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Aktualisiert: 20.12.2014, 08:27 Uhr

Ukraine-Konflikt Als Stalin Hitlers Verbündeter war

Präsident Putin hat die Tradition der Angriffskriege in Europa wiederbelebt. Das Geschichtsbild wird dieser Entwicklung angepasst - und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 rehabilitiert. Ein Gastbeitrag.

von Timothy Snyder
© AFP Blutige Fußspuren nach einem Angriff im ostukrainischen Donezk im August 2014.

Während Russland seine Invasion in der Ukraine fortsetzt, hat Präsident Putin beschlossen, das Bündnis zwischen Hitler und Stalin zu rehabilitieren, mit dem einst der Zweite Weltkrieg begann. Mit der Aussage, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 sei gute Außenpolitik gewesen, verletzt er ein altes sowjetisches Tabu und widerspricht seinem eigenen früheren Urteil, wonach der Hitler-Stalin-Pakt „unmoralisch“ gewesen sei. Was mag Wladimir Putin zu dieser Kehrtwende bewogen haben? Was erscheint am Bündnis mit Hitler gerade jetzt so reizvoll? Was bedeutet diese Revision der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in einem Augenblick, da Russland die Tradition der Angriffskriege auf europäischem Territorium wiederbelebt?

Putin ist zu einem Liebhaber der Geschichte geworden, und seine jüngsten Reden enthüllen eine von Wunschphantasien geleitete Rekonstruktion der russischen Vergangenheit. Er mischt Klischees mit einer guten Portion bewusster Böswilligkeit und präsentiert, seit er im Februar seinen Krieg gegen die Ukraine begann, ein recht seltsames Bild der Geschichte seines Landes. Der Präsident behauptet, Russland und die Ukraine seien eine Nation, und zwar aufgrund einer Taufe, die vor mehr als tausend Jahren stattgefunden hat oder auch nicht stattgefunden - in einer Handelsniederlassung, die von heidnischen Wikingern und jüdischen Chasaren bevölkert wurde.

Die Krim, so behauptet er jetzt nach der Besetzung und Annexion der Halbinsel, sei von jeher russisch gewesen. Dabei war die Krim über Jahrhunderte eine Bühne, auf der sich vielerlei europäische Kulturen präsentierten. Ihr russischer Charakter ist im Wesentlichen das Ergebnis der mörderischen Vertreibung der Krimtataren 1944 durch das Stalin-Regime. So sagte der weißrussische Präsident Lukaschenka scherzhaft, nach Putins Geschichtslogik sei es sinnvoller, Moskau den Krimtataren zu übergeben als die Krim Moskau, sei Moskowien doch ursprünglich ein Protektorat der Tataren gewesen. Außerdem erklärt Putin, Russland solle nach Süden expandieren, weil es dort einmal ein Gebiet namens Neurussland gegeben habe. Zwar hegt Putin falsche Vorstellungen hinsichtlich der tatsächlichen Grenzen dieser vormaligen Region, doch das verbirgt nur einen noch tieferen Irrtum. Ein Anspruch Russlands auf Neurussland ist ungefähr so berechtigt wie der Anspruch Englands auf Neuengland, Schottlands auf Neuschottland oder Südwales auf Neusüdwales.

In der Zeitgeschichte versteigt sich die russische Propaganda zu kruden Widersprüchen. Der „dekadente“ Westen wird aufgefordert, zur Kenntnis zu nehmen, dass es keine ukrainische Nation gebe, dass aber alle Ukrainer Nationalisten seien; dass es keinen ukrainischen Staat gebe, aber seine Organe Unterdrückung betrieben; dass es keine ukrainische Sprache gebe, aber Russen gezwungen würden, sie zu sprechen.

Trotz dieser an sich schon abstrusen Geschichtsverdrehungen verdienen Putins lobende Worte für den Hitler-Stalin-Pakt besondere Aufmerksamkeit. Die Bedeutung dieses Bündnisses für die Geschichte des 20. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Es versetzte Hitler in die Lage, mit sowjetischer Hilfe einen Angriffskrieg gegen Polen zu führen. Damit steht der Pakt am Anfang aller nachfolgenden Tragödien, in Polen und anderswo.

