Dass die Debatte über die frühe Fremdbetreuung von Kindern in Deutschland wie in kaum einem anderen Land polarisiert, ist nicht zu verstehen ohne die Geschichte der deutschen Teilung. In der DDR wurde die frühe Erziehung im Kollektiv ebenso dogmatisch vertreten wie in der Bundesrepublik die Ansicht, dass nichts die Mutter-Kind-Beziehung ersetzen könne.
Zu einem Umdenken führte erst eine Kinderschutzdebatte, die bis heute mit den Namen „Kevin“ oder „Lea Sophie“ verbunden ist - sie wurde nach mehreren schrecklichen Misshandlungs- und Vernachlässigungsfällen geführt. Warum musste es erst soweit kommen? Der englische Medizinsoziologe Michael King hat vor mehr als zehn Jahren versucht, gesellschaftliche, politische und moralische Agenden zu identifizieren, welche an Fragen des Kinderschutzes festgemacht wurden. King argumentierte, dass im Kontext einer politischen Agenda beziehungsweise im Kontext des Agendasettings im öffentlichen Diskurs nicht Individuen als Täter erscheinen oder auch Eltern, die an ihrer Erziehungsaufgabe gescheitert sind. Vielmehr würden soziale Systeme an den Pranger gestellt, weil sie ungerecht gegenüber Kindern seien. So könne ein einzelner Kinderschutzfall durch mediale Skandalisierung sowohl ein Problem in der Gesellschaft repräsentieren als auch einen Wertewandel in Bezug auf soziale Systeme markieren. Auf diese Weise ist in den vergangenen Jahren in Deutschland eine moralische Agenda in Bezug auf die Vernachlässigung von Kindern entstanden. Gleichzeitig begann ein Umdenken in Bezug auf Fremdbetreuung von Kleinkindern.
Die Qualität früher Bindungen
Indes weckt der Begriff (Fremd-)Betreuung eher Assoziationen an Kinder, die im Bällchenbad bei Ikea geparkt wurden, denn an fürsorgliche Beziehungen. In der englischsprachigen Debatte spricht man von „early child care“. Care schließt jenes fürsorgliche Beziehungselement ein, das für gelingende Betreuung und für eine gute Entwicklung des Kindes unabdingbar ist. Unstrittig ist in diesem Zusammenhang, dass die Entwicklungschancen und -risiken eines Säuglings oder Kleinkinds von der Qualität früher Bindungen bestimmt werden, allem voran von der Feinfühligkeit der zentralen Bezugspersonen (caregiver). Denn Kinder sind nur bereit, zu explorieren sowie im Spiel oder in sozialen Situationen zu lernen, wenn sie sich in einer emotional sicheren Beziehung aufgehoben fühlen. Sicher gebundene Kinder sind auch besser als unsichere in der Lage zu lernen. Denn in der frühen Kindheit werden kognitive Fortschritte vor allem durch entsprechende Anregungen durch die Bezugspersonen, die Explorationsbereitschaft und das Neugierverhalten des Kindes bestimmt. Sicher gebundene Kinder profitieren daher auch stärker von Fremdbetreuung als unsichere. Ansätze früher Bildung im Kindergarten, welche die Beziehungssicherheit der Kinder und damit deren emotionale Situation nicht berücksichtigen, klammern a priori den zentralen Faktor für Bildungserfolg aus.
Ist aber sichere Bindung die Voraussetzung für die Bereitschaft, qualitativ gute Anregungen zur Förderung der kognitiven Fähigkeiten aufzunehmen, dann erschließt es sich nicht, dass die Politik in einem Ministerium auf frühe Bildung setzt und in einem anderen unabhängig davon elterliche Feinfühligkeit und die Entwicklung sicherer Bindung fördern möchte. Dieses Ressortdenken verstellt den Blick dafür, dass beides zusammengehört.
Es ist daher auch kein Wunder, dass eine internationale Nubkek-Vergleichsstudie über Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit ergeben hat, dass die Qualität der Anregungen in der Kinderbetreuung in Deutschland insgesamt nur mittelmäßig ist. Zwischen Krippe, Kita und Kindergarten zeigten sich erhebliche Unterschiede. Außerdem schnitten Einrichtungen in Ostdeutschland im Schnitt schlechter ab als westdeutsche. Zu wünschen übrig ließ die Qualität der Frühpädagogik auch in Einrichtungen mit vielen Kindern aus Einwandererfamilien.
