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Missbrauch : Die Macht der Täter brechen

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Sosehr die Skandalisierung von sexueller Gewalt gegen Kinder wie jüngst in Staufen zu einer notwendigen gesellschaftlichen Debatte beiträgt, sosehr können einzelne Fälle den Blick auf die Gesamtdimension des Problems verstellen. Kevin, Lea-Sophie und „Staufen“ sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

          Jetzt gibt es die Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diesen Text von Jörg M. Fegert.

          Immer wieder erschüttern einzelne Fälle von sexuellem Missbrauch die Öffentlichkeit, wie jüngst im südbadischen Staufen. Ein neun Jahre alter Junge wurde von seiner leiblichen Mutter und ihrem Partner, einem verurteilten Sexualstraftäter, Männern zur sexuellen Ausbeutung angeboten. Die Empörung ist, wie meist nach solchen Kinderschutzskandalen, groß. Wie konnte so etwas passieren, obwohl ein Kontaktverbot mit dem Stiefvater gerichtlich ausgesprochen wurde? Wie konnte ein Familiengericht eine Inobhutnahme, die das Jugendamt zum Schutz des Kindes vorgenommen hatte, rückgängig machen und das Kind zurück in diese Situation bringen? Wie konnte ein Oberlandesgericht auf die Beschwerde der Mutter hin auch noch Therapie- und Hilfeauflagen des Familiengerichts aufheben?

          Man fordert schnell Konsequenzen, manche bringen auch neue Gesetze ins Spiel. Doch auch in diesem Fall wurden die bestehenden Möglichkeiten nicht genutzt: nicht die nach der UN-Kinderrechtskonvention gebotene Anhörung des Kindes oder die Einsetzung eines Verfahrensbeistands. Mehr noch: Sosehr die Skandalisierung von Fällen wie Staufen zu einer notwendigen gesellschaftlichen Debatte beiträgt, so sehr können einzelne Fälle den Blick auf die Gesamtdimension von Gewalt gegen Kinder verstellen. Denn sie sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

          Die Weltgesundheitsorganisation hat im Jahr 2013 einen Bericht veröffentlicht, der eine Prävalenz für sexuellen Missbrauch in der europäischen Region mit 13,4 Prozent für Frauen und 5,7 Prozent für Männer angibt. Am häufigsten kommen alle Misshandlungsformen in der Familie vor. Im Verlauf einer Repräsentativbefragung in Deutschland hat meine Forschungsgruppe im vergangenen Jahr folgende Häufigkeiten gefunden: 6,5 Prozent der Befragten über 14 Jahre berichteten in einem standardisierten Fragebogen, dem Childhood Trauma Questionnaire, von erheblicher emotionaler Misshandlung, 6,7 Prozent von körperlicher Misshandlung, 7,6 Prozent von sexuellem Missbrauch, 13,3 Prozent von emotionaler und 22,5 Prozent von körperlicher Vernachlässigung. Nutzt man Definitionen, die weiter gefasst sind, liegt die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs sogar deutlich bei mehr als zehn Prozent.

          Im Vergleich zu einer ähnlichen Befragung aus dem Jahr 2010 ist festzustellen, dass sich die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung nicht verändert habt. Erfreulich ist ein signifikanter Rückgang der Angaben über körperliche Vernachlässigungen. Dennoch, ein Drittel der deutschen Bevölkerung berichtet aktuell von einer oder mehreren kombinierten Kindheitsbelastungen durch Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch.

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