Stalin war überglücklich

Wenn Putin nun erklärt, Stalin habe 1939 als vernünftiger Staatsmann gehandelt, dann sagt er damit, man habe Hitler damals keinen Widerstand leisten sollen. Das ist nicht nur ein bemerkenswertes Urteil über die sowjetische Außenpolitik. Putin stellt auch den Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg in Frage, der besagt, dass man Hitler 1939 Widerstand hätte leisten müssen. Und natürlich gab es Staaten, die damals die entgegengesetzte Entscheidung trafen. Frankreich und Großbritannien und vor allem Polen leisteten Hitler im Jahr 1939 Widerstand. Fünf Jahre lang, von Anfang 1934 bis Anfang 1939, hatte Hitler vergeblich versucht, Polen als Verbündeten für einen Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Im August 1939 hofierte er Stalin nur drei Tage lang, um ihn für einen Krieg gegen Polen zu gewinnen. Sein Vorschlag wurde begeistert akzeptiert.

Am 20. August 1939 bat Hitler Stalin um ein Treffen, und Stalin war überglücklich. Seit fünf Jahren hatte der sowjetische Führer nach einer Gelegenheit gesucht, um Polen zu vernichten - nun bot sich ihm diese Gelegenheit. Stalin wusste natürlich, dass er mit dem mächtigsten Antisemiten der Welt eine Vereinbarung über die Vernichtung des größten Heimatlandes europäischer Juden traf. Bei den Vorbereitungen für das Bündnis mit Hitler hatte Stalin wie so viele andere Politiker einen Kotau vor dem Führer gemacht. In der Hoffnung, Hitlers Aufmerksamkeit zu erregen, hatte er Maxim Litwinow, seinen jüdischen Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten, entlassen und durch den Russen Wjatscheslaw Molotow ersetzt. Litwinows Entlassung war nach Hitlers eigener Aussage von entscheidender Bedeutung. Molotow war es denn auch, der mit Außenminister Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 in Moskau den Vertrag aushandelte.

Den Juden war bewusst, in welcher Gefahr sie schwebten. Auf fünf Jahre ständig verschärfter Unterdrückung in Deutschland waren in Österreich während des „Anschlusses“ schockierende Gewalttaten gefolgt. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei im März war gleichfalls eine Katastrophe für die Juden. Sie flohen aus den von Deutschland annektierten Gebieten und verloren dabei ihren Besitz. In der Slowakei verloren sie ihre Staatsbürgerschaft, als dort ein neuer, mit Deutschland verbündeter und von Berlin abhängiger Staat gegründet wurde.

In Genf, wo die Zionisten Ende August 1939 ihren Weltkongress abhielten, wirkte die Nachricht vom Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts wie ein Schock. Alle begriffen sofort, was die Bekanntgabe des „Nichtangriffspakts“ bedeutete: Dass Hitler nun freie Hand hatte und ein Krieg bevorstand. Chaim Weizman, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, schloss den Kongress mit den Worten: „Freunde, ich habe nur einen Wunsch: dass wir alle am Leben bleiben.“

Das war kein hohles Pathos. Ein geheimes Zusatzprotokoll zu dem Nichtangriffspakt regelte die Aufteilung Osteuropas zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion. Endlich hatte Hitler den Verbündeten, den er brauchte, um die Feindseligkeiten zu beginnen. Die vom geheimen Zusatzprotokoll betroffenen osteuropäischen Gebiete bildeten das Kernland der weltumspannenden jüdischen Gemeinschaft und waren seit einem halben Jahrtausend ununterbrochen von Juden besiedelt. Als der Krieg begann, wurde die Region rasch zu dem für Juden gefährlichsten Gebiet ihrer gesamten Geschichte. Nicht einmal zwei Jahre später sollte hier der Holocaust beginnen. Stalin tat den berühmten Ausspruch, der Hitler-Stalin-Pakt sei „mit Blut besiegelt“ - es sollte nicht zuletzt das Blut jüdischer Männer, Frauen und Kinder sein.