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen aus den vergangenen Jahren haben im Detail gezeigt, dass Bindungssicherheit und Qualität von Beziehungen die Voraussetzung für viele weitere Entwicklungsprozesse im Leben darstellen. Auch der Umgang mit Stress und die Fähigkeit zur Regulation starker Emotionen werden in den frühen Beziehungen erlernt. Insofern ist es besorgniserregend, dass die Frage der Beziehungsqualität in der öffentlichen Debatte über den scheinbaren Antagonismus Krippe versus Familie kaum thematisiert wird.
Verzerrung der öffentlichen Debatte
Ein Beispiel für die Verzerrung der öffentlichen Debatte ist die von Bundesfamilienministerin Schröder (CDU) vorgeschlagene Großelternzeit. Sie wurde bislang fast nur unter dem Aspekt der Finanzierung diskutiert. Dabei wäre vorrangig zu überlegen, wie in Erziehungspartnerschaften etwa mit Großeltern oder älteren Menschen aus der Nachbarschaft, die eine Großelternrolle einnehmen können und wollen, die Beziehungsqualität in der Betreuung verbessert werden kann. Aber es ist leichter, über die Zahl von Betreuungsplätzen oder über Wahlfreiheit der Eltern zu debattieren als über Qualität in Kindertageseinrichtungen. Qualität kostet Geld, so wie Beziehungen Aufwand, Zeit und Engagement bedeuten.
Biologisch ist der Mensch nicht primär für die Entwicklung in der sogenannten Mutter-Kind-Dyade geschaffen. Daher ist das entwicklungsbiologische „Experiment“ der weitgehend abgegrenzten Kernfamilie mit einem Kind oder zwei Kindern ein relativ junges Phänomen. Menschen lebten die längste Zeit in Gruppen. Familienverbände waren generationenübergreifend und schlossen Hausangestellte sowie andere Mitbewohner im Sinne des römischen Begriffs der „familia“ ein. Kinder hatten daher in der Regel schon von den ersten Lebensmonaten an mehrere Bezugspersonen.
Tatsächlich sind Kinder gut in der Lage, schon in der frühen Kindheit mit mehr als zwei oder drei Personen Bindungen einzugehen. Belastend ist „Fremdbetreuung“ aber dann, wenn keine gute Beziehungsqualität gewährleistet werden kann. Doch anstatt in der Debatte über den Ausbau der Kinderbetreuung die Frage in den Vordergrund zu rücken, welche Maßstäbe bei dem fachgerechten Ausbau des Betreuungsangebots zu beachten wären, wird über die quantitative Erfüllung politischer Vorgaben gestritten. Planungen wie die für ein Kita-Projekt in Dresden, in dem vom kommenden Jahr an 300 Kleinkinder in einem Gebäude untergebracht werden sollen, sind das Ergebnis dieser Fehlorientierung. Daran wird aber auch deutlich, wie sehr es noch an evidenzbasierten Qualitätsstandards für eine förderliche Kleinkindbetreuung mangelt.
Es mangelt an Fachkräften
Die verzweifelten Versuche von Kommunen, die Zahl der Vollzeit-Betreuungsplätze für Kleinstkinder so zu erhöhen, dass alle Eltern ihren Rechtsanspruch zum 1. August 2013 einlösen können, stoßen aber nicht nur an konzeptionelle Grenzen. Mindestens ebenso hinderlich ist der Mangel an Fachkräften auf dem Feld der erzieherischen Berufe. Wenn dieser Mangel dadurch umgangen werden soll, dass Leiharbeitskräfte für Betreuungsaufgaben in Kindertagesstätten herangezogen werden, dann offenbart dieses Vorgehen nur, wie falsch das Verständnis von Betreuung ist. Gefragt sind nicht Aufsichtspersonen, die nur aufpassen, dass die Kinder „satt und sauber“ sind und sich nicht verletzen. Entscheidend ist die Konstanz von Beziehungen, und das in einer Gruppe, die auch für Kleinstkinder überschaubar ist. Frühe Fremdbetreuung kann nur dann verantwortet werden, wenn gute Beziehungsqualität gewährleistet ist. Doch wie soll diese gewährleistet werden?
