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Ukraine-Konflikt : Als Stalin Hitlers Verbündeter war

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Blutige Fußspuren nach einem Angriff im ostukrainischen Donezk im August 2014. Bild: AFP

Präsident Putin hat die Tradition der Angriffskriege in Europa wiederbelebt. Das Geschichtsbild wird dieser Entwicklung angepasst - und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 rehabilitiert. Ein Gastbeitrag.

          Während Russland seine Invasion in der Ukraine fortsetzt, hat Präsident Putin beschlossen, das Bündnis zwischen Hitler und Stalin zu rehabilitieren, mit dem einst der Zweite Weltkrieg begann. Mit der Aussage, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 sei gute Außenpolitik gewesen, verletzt er ein altes sowjetisches Tabu und widerspricht seinem eigenen früheren Urteil, wonach der Hitler-Stalin-Pakt „unmoralisch“ gewesen sei. Was mag Wladimir Putin zu dieser Kehrtwende bewogen haben? Was erscheint am Bündnis mit Hitler gerade jetzt so reizvoll? Was bedeutet diese Revision der Geschichte des Zweiten Weltkriegs in einem Augenblick, da Russland die Tradition der Angriffskriege auf europäischem Territorium wiederbelebt?

          Putin ist zu einem Liebhaber der Geschichte geworden, und seine jüngsten Reden enthüllen eine von Wunschphantasien geleitete Rekonstruktion der russischen Vergangenheit. Er mischt Klischees mit einer guten Portion bewusster Böswilligkeit und präsentiert, seit er im Februar seinen Krieg gegen die Ukraine begann, ein recht seltsames Bild der Geschichte seines Landes. Der Präsident behauptet, Russland und die Ukraine seien eine Nation, und zwar aufgrund einer Taufe, die vor mehr als tausend Jahren stattgefunden hat oder auch nicht stattgefunden - in einer Handelsniederlassung, die von heidnischen Wikingern und jüdischen Chasaren bevölkert wurde.

          Die Krim, so behauptet er jetzt nach der Besetzung und Annexion der Halbinsel, sei von jeher russisch gewesen. Dabei war die Krim über Jahrhunderte eine Bühne, auf der sich vielerlei europäische Kulturen präsentierten. Ihr russischer Charakter ist im Wesentlichen das Ergebnis der mörderischen Vertreibung der Krimtataren 1944 durch das Stalin-Regime. So sagte der weißrussische Präsident Lukaschenka scherzhaft, nach Putins Geschichtslogik sei es sinnvoller, Moskau den Krimtataren zu übergeben als die Krim Moskau, sei Moskowien doch ursprünglich ein Protektorat der Tataren gewesen. Außerdem erklärt Putin, Russland solle nach Süden expandieren, weil es dort einmal ein Gebiet namens Neurussland gegeben habe. Zwar hegt Putin falsche Vorstellungen hinsichtlich der tatsächlichen Grenzen dieser vormaligen Region, doch das verbirgt nur einen noch tieferen Irrtum. Ein Anspruch Russlands auf Neurussland ist ungefähr so berechtigt wie der Anspruch Englands auf Neuengland, Schottlands auf Neuschottland oder Südwales auf Neusüdwales.

          In der Zeitgeschichte versteigt sich die russische Propaganda zu kruden Widersprüchen. Der „dekadente“ Westen wird aufgefordert, zur Kenntnis zu nehmen, dass es keine ukrainische Nation gebe, dass aber alle Ukrainer Nationalisten seien; dass es keinen ukrainischen Staat gebe, aber seine Organe Unterdrückung betrieben; dass es keine ukrainische Sprache gebe, aber Russen gezwungen würden, sie zu sprechen.

          Trotz dieser an sich schon abstrusen Geschichtsverdrehungen verdienen Putins lobende Worte für den Hitler-Stalin-Pakt besondere Aufmerksamkeit. Die Bedeutung dieses Bündnisses für die Geschichte des 20. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Es versetzte Hitler in die Lage, mit sowjetischer Hilfe einen Angriffskrieg gegen Polen zu führen. Damit steht der Pakt am Anfang aller nachfolgenden Tragödien, in Polen und anderswo.

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