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1968 : Ansteckende Freiheit

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Bild: AP

Der Prager Frühling 1968 begann als zaghafte Reform von oben und wurde als revolutionäre Massenbewegung zu einer Herausforderung für den von der Sowjetunion geführten Ostblock.

          Jetzt gibt es die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Professor Dr. Martin Schulze Wessel.

          Im März 1968 erlebten Tschechen und Slowaken die Freiheit. Sie schwammen auf „einer Welle der massenhaften Trunkenheit von Demokratie“, wie Čestmír Císař, ein führender tschechoslowakischer Reformkommunist, damals mit einer Mischung von Distanz und Sympathie bemerkte. Seit der Aufhebung der Zensur im Februar verdoppelten die Zeitungen ihre Auflagen, und in Prag und Bratislava kamen Zehntausende Bürger in Versammlungen zusammen, um ihren Politikern Fragen zu stellen. Der atemberaubende Wandel signalisierte den Übergang von einer traumatisierenden Diktatur zu einem Leben in Selbstbestimmung. So hoffte es im Frühjahr 1968 jedenfalls die große Mehrheit der Tschechen und Slowaken, als aus einer zaghaften Reform von oben innerhalb weniger Woche eine revolutionäre Massenbewegung wurde.

          Die kommunistische Herrschaft in der Tschechoslowakei galt aus vielen Gründen als besonders stabil. Als Polen und Ungarn 1956 von Aufständen erschüttert wurden, blieb es in der Tschechoslowakei weitgehend ruhig. Anders als in Polen und Ungarn hatte sich dort die Kommunistische Partei nach dem Zweiten Weltkrieg großer Popularität erfreut; im Widerstand gegen die deutsche Besatzung hatte sie nationales Prestige gewonnen. Ihr kam auch zugute, dass die Sowjetunion im Land hohes Ansehen genoss, weil sie sich nicht am Münchener Abkommen beteiligt hatte, in dem Hitler zusammen mit Mussolini und den Westmächten 1938 die Tschechoslowakei zerschlagen hatte. Das ermöglichte es den Kommunisten 1946, im tschechischen Landesteil freie Wahlen zu gewinnen, wovon ihre Schwesterparteien in Warschau, Budapest und Ost-Berlin nur träumen konnten.

          Gleichwohl schlug auch die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) 1948 den Weg der Diktatur ein. Ihr Erster Sekretär und Staatspräsident Klement Gottwald etablierte eine stalinistische Ordnung, die im Vergleich mit den ostmitteleuropäischen Nachbarländern als besonders gewaltsam galt. Gottwald starb wie Stalin 1953, sein Regime überdauerte jedoch die Entstalinisierung in der Sowjetunion. Noch 1955 wurde in Prag ein Stalindenkmal enthüllt. Es handelte sich um die seinerzeit weltgrößte Statue des Diktators. Erst 1962 wurde das stadtbeherrschende Monument gesprengt.

          Ein Jahr später begann – in der Slowakei ausgeprägter als in Tschechien – eine lebendige Kulturszene aufzublühen. In der Partei erstarkten die Reformkräfte. Man rehabilitierte einen Teil der Opfer der stalinistischen Justiz und gründete innerparteiliche Reformkommissionen, die alternative Möglichkeiten der Lenkung von Staat und Wirtschaft erkundeten. Bis 1968 blieb die Arbeit der Kommissionen eine Trockenübung; dann jedoch konnte die Politik auf die Konzepte zurückgreifen, die sie erarbeitet hatten. Ein erstes, auch international wahrgenommenes Fanal des Wandels war eine Kafka-Konferenz, die der Germanist Eduard Goldstücker 1963 in Liblice bei Prag veranstaltete. Franz Kafka galt nicht länger als bourgeois-dekadenter Autor. Der Prager Schriftsteller habe, so Goldstücker, auch in der sozialistischen Welt bei vielen Menschen ein brennendes Interesse geweckt, die in seinem Werk den Ausdruck ihrer Lebensgefühle gefunden hätten. Der sozialistische Realismus mit seinem bruchlosen, optimistischen Menschenbild dankte ab.

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