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Reformationsjubiläum : Ein Sommermärchen namens Luther?

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Bild: dpa

Es ging sehr deutsch zu und sehr national. Ein Blick zurück auf die Lutherdekade und das Jubiläumsjahr 2017.

          Um zu begreifen, was man hierzulande während der Lutherdekade und im Jubiläumsjahr sehen und erleben konnte, gilt es zurückzugehen in die Jahre 2007 und 2008. Damals fielen drei wichtige Entscheidungen: Erstens, dass in Deutschland Kirche und Staat die Erinnerung an den Beginn der Reformation gemeinsam gestalten würden; zweitens, dass Martin Luther ins Zentrum der Feierlichkeiten gerückt werden sollte; und drittens, dass die Lutherdekade als Dekade der Freiheit und die Reformation als Religion der Freiheit zu verstehen sein. Jede dieser drei Entscheidungen hatte langfristige Wirkungen, positive ebenso wie negative.

          Diese Entscheidungen waren keineswegs zwingend. Denkt man an die verfassungsrechtlich gebotene Trennung von Kirche und Staat, wäre es auch vorstellbar gewesen, dass staatliche und kirchliche Organe ihr je eigenes Jubiläumsprogramm mit je eigenen Schwerpunkten entwickelt hätten. Denkt man an die zahlreichen Reformatoren neben und nach Luther, von Zwingli und Calvin hin zu Menno Simons und John Knox, wäre es gewiss möglich gewesen, sich auf ein internationales Ensemble, gebildet aus vielen Reformatoren, zu besinnen. Und denkt man an die Unterdrückung der Täufer und später der separatistisch gesinnten Pietisten, hätte man die Parole von der Lutherdekade als Dekade der Freiheit relativieren, vielleicht sogar zurücknehmen müssen. Es war also nicht notwendig, die Entscheidungen, die 2007/08 gefällt wurden, in dem erwähnten Sinn zu fällen.

          Staat und Kirche feierten seit 2008 den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gemeinsam. Von Anfang an war klar, dass die Interessen beider Seiten nicht identisch waren. Für die Redner, die im Deutschen Bundestag die finanzielle Unterstützung des Jubiläums befürworteten, stand die Förderung des Tourismus in Ländern wie Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Brandenburg im Vordergrund. Touristen aus der ganzen Welt sollten ins sogenannte Lutherland kommen: Hotelbetten reservieren, Restaurants besuchen, um so der nach wie vor notleidenden Wirtschaft dieser Länder einen kräftigen Schub zu verleihen. Ein Lutherjubiläum zum Motor der Wirtschaftsförderung zu machen war im Übrigen keine neue Idee. Das hatte schon die DDR im Jahr 1983, bei Luthers 500. Geburtstag, geplant, ebenso die Deutschen Christen und die Nazis 1933, beim 450. Geburtstag von Luther.

          Wie aus vielen Reden des vergangenen Jahrzehnts hervorgeht, spielte für die politische Seite ein zweites Motiv eine wichtige Rolle: Nachdem die Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter deutschen Aggressionen und Verbrechen furchtbar gelitten hatte, sollte die Erinnerung an die Reformation der Welt zeigen, dass die Menschheit den Deutschen auch viel Gutes verdankt, eben die Segnungen der Reformation.

          Schließlich: 2017 sollte in Deutschland wieder ein „Sommermärchen“ inszeniert werden – die Nation vereint im Jubel, so wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die allen, die 2008 die Entscheidungen trafen, noch in frischer Erinnerung war.

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