Als Bundesarbeitsministerin von der Leyen (CDU) nach der Insolvenz der Drogeriemarkt-Kette Schlecker auf den Mangel an Fachkräften gerade unter den Erzieherinnen für Kleinkinder verwies (derzeit sind etwa 7300 Stellen für Fachkräfte der Kinderbetreuung und -erziehung unbesetzt, etwa 2700 Personen befinden sich in einer Umschulung zur Fachkraft der Kinderbetreuung und -erziehung), rollte sofort eine Welle der Empörung durch das Land: Wie man nur auf die Idee kommen könne, Kinder „Schlecker-Frauen“ anzuvertrauen! Empörend ist eher, wie pauschal diskriminierend etwa über alleinerziehende Mütter geurteilt wird, die nach einer längeren Kinderphase wieder einen Berufseinstieg gesucht und nur im Einzelhandel eine Anstellung gefunden hatten. Doch könnte man in der Empörung über den Vorschlag, „Schlecker-Frauen“ zu Erzieherinnen umzuschulen, auch ein erstes Anzeichen einer aufkeimende Qualitätsdebatte sehen.
In diesem Sinn hielt Frau von der Leyen ihren Kritikern nicht nur entgegen, dass bei Umschulungen keine geringeren Anforderungen an Dauer und Intensität der Ausbildung gestellt würden. Außerdem sei es die Frage, ob Mütter nach einer entsprechenden Ausbildung nicht mindestens so gut in der Lage seien, kleinen Kindern qualitativ hochwertige Beziehungsangebote im Rahmen institutioneller Betreuung zu machen, wie junge Frauen und Männer, die frisch von der Erzieherfachschule kommen und die oft selbst noch Orientierung im Alltag suchten. Auch hier gilt: Die Qualität des Beziehungsangebots ist zentral - das heißt: auch die Qualität der Ausbildung der Erzieherinnen, aber auch ihre Bereitschaft, Beziehungen einzugehen, und ihre Bereitschaft, kontinuierlich in einer Kindergruppe tätig zu sein, um Kindern Wechsel zu ersparen.
Vernachlässigung in der Institution
Über diese Aspekte ist in den vergangenen Jahren viel geforscht worden, vor allem in den Vereinigten Staaten. Alle Studien stimmen darin überein, dass es in der familiären Erziehung wie in der Fremdbetreuung auf Qualität ankommt. Um ein Wahlkampfmotto zu variieren: „It’s about quality, stupid!“ Zudem herrscht Übereinstimmung darüber, dass es von der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung abhängt, wie ein Kleinkind mit Fremdbetreuung zurechtkommt. Klar ist auch, dass die Belastung der Kinder in Tageseinrichtungen steigt, je häufiger das Personal wechselt und je länger sie am Tag fremdbetreut werden.
In Deutschland nimmt die politische Debatte von diesen Forschungsergebnissen kaum Notiz - geschweige denn, dass der massive Ausbau der Kleinkindbetreuung wie in den Vereinigten Staaten wissenschaftlich begleitet und die förderlichen und belastenden Faktoren unter den in Deutschland neu entstehenden Bedingungen untersucht würden. Zwar hat der Wissenschaftliche Beirat in Familienfragen in seinem Betreuungsgutachten schon früh darauf hingewiesen, dass die geltenden Kennzahlen, etwa der Betreuungsschlüssel, bei der Verwirklichung des Rechtsanspruchs auf Fremdbetreuung nicht zur Disposition gestellt werden dürften. Doch es ist nicht gesichert, dass selbst grundlegende Qualitätsparameter eingehalten werden.
Sicher ist nur eines: Institutionen, die Politik und Gesellschaft sich selbst überlassen und die man mit kaum zu erfüllenden Aufträgen überfordert, können selbst zu einer Gefahr für die betreuten Menschen werden. Dieses Risiko ist in den vergangenen Jahren mehrfach sichtbar geworden, vor allem nach der Aufdeckung sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Schutzbefohlenen in sogenannten Eliteinternaten, aber auch in der Altenpflege. „Institutional neglect“, die Vernachlässigung in der Institution, ist mitunter nicht weniger gefährlich als die Vernachlässigung im Elternhaus.
