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Polen : Hundert Jahre Zweisamkeit

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Bild: Ullstein

Das Verhältnis von Deutschen und Polen hat sich in den letzten hundert Jahren grundlegend gewandelt. Wie das wiederauferstandene Land und die einstige Teilungs- und Besatzungsmacht langsam zueinander gefunden haben.

          Im November 1916 wurde von den Herrschern der beiden deutschsprachigen Monarchien die „polnische Frage“ wieder auf die europäische Agenda gesetzt: In der Zweikaisererklärung vom 5. November 1916 kündigten der Preuße Wilhelm II. und der Habsburger Franz Joseph I. ein Regentschaftskönigreich Polen an. Eine echte Staatsgründung war das zwar nicht, aber es war der erste internationale Akt auf dem Weg zur Wiedergeburt des im 18. Jahrhundert von Preußen, Russland und Österreich zerschlagenen polnischen Staates. Vollzogen wurde sie in den Jahren darauf: mit dem Kollaps der Mittelmächte und der Ausrufung der Unabhängigkeit im November 1918, mit dem Versailler Vertrag 1919 in Versailles sowie mit dem Sieg über die Rote Armee 1920.

          Über die Grenzen und die Souveränität des künftigen polnischen Königreichs schwiegen sich die beiden Kaiser aus. Sie sahen auch keine Wiedervereinigung aller drei Teilungsgebiete vor, denn das neue Staatswesen sollte allein auf dem Gebiet „Russisch-Polens“ entstehen. Dennoch lösten sie eine Kettenreaktion aus, die in den nächsten hundert Jahren die europäische Geschichte dramatisch prägte. Um das zu ermessen, muss man sich nur vergegenwärtigen, welche gewaltigen Sprünge die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen seit damals im Vierteljahrhunderttakt gemacht haben: 1916 - 1941 - 1966 - 1991 - 2016.

          Der Erste Weltkrieg brach nicht wegen Polen aus. Und keine der drei Teilungsmächte mit polnischen Provinzen hatte Pläne für eine Lösung der „polnischen Frage“. Am ehesten war das noch in Wien der Fall: Die k. u. k Monarchie ließ polnische Schützen-Verbände formieren, die unter der Führung des späteren Staatsführers Józef Piłsudski am 6. August 1914 in das russische „Kongresspolen“ einmarschierten, um dort einen Aufstand anzuzetteln. Vergeblich: Zu stark waren dort die antideutschen Reflexe wegen der strengen Germanisierungspolitik im preußischen Teilungsgebiet um Posen. Darauf setzte auch Petersburg: Großherzog Michail lockte die Polen mit der Aussicht auf eine Wiedervereinigung im Rahmen des russischen Imperiums. Doch sein vom Zaren nicht bestätigtes Manifest besaß kein staatsrechtliches Gewicht.

          Für Berlin war eine Irredenta in Russisch-Polen immer eine heikle Sache. Bei jeder Auflehnung dort im 19. Jahrhundert riegelte die preußische Armee Kongresspolen mit einem „cordon sanitaire“ ab, um ein Überschwappen des Aufstands nach Posen zu verhindern. Polen war für Reichskanzler Otto von Bismarck ein Kitt der deutsch-russischen Allianz. Sollte es je zum Krieg zwischen den beiden kommen - knurrte er 1883 -, werde Deutschland nicht umhinkommen, ein Polen bis zum Dnjepr wiedererrichten zu müssen.

          Als es den Mittelmächten im Sommer 1915 gelang, die russischen Truppen aus Polen zu verdrängen, wurde das besetzte Russisch-Polen durch eine kaum passierbare Grenze in zwei Generalgouvernements aufgeteilt, mit massiven Requisitionen und Repressalien. Doch Bismarcks Albtraum wurde schon bald akut. Die Volkszählung im besetzen Gebiet ergab mehr als eine Million junger Männer. Generalquartiermeister Erich Ludendorff rechnete diese Zahl prompt in 50 Divisionen polnischer Hilfstruppen um. Die konnte man aber nur mit irgendeiner Form polnischer Souveränität bekommen. Die Umwandlung der russischsprachigen Warschauer Hochschulen in polnische (unter deutscher Verwaltung) war eine Geste. Dennoch blieb „Kongresspolen“ misstrauisch, zumal der den Polen eher zugeneigte deutsche Generalgouverneur Hans von Beseler gegenüber den eigenen „Bismarckianern“ einen schweren Stand hatte. Ihnen schwebte eher eine Ostverschiebung Restpolens mit massiven Aussiedlungen aus einem zu annektierenden „Schutzstreifen“ vor.

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