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Derzeit konzentriert sich die Berichterstattung über Putins historische Kehrtwende nicht auf den Zusammenhang zwischen dem Hitler-Stalin-Pakt und dem Krieg, sondern auf die Befürchtungen Polens, Litauens, Lettlands und Estlands, jener vier Staaten, die 1939 und 1940 gemäß den Bestimmungen des Pakts von der Roten Armee besetzt wurden. Am 17. September 1939 sprang Stalin seinem Verbündeten Hitler mit einem Angriff auf Polen zur Seite: Von Osten her rückte die Rote Armee nach Polen ein. Sie traf in der Mitte des Landes auf die Wehrmacht, und man veranstaltete eine gemeinsame Siegesparade. Die sowjetische und die deutsche Geheimpolizei kamen überein, die polnische Widerstandsbewegung zu vernichten. Hinter den neuen Grenzlinien organisierte das sowjetische NKWD die Massendeportation einer halben Million polnischer Bürger in den Gulag. Außerdem exekutierten die Sowjets Tausende polnische Offiziere, von denen viele gerade noch gegen die Wehrmacht gekämpft hatten.

Die Zerstörung des polnischen Staates ist in der Geschichte Polens verständlicherweise in Erinnerung geblieben. Dabei wird aber oft übersehen, dass sich die polnische und die jüdische Geschichte überlappen. Die vom NKWD ermordeten polnischen Bürger, meist Reserveoffiziere mit höherer Bildung, wurden getötet, weil sie die Elite des polnischen Staates darstellten. Viele von ihnen waren Juden, deren Familien nun ohne sie der deutschen Besatzung ausgeliefert waren.

In der Rede, in der Putin den Hitler-Stalin-Pakt rehabilitierte, wie auch bei anderen Gelegenheiten rechtfertigte Putin das sowjetische Bündnis mit Nazideutschland mit dem Hinweis auf die Komplizenschaft der Westmächte bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei in München. Obwohl der Präsident vollkommen recht hat mit der Behauptung, der Verrat an der Tschechoslowakei sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Krieg und zum Holocaust gewesen, so ist doch keineswegs ausgemacht, dass der Hinweis auf München Putins Thesen wirklich stützt. Allem Anschein nach sieht er im Münchener Abkommen und im Hitler-Stalin-Pakt, auf die er gerne gleichzeitig verweist, positive Beispiele. Die russische Kampagne gegen die Ukraine des Jahres 2014 hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit der deutschen Propaganda gegen die Tschechoslowakei 1939: Da sind der Rückgriff auf einen ethnischen Nationalismus und die Erfindung historischer Regionen, die erst nach dem Einsatz von Gewalt als gesichert gelten („Sudetenland“ und „Noworossija“). Hinzu kommt die Unterstützung von Separatisten, die ohne ausländische Hilfe keinerlei Chancen hätten. Und nicht zu übersehen ist der Wunsch, ein europäisches System durch die Zerschlagung eines europäischen Staates zu zerstören.

Deutsch-russischer Nichtangriffspakt © dpa Vergrößern Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow unterschreibt und sein deutsches Pendant Joachim von Ribbentrop (links) und der sowjetische Diktator Stalin schauen ihm über die Schulter.

Natürlich gilt das Münchener Abkommen im Westen generell als ein Fehler. Aber Putins Berufung auf das Münchener Abkommen ist unvollständig ohne einen Hinweis auf die sowjetische Politik der damaligen Zeit. Frankreich hatte in der ersten Hälfte 1938 versucht, mit der Sowjetunion zu einer Übereinkunft zu gelangen. Die sowjetischen Gesprächspartner verschwanden jedoch immer wieder in der Hölle der Großen Säuberung. Die Sudetenkrise wurde allem Anschein nach im Kreml als Chance verstanden, in Osteuropa zu intervenieren. Selbst als London und Paris Prag zu einem Kompromiss mit Hitler drängten, gab es von Moskau Hinweise, man sei bereit, zum Schutz der Tschechoslowakei Truppen nach Mitteleuropa zu schicken - was mit einer Invasion in Polen oder Rumänien oder beiden Ländern einhergegangen wäre. Tatsächlich wurden vier sowjetische Armeegruppen an die polnische Grenze verlegt.

Am 12. September 1938 sprach Hitler in einer Rede davon, die Deutschen müssten vor der tschechischen Ausrottungspolitik geschützt und das Land vollständig zerschlagen werden. Drei Tage später beschleunigte das Sowjetregime die ethnischen Säuberungen in seinen an Polen angrenzenden Regionen. Sowjetische Staatsbürger, die Mehrzahl davon ethnische Polen, denen man Spionage für das Nachbarland vorwarf, wurden kurzerhand hingerichtet.

