http://www.faz.net/-gpf-7y0c5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 09.01.2015, 12:29 Uhr

Lutherdekade Luther unter den Antisemiten

Den Wittenberger Reformator zum Zweck des Judenhasses zu vereinnahmen war möglich. Bei ihm finden sich Wendungen, die das zulassen. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern stellen sich die protestantischen Kirchen diesem belastenden Erbe.

von Professor Dr. Thomas Kaufmann
© Ullstein

Die Judenfeindschaft des Reformators Martin Luther ist immer wieder, bis heute, Anlass sensationsheischender Rhetorik. Spätberufene „Lutherforscher“ aller Art versuchen damit zu punkten, dass sie der evangelischen Kirche und Theologie vorwerfen, sie hielten den Antisemiten Luther unter Verschluss und täuschten damit die Öffentlichkeit über seinen „wahren“ Charakter hinweg. Dieser Enthüllungsgestus, der angesichts des im Jahr 2017 bevorstehenden Reformationsjubiläums seine besondere Pikanterie und ein erhebliches Droh- und Angstpotential für das Kirchen- und Staatsvolk besitzt, hat eine längere Tradition. Zuerst begegnet er uns in den frühen 1880er Jahren, als Repräsentanten der entstehenden völkischen Bewegung den Reformator für sich entdeckten und der evangelischen Kirche vorwarfen, dass sie den Judenfeind aus Wittenberg unterdrücke. Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren es dann die Ludendorffs, Rosenbergs und Streichers dieses Äons, die sich dieses Gestus bedienten.

Einige „Völkische“, die in protestantisch geprägten Gebieten Preußens, Frankens, Thüringens und Sachsens auftraten, entstammten dem konfessionskulturellen Nährboden des lutherischen Protestantismus. Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte die rapide Industrialisierung Deutschlands fundamentale gesellschaftliche Destabilisierungseffekte erzeugt. Diese trugen wesentlich dazu bei, dass große Menschenmassen entwurzelt und kirchliche Bindungen aufgelöst wurden. Der Antisemitismus, der seit den 1870er Jahren zu einem gesellschaftlichen Breitenphänomen wurde und jede Form jüdischen Erfolgs mit neidvollen Überfremdungsängsten der Zukurzgekommenen quittierte, wurde zu einem besonders wirkungsreichen Reflex dieser kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen.

Schon früh setzten die Antisemiten alles daran, Luther als einen der Ihren in Anspruch nehmen. Dieser Versuch war deshalb außerordentlich vielversprechend, weil der Wittenberger Reformator die geschichtspolitische Leitikone des deutsch-protestantischen Kaiserreichs geworden war. An Luther führte etwa der führende preußische Historiker Heinrich von Treitschke im „Lutherjahr“ 1883 aus, was angeblich „germanischer Art“ und „deutschen Wesens“ war - und also hier und heute Geltung besitze. Luther, der tiefsinnige Grobian, der gefühlige Berserker - das war die zu wuchtigem deutschen Fleisch gewordene Antithese zur Französischen Revolution und zu den liberaleren Gemeinwesen des Westens; Luther, so jubilierte der Berliner Historiker, „das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen.“

Was konnte die Verbreitung der antisemitischen Ideologie kräftiger fördern, als diesen deutschen Helden schlechthin für sich zu gewinnen? Der in Erz gegossene Luther, der nun landauf, landab die Marktplätze bevölkerte und heute immer dann, wenn man die „hässlichen Züge“ des Wittenbergers zeigen will, als Ikone verwendet wird, ist ein Teil jener fatalen deutschen Geschichte, die in die zivilisatorischen Abgründe des 20. Jahrhunderts führte. Dass schon während des Zweiten Weltkrieges und erst recht danach unter Buchtiteln wie „From Luther to Hitler“ abgerechnet wurde, hat Gründe, die in der geschichtspolitischen Inanspruchnahme des Wittenberger Reformators im „Zweiten“ und im „Dritten Reich“ zu suchen sind. Auch aufgrund dieser komplexen Rezeptionsgeschichte ist Luther eine Schicksalsgestalt der Deutschen - für die evangelischen zuerst, aber auch für alle anderen. Ihn zur Null schrumpfen zu wollen hilft bei der Bearbeitung unseres historischen Erbes kein bisschen weiter, im Gegenteil!

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Warum Richter und Anwälte einen guten Job gemacht haben

Von Helene Bubrowski

Nach vier Jahren und vielen Pannen und Peinlichkeiten geht der NSU-Prozess mit den Plädoyers seinem Ende entgegen. Allen Widrigkeiten zum Trotz haben die Richter und Anwälte ordentliche Arbeit geleistet. Mehr 5

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen