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Europa : Dilemma und Strategie

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Bild: Theiss Verlag

Die Erfahrung aus den Weltkriegen lautet, dass gerade der Mangel an internationaler Integration zu Deutschlands Isolation führte. Daher wollen die meisten Deutschen, dass ihr Land in Europa aufgeht. Die Berliner Politik muss nun aber nationale Interessen und internationale Integration sowie Solidarität und Solidität wirklich austarieren.

          Helmut Kohls Antwort auf Margaret Thatchers Anpfiff saß. „Setz dich hin, du großer Deutscher, du machst ja alle ganz nervös“, sagte die Premierministerin. „Ich sitze“, entgegnete der Kanzler - so sah es 1990 eine Karikatur der „Montreal Gazette“. Frau Thatcher selbst meinte in ihren Memoiren: Ein „wiedervereinigtes Deutschland ist schlichtweg viel zu groß und zu mächtig, als dass es nur einer von vielen Mitstreitern auf dem europäischen Spielfeld wäre“. Auch eine europäische Integration sei keine Lösung: „Letztlich wollen die Deutschen, weil sie zu ängstlich sind, sich selbst zu regieren, ein europäisches System errichten, in dem keine Nation sich mehr selbst regiert . . . Die Obsession eines europäischen Deutschlands droht ein deutsches Europa hervorzubringen.“

          Deutsche Hegemonie als Ergebnis der europäischen Integration? Das wäre das Gegenteil der deutschen Erfahrung aus dem Zeitalter der Weltkriege: dass gerade der Mangel an internationaler Integration in die Isolation geführt hat - eines der deutschen Traumata im 20. Jahrhundert. Deswegen sind die Deutschen des beginnenden 21. Jahrhunderts davon überzeugt, dass ihr Land in Europa aufgeht. Längst ist zum geflügelten Wort geworden, dass, wer sich als Europäer bekennt, sich schon als Deutscher enttarnt hat. Dem stehen 7000 Polizisten gegenüber, die Kanzlerin Merkel im Oktober 2012 in Griechenland beschützen mussten. Und auch in manch anderen Äußerungen aus dem nichtgriechischen Europa spiegelt sich ein schlechteres öffentliches Ansehen als das Kaiser Wilhelms II. - ohne Kanonenboot vor Agadir.

          Die halbhegemoniale Stellung Deutschlands

          Die Diskrepanz verweist auf ein Phänomen, das der Historiker Ludwig Dehio kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als die „halbhegemoniale Stellung“ des Deutschen Reiches in Europa nach 1871 bezeichnete: zu schwach, um den Kontinent zu beherrschen, aber zu stark, um sich einzuordnen. Die historische Analyse dieser Konstellation zwischen nationalen Interessen und internationaler Integration kann dazu beitragen, die gegenwärtige Situation in Europa besser zu verstehen.

          “Dieser Krieg bedeutet eine Deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution im vergangenen Jahrhundert.“ So kommentierte der vormalige britische Premierminister Benjamin Disraeli am 9. Februar 1871 vor dem Unterhaus den deutsch-französischen Krieg und die Gründung des Deutschen Reiches: „Das Gleichgewicht der Mächte ist vollkommen zerstört worden.“ Was sein Zerstörer Bismarck fortan freilich tat, war der Versuch, das Gleichgewicht der Mächte in Europa wiederherzustellen und es zu stabilisieren - selbst um den Preis des Verzichts auf weiteren Machtzuwachs in einer Zeit, in der Stillstand als Rückschritt galt. Bismarck leitete das Bewusstsein, dass im Europa nach der Reichsgründung unterschiedliche Maßstäbe galten: Die europäischen Mächte würden dem Reich keinen weiteren substantiellen Machtzuwachs gestatten, den sie für sich fraglos in Anspruch nahmen.

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