In mündlichen Anweisungen an das örtliche NKWD hieß es: „Die Polen sind vollständig zu vernichten.“ So prüften die sowjetischen Behörden der Stadt Woroschilowgrad (heute Luhansk) im Rahmen der polnischen Operation während der Sudetenkrise 1226 Fälle und ordneten 1226 Exekutionen an. In den unmittelbar an Polen grenzenden Gebieten der sowjetischen Ukraine gingen sowjetische Einheiten im September als Todesschwadronen von Dorf zu Dorf. Polnische Männer wurden erschossen, polnische Frauen und Kinder in den Gulag geschickt. In der Region Schytomyr verurteilten sowjetische Behörden am 22. September einhundert Menschen zum Tode, am 23. September weitere 138 und am 28. September nochmals 408. Das war der Tag, den Hitler als letzten Termin für den Einmarsch in die Tschechoslowakei festgelegt hatte.

Die „Sudetenkrise“ wurde gelöst. In München beschlossen die Führer Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands, dass die Tschechoslowakei die von Hitler verlangten Gebiete abtreten müsse. Diese Schande ist bis heute nicht nur in Prag, sondern auch in London, Paris und Washington als solche in Erinnerung geblieben. Die sowjetische Politik in diesen Wochen ist dagegen vollkommen in Vergessenheit geraten. Doch die Säuberungen und die Mobilmachung waren das Vorspiel für die Politik, die Moskau ins Werk setzte, sobald die nächste von Hitler ausgelöste europäische Krise die Chance bot, Polen zu zerschlagen.

Die nächste größere sowjetische Aggression nach der Besetzung Ostpolens während der Zeit des Bündnisses mit Nazideutschland war der Einmarsch in Finnland im November 1939. Eine Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts ist daher zugleich auch eine Rehabilitierung dieses Krieges. Im Sommer 1940 zwang die Sowjetunion die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, die Stationierung sowjetischer Truppen auf ihrem Gebiet zuzulassen. Nach Scheinreferenden wurden die Länder von der Sowjetunion annektiert. Bald darauf wurden Zehntausende Bürger deportiert, der größte Teil der jeweiligen Elite eingeschlossen.

Den Juden gibt man die Schuld am Holocaust

Die Sowjets dekretierten per Gesetz, dass diese Staaten niemals existiert hätten. So wurde es zu einem Verbrechen, im Dienst dieser Staaten gestanden zu haben. Diese Vorstellung, wonach es möglich ist, die Existenz oder Nichtexistenz von Staaten zu dekretieren, hat sich in das politische Gedächtnis der vom Hitler-Stalin-Pakt betroffenen Regionen eingegraben. Da Polen, Litauen, Lettland und Estland von der Sowjetunion angegriffen wurden, als Stalin Hitlers Verbündeter war, sind deren Eliten heute immun gegen andere russische Propaganda, etwa die groteske These, Russland hätte in der Ukraine eingreifen müssen, um Europa vor dem Faschismus zu schützen. Sie erinnern sich nicht nur an den Hitler-Stalin-Pakt, sondern auch an den anschließenden deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag, an die Scheinwahlen und die Propaganda in der sowjetischen Zone - Vorgänge, die den russischen Aktivitäten in den besetzten Teilen der Ukraine frappierend ähnlich sind.

Putins Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts richtet sich damit gegen die Länder zwischen Berlin und Moskau - allerdings in zwei Varianten. Nach der ersten Variante lädt Moskau Polen ein, die geschichtliche Rolle Deutschlands zu übernehmen und sich an einer Teilung der Ukraine zu beteiligen. Niemand in Warschau hat diese Vorschläge ernst genommen. Nach der zweiten Variante versucht Moskau Berlin davon zu überzeugen, dass Deutschland besser damit fahren würde, wenn es als Großmacht aufträte, die neuen Regeln der Europäischen Union missachte und den alten Regeln der Zwischenkriegszeit folgte. Für Deutschland, dessen Machtposition gerade auf der europäischen Integration beruht, wäre das zwar strategischer Schwachsinn. Doch deutsche Staatsmänner wie Gerhard Schröder und Helmut Schmidt sind von diesen Ansichten nicht mehr weit entfernt.

