursprungsvorstellungen sind fiktiv. Niemals war Selbstbestimmung perfekt, und niemals war ein Volk vollständig homogen. Der demokratische Nationalstaat war vielmehr ein Projekt, das Heterogenität voraussetzte, um Homogenisierung (nation building) zu bewirken. Außerdem waren es immer Eliten, die das Volk repräsentierten. Doch wie auch immer fiktiv, im Extrem sogar wahnhaft, das Leitmotiv des Populismus ist „Volk als Einheit“. Es wirkt sowohl nach innen (Ausschaltung der Eliten) als auch nach außen (Ausgrenzung ethnisch Anderer).

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