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Gründer der RAF : Radikal, terroristisch – und hochbegabt?

  • -Aktualisiert am

Steckbrieflich gesucht: Mitglieder der Baader/Meinhof-Bande 1972 Bild: akg-images

Der „Tatort“ vom Sonntagabend hat ziemlichen Quatsch über die RAF verbreitet. Der genauen Blick in die Studienakten von Ensslin, Mahler und Meinhof jedoch fördert Interessantes zutage. Ein Gastbeitrag.

          Wer würde angesichts des „deutschen Herbstes“ 1977 an Begabtenförderung denken? Die Frage klingt fast ein wenig zynisch. Die blutigen Morde der RAF in jenem Jahr, als der Linksterrorismus in der Bundesrepublik seinen Höhepunkt erreichte, aber auch Gewaltakte in früheren und späteren Jahren bieten wenig Anlass, um über herausragende Talente nachzudenken. Schaut man sich die Biographien der Begründer der Roten Armee Fraktion an, so findet man – außer im Falle Andreas Baaders – allerdings eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof waren allesamt Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes.

          Die Studienstiftung blickt auf eine mehr als neunzig Jahre währende Geschichte zurück. Nachdem sie 1934 unter den Nationalsozialisten aufgelöst worden war, etablierte sie sich in der Bundesrepublik nach ihrer Neukonstituierung 1948 als wichtigste Institution für die Förderung der besten Studentinnen und Studenten. Wer es in den Kreis der Stipendiaten geschafft hatte, der gehörte zur Studienelite und galt als hochbegabt – ein Begriff, der sich in Dokumenten der frühen Nachkriegszeit häufiger findet. In der ersten Satzung der wiederbegründeten Studienstiftung vom April 1949 hieß es im zeittypischen Jargon, sie wolle „wissenschaftlich hervorragend begabte und nach ihrer Persönlichkeit besonders geeignete Menschen“ fördern, den „für die Volksgesamtheit wertvollen“ studentischen Nachwuchs. In späteren Satzungen wurden daraus „besondere Leistungen im Dienste der Allgemeinheit“.

          Frühe Indizien für die Gesinnung

          Ungeachtet der Formulierungsfrage und auch des bekannten Aperçus „des einen Terrorist, des anderen Freiheitskämpfer“ wird wohl niemand dem Terrorismus der RAF besondere Verdienste um die Allgemeinheit erkennen. Mit dem Wissen der siebziger Jahre wirkt die Förderung Ensslins, Mahlers und Meinhofs irritierend, ja in frappierender Weise falsch. Es liegt indes auf der Hand, dass eine solche Verkehrung der zeitlichen Reihenfolge einer seriösen Betrachtung zuwiderläuft. Doch waren nicht schon während des Auswahlprozesses und der Förderzeit Indizien erkennbar, die auf die Abwege in den Terrorismus schließen ließen?

          Horst Mahler (hinten) im Oktober 1972 mit seinen Anwälten Hans-Christian Ströbele und Otto Schily
          Horst Mahler (hinten) im Oktober 1972 mit seinen Anwälten Hans-Christian Ströbele und Otto Schily : Bild: dpa

          Als Gründungsmoment der RAF gilt gemeinhin die „Baader-Befreiung“ vom Mai 1970, als sich auch Ulrike Meinhof für den Weg in den Untergrund entschied. Zehn Jahre waren seit ihrer Stipendiatenzeit als Pädagogik-Studentin zwischen 1955 und 1960 vergangen. Fast genau in demselben Zeitraum – von 1955 bis 1959 – war auch der Jurastudent Horst Mahler Studienstiftler. Die um einige Jahre jüngere Ensslin kam 1960 in Kontakt mit der Studienstiftung, gelangte aber erst im dritten Anlauf 1964 in den Kreis der Stipendiaten. Die Förderung der Germanistik-Studentin lief am Ende des geschichtsträchtigen Jahres 1968 aus. Freilich war Ensslin schon Monate zuvor wegen ihrer Beteiligung an den Frankfurter Kaufhausbrandanschlägen in Untersuchungshaft genommen worden. In ihrem Fall gab es also eine zeitliche Überschneidung zwischen Begabtenförderung und einem gewalttätigen Aktionismus, der gelegentlich als Vorstufe des Terrorismus der 1970er Jahre gilt.

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