Es wäre indessen ein Irrtum, wenn man meinte, Putin habe nur das Schicksal Osteuropas im Sinn, so wichtig dies auch ist. Was wir erleben, ist der Umschlag von einer möglichen russischen Erinnerung an den Krieg zu einer anderen - eine Veränderung, die Folgen für ganz Russland und ganz Europa hat. Schon immer gab es zwei Versionen des Zweiten Weltkriegs, da die Sowjetunion auf beiden Seiten kämpfte. Von 1939 bis 1941 war die Sowjetunion ein Verbündeter Nazideutschlands, der Erze, Erdöl und Nahrungsmittel lieferte, damit die Deutschen Krieg gegen Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und vor allem gegen Frankreich und Großbritannien führen konnten. In dieser Phase des Krieges war Stalin darauf bedacht, Hitler zu gefallen. Er erfüllte nicht nur alle Verpflichtungen aus dem Hitler-Stalin-Pakt wie auch aus dem Grenz- und Freundschaftsvertrag, sondern auch spezielle Bitten seiner deutschen Verbündeten - mit einer größeren Ausnahme. Stalin wusste sehr genau, in welcher Notlage sich die Juden in der deutschen Zone in Polen befanden. Es kann kaum überraschen, dass er keinerlei Interesse daran zeigte, ihnen zu helfen. Im Februar 1940 machte Adolf Eichmann Moskau den Vorschlag, den Großteil der polnischen Juden, zwei Millionen, in die Sowjetunion zu überführen. Moskau reagierte auf dieses Ansinnen nicht.

Als Hitler Stalin verriet und die Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, stand Moskau plötzlich auf der anderen Seite und befand sich schon bald in einer Großallianz mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Die sowjetische Propaganda überging den ersten Krieg mit Schweigen und feierte die sowjetischen Heldentaten im zweiten. Der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ wurde gleichsam zu einem zweiten Gründungsmythos der Sowjetunion und ist es in Russland und Weißrussland bis heute. In dieser Lesart musste der Hitler-Stalin-Pakt verleugnet werden, und zwar nicht so sehr, weil er ein Verbrechen war, sondern ein Fehler. Schließlich hatte der Pakt den Deutschen die Möglichkeit eröffnet, schon lange vor der Invasion 1941 an die Sowjetunion heranzurücken. Er half Nazideutschland, jene europäische Macht zu werden, die Moskau fast erreicht hätte, und er lullte den Kreml ein. Stalin weigerte sich zu glauben, dass Deutschland die Sowjetunion 1941 angreifen würde. Mehr als einhundert Warnungen der Geheimdienste vor der kommenden Invasion tat er als britische Propaganda ab. Nach dem Krieg wollte die Sowjetunion sich als Friedensmacht präsentieren. Deshalb musste sie leugnen, dass sie eine jener Mächte war, die den Krieg begonnen hatten.

DEU AUSWAERTIGES AMT POLITISCHES ARCHIV © Picture-Alliance Vergrößern Auf einer Karte Polens besiegelten Stalin und Ribbentrop die Aufteilung des Landes.

Heute führt Russland einen Angriffskrieg in Europa. Seine Führer vermischen auf scheinbar widersprüchliche Weise diese traditionelle Betonung des Verteidigungskriegs der Jahre 1941-1944 mit der verfügbaren Alternative, dem Angriffskrieg von 1939-1941. Natürlich passt die Hervorhebung eines Angriffskriegs weit besser zum aktuellen Meinungsklima in Russland. Zwischen 1939 und 1941, als die Sowjetunion und Nazideutschland befreundete Staaten waren, hörte man in der sowjetischen Gesellschaft auf, die deutsche Politik zu kritisieren, und begann Nazi-Reden zu veröffentlichen. An Gebäuden oder sogar auf Plakaten mit Porträts sowjetischer Führer tauchten Hakenkreuze auf.