Der staatliche Wächter scheint in der Vergangenheit auf dem institutionellen Auge oft blind gewesen zu sein. Verwundern sollte das nicht. Denn er trägt (Mit-)Verantwortung für die Institutionen, ist aber oft auch Partei, etwa bei der Aushandlung der Gehälter im Erziehungswesen. Junge Familien beziehungsweise junge Eltern müssen daher befähigt werden, als „mündige Kunden“ auf Qualität zu achten und Konzepte in der Kindertagesbetreuung in Frage stellen zu können. Unter die Lupe genommen werden müssen Merkmale wie Personalschlüssel, Gruppengröße und Personalkonstanz ebenso wie die Qualität des kognitiv und sozial entwicklungsanregenden Angebots und des kleinkindpädagogischen Gesamtkonzepts. Allerdings steht zu befürchten, dass die Verknappung der Ressource Betreuungsplatz in den kommenden Jahren erst einmal verhindern wird, dass der Markt über die Nachfrage und damit über Qualität gesteuert wird. Viele Eltern sind schon froh, wenn sie überhaupt einen Betreuungsplatz für ihr Kind gefunden haben.
Die Verantwortung der Wirtschaft
Nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels ist es dagegen die Wirtschaft, die die Anforderungen und Wünsche vieler besorgter und fürsorglicher Eltern erkannt hat, welche Beruf und Familie vereinbaren wollen. Gerade in den Berufsgruppen, die als Fachkräfte gefragt sind, ist Qualität des Angebots in der frühen Betreuung zu einem wichtigen Element bei der Wahl des Arbeitsplatzes oder des Wohnorts geworden. Umgekehrt kommen aus Betriebskindertagesstätten mittlerweile viele Innovationen auf dem Feld pädagogischer Konzepte, erzieherischer Qualität oder der Einbeziehung von Eltern. Viele Betriebe ermöglichen es den bei ihnen beschäftigten Eltern auch, in Krisensituationen in die Kita zu gehen, etwa wenn ihr Kind sich beim Spielen verletzt hat. Dort können sie ihr Kind trösten und so lange bei ihm bleiben, bis es sich wieder mit Interesse der Gruppe und dem anregenden Spiel zuwenden kann. In der Bindungsforschung wird dieses Auftanken bei den zentralen Bezugspersonen auch mit der Metapher der „sicheren Basis“ (scure base“) umschrieben. Man braucht sie, um für die Bewältigung von Trennungssituationen und für das Explorieren und Erlernen wieder frei zu werden.
Diese sichere Basis ist in der Familie nicht immer gegeben. Eltern können selbst so starke Sorgen und Nöte haben, dass sie sich ihren Kindern nicht hinreichend feinfühlig zuwenden können. Oder sie können selbst so wenig geliebt und gefördert worden sein, dass sie ihren Kindern kaum Anregungen geben können. Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, müssen die Chance bekommen, durch weitere Beziehungsangebote Bindungssicherheit zu entwickeln, etwa durch eine liebevolle, geduldige Förderung in der Kita, durch die Großmutter, die Nachbarin und andere hilfreiche, feinfühlige Beziehungspersonen. So haben diese Kinder auch größere Chancen, dass sie Belastungen auch im Laufe ihres späteren Lebens dadurch meistern, dass sie sie „abperlen“ lassen können.
In der Entwicklungsforschung spricht man von „Resilienz“, um das Phänomen zu beschreiben, dass bei gleichen Risiken manche Kinder erheblich leiden, während andere kaum beeinträchtigt werden oder sogar gestärkt aus belastenden Erfahrungen hervorgehen. Man kann Resilienz mit „Imprägnierung“ übersetzen. Diese Imprägnierung gegenüber Belastungen wird, so zeigen es zahlreiche Langzeitstudien zu Entwicklungsrisiken im Kindesalter, neben anderen Faktoren wie freundlichem Temperament oder Ausgeglichenheit entscheidend durch Beziehungen beeinflusst.
