Home
http://www.faz.net/-hf2-75cxs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Eurokrise Flucht nach vorn

Nicht das Versagen Griechenlands oder Spaniens ist die Ursache der Krise der Eurozone, sondern die überzogene Marktgläubigkeit der Gründer der Wirtschafts- und Währungsunion. Jetzt ist es höchste Zeit, dass alle aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. An einer Wirtschaftsregierung in der Eurozone und mehr politischer Integration führt kein Weg vorbei.

© action press Vergrößern

Die Defizite Griechenlands sind, wie oft und wider besseres Wissen behauptet wird, keineswegs der ausschließliche Grund für die heutige Krise der Eurozone. Griechenlands Schwierigkeiten waren auch nicht etwa nur ein Missgeschick der EU. Sie brachten vielmehr die Schwächen der bisherigen wirtschaftlichen Steuerung ans Licht und unterstrichen eindringlich die Notwendigkeit einer Neubestimmung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Dass die Krise der Eurozone auch andere Ursachen hat, illustriert unter anderem das Beispiel Spaniens. Obwohl Spanien noch 2006 eine staatliche Verschuldung von lediglich 31 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufwies und das Haushaltsdefizit unterhalb der Schwelle von drei Prozent der Jahreswirtschaftsleistung lag, befindet sich auch dieses Land in einer Krise. Auslöser der Krise in Spanien waren die unbedachte Bautätigkeit, der Einbruch der Immobilienpreise, das Unvermögen der Banken, Kredite einzutreiben, sowie die letztlich unvermeidliche Intervention des Staates zur Rettung der notleidenden Banken und zur Eindämmung der Krisenfolgen.

Die Diskrepanz des Wachstumsniveaus zwischen Nord und Süd, die geringere Wettbewerbsfähigkeit der Staaten der Peripherie der Union sowie die großen Defizite ihrer Außenhandelsbilanzen sind weitaus ernstere Gründe für die wachsenden Schulden der Staaten des Südens als die Unfähigkeit der Politiker. Zwischen 2000 und 2007 lag das durchschnittliche jährliche Defizit der griechischen Handelsbilanz bei 8,4 Prozent des BIP. Das Handelsbilanzdefizit Portugals betrug in jenem Zeitraum im Durchschnitt 9,4 Prozent. Der entsprechende Handelsbilanzüberschuss Deutschlands betrug im gleichen Zeitraum 3,2 Prozent, jener der Niederlande 5,4 Prozent. Um dieses Defizit zu decken, sind die Staaten der Peripherie gezwungen, immer mehr Kredite aufzunehmen. Der Anstieg ihrer