Ein ähnliches Maß an Verwirrung zeigt sich heute in Russland. Im Staatsfernsehen gibt man den Juden die Schuld am Holocaust; dem Kreml nahestehende Intellektuelle rehabilitieren Hitler als Staatsmann; russische Neonazis veranstalten Aufmärsche zum 1. Mai; Versammlungen im Stil der Nürnberger Parteitage, mit Hakenkreuzen aus brennenden Fackeln, werden als antifaschistische Veranstaltungen präsentiert, Kampagnen gegen Homosexuelle werden als Verteidigung der wahren europäischen Zivilisation gefeiert. Im Zusammenhang mit der Invasion der Ukraine ruft Moskau die einheimische und europäische extreme Rechte dazu auf, sein Vorgehen zu unterstützen und seine Version des Geschehens zu verbreiten. Bei den jüngsten Wahlfarcen in den Oblasts Donezk und Luhansk wie auch bei dem früheren Scheinreferendum auf der besetzten Krim waren Politiker der extremen europäischen Rechten, darunter auch Faschisten, anwesend, um als „Beobachter“ die Gewinne in Russlands Krieg zu bestätigen. Diese „Beobachter“ sind durchaus kein exzentrisches Detail, sondern enthüllen die fundamentale aktuelle Bedeutung des Hitler-Stalin-Pakts. Tatsächlich hat erst die Ausrichtung an der extremen europäischen Rechten und gegen den europäischen Mainstream die Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts unvermeidlich gemacht - ich habe diese Entwicklung im Mai vorhergesagt.

Als Stalin sein Bündnis mit Hitler schloss, verfolgte er damit ein politisches Ziel. Er stellte sich vor, wenn er den Nazistaat bei dessen Kriegsbemühungen unterstütze, könne er die deutschen Truppen gen Westen richten und von der Sowjetunion fernhalten. So würden die der kapitalistischen Welt innewohnenden Widersprüche zum Vorschein kommen, und Deutschland, Frankreich und Großbritannien würden gemeinsam zusammenbrechen. Putin versucht heute auf seine Weise dasselbe.

Wie Stalin Adolf Hitler, die radikalste europäische Kraft, gegen Europa zu wenden versuchte, so versucht Putin heute dasselbe mit einem Mischmasch rechtsgerichteter Kräfte. Seine Verbündeten auf der extremen Rechten sind genau jene politischen Kräfte, die der Europäischen Union den Garaus machen und Europa ins Zeitalter der Nationalstaaten zurückwerfen wollen: Separatisten in ganz Europa (einschließlich der Putin bewundernden Ukip-Führung), große antieuropäische, rechtspopulistische Parteien (deren wichtigste ist der französische Front National) sowie der rechtsextreme Rand einschließlich Faschisten und Nazis.

Es liegt auf der Hand, dass dies eine Katastrophe für alle Beteiligten wäre und auch das Ende Russlands bedeutete. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Stalin 1939 und Putin 2014. Man kann Stalin zugutehalten, dass er ein reales Problem zu lösen versuchte. Hitler wollte tatsächlich die Sowjetunion vernichten. Putin dagegen hat keinen europäischen Feind. Aus Gründen, die bis heute rätselhaft sind, hat die russische Außenpolitik beschlossen, die Europäische Union als Gegner darzustellen. Aus Gründen, die im Augenblick niemand zu erklären vermag, hat Russland in der Ukraine einen Krieg begonnen und dadurch eine aus der Sicht elementarer russischer Interessen vollkommen unsinnige Entfremdung gegenüber dem Westen herbeigeführt. Die fruchtlose Suche nach einer strategischen Rechtfertigung für dieses Desaster hat dazu geführt, dass Russland eine der elementaren moralischen Grundlagen der Nachkriegspolitik über Bord geworfen hat: die Verurteilung von Angriffskriegen in Europa im Allgemeinen und des Angriffskriegs der Nazis 1939 im Besonderen. Die Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts ist nicht Ausdruck einer klaren Ideologie, sondern möglicherweise etwas noch Schlimmeres: eine Flucht in den Nihilismus als Abwehr des Vorwurfs der Unfähigkeit. Den Hitler-Stalin-Pakt billigen, heißt die Grundlage wechselseitigen Verständnisses in der westlichen Welt zugunsten einer kurzlebigen Taktik aufzugeben, die nur zerstören kann, aber nichts zu erschaffen vermag.

Geduld ist erforderlich

Von Peter Sturm

Soll man sich darüber aufregen, nach den ersten Brexit-Verhandlungen noch nichts Greifbares zu vermelden ist? Das wäre hysterisch. Denn gegen Ende wird es sowieso dramatisch. Mehr 1

Quelle: wahlrecht.de
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