Resilienz und frühe Hilfen
Emmy Werner, die Schöpferin des Begriffs Resilienz, hat in ihrer jahrzehntelangen Beobachtung von Kindern, die unter prekären Verhältnissen aufwuchsen, immer wieder festgestellt, dass für viele Kinder Beziehungen zu den Großeltern oder anderen Betreuungspersonen, aber auch eine Vereinszugehörigkeit wie Rettungsanker waren. Für Kinder aus prekären Verhältnissen könnten daher über die institutionelle Fremdbetreuung hinaus auch generationenübergreifende Patenschaftsmodelle in Frage kommen, etwa für Kinder körperlich, psychisch oder suchtkranker Eltern.
In den vergangenen Jahren ist in Deutschland viel über frühe Hilfen, über frühe Unterstützung von Familien und frühe Förderung von Kindern debattiert worden. Mit dem Bundeskinderschutzgesetz, das zu Beginn des Jahres 2012 beschlossen wurde, konnten frühe Hilfen sogar bundesweit geregelt werden. Jetzt kommt es darauf an, Hemmschwellen bei der Inanspruchnahme von unterstützenden Angeboten abzubauen, gerade unter Müttern, die an einer Depression oder einer Suchtproblematik leiden. Wochenbettdepressionen, welche relativ häufig sind, können die Entwicklung einer guten Mutter-Kind-Beziehung anfangs deutlich erschweren. Umso mehr können depressive Mütter und ihre Kinder von Hinweisen und Beratung in Bezug auf feinfühliges Verhalten und die Wahrnehmung der kindlichen Signale und Kommunikation mit dem Baby profitieren.
Weil es in Deutschland immer weniger Kinder gibt, sind junge Eltern so verunsichert wie nie zuvor. Es gibt einfach nicht mehr so viele Gelegenheiten, erste Erfahrungen als Babysitter, als Geschwisterkind, als ehrenamtlicher Betreuer in der kirchlichen Jugendarbeit oder im Sportverein zu sammeln wie früher. Daher ist die Nachfrage nach „Family Education“ - Beratung, Betreuung und Unterstützung für Familien - deutlich gestiegen. Der Expertendialog im Rahmen des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin hat in diesem Zusammenhang die Forderung aufgestellt, die frühe Familienunterstützung und -beratung auszubauen.
Das ethische Dilemma
Noch aber tritt der Aspekt der Beziehungsqualität beziehungsweise der Fürsorge hinter scheinbaren Gerechtigkeits- und Gleichbehandlungsargumenten und der auf zwei Scheinalternativen reduzierten „Wahlfreiheit“ zurück. Das ethische Dilemma junger Eltern, welche ihrem Kind das Beste und sich und ihrer Familie ein gutes Leben wünschen, ist häufig aber nicht primär als eine Gerechtigkeitslücke zu beschreiben, die dann durch Regeln oder Ausgleichszahlungen kompensiert werden kann. Sie ist im Sinn der „Care“-Ethik Ausdruck der Sorge um die bestmöglichen Entwicklungsbedingungen für Kinder. Hier mangelt es tatsächlich an Wahlfreiheit, weil für Kinder unterschiedlichen Temperaments und aus unterschiedlichen familiären Situationen keine hinreichend differenzierten Betreuungs- und Beziehungsangebote bestehen. Wirkliche Wahlfreiheit ist auch da nicht gegeben, wo es am Ort keine hinreichend differenzierten Betreuungsangebote gibt.
Qualitätssicherung in der Kleinkindbetreuung bedeutet, wie Qualitätssicherung im Krankenhaus oder Qualitätsmanagement in der Industrie, die kontinuierliche Erfassung von Strukturqualität, Beschreibung der Rahmenbedingungen (Zahl der Personalwechsel) sowie die Beschreibung der Prozessqualität (was geschieht in diesen pädagogischen Beziehungen?) und der Ergebnisqualität (wie wirkt sich das jeweilige Betreuungsangebot unter bestimmten Voraussetzungen einzelner Kinder auf ihre gesundheitliche und psychosoziale Entwicklung und ihre spätere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus?). Der Bund sollte durch ein Betreuungsqualitätsgesetz entsprechende Standards sichern und Impulse für eine gezielte Qualitätsentwicklung geben. Alles andere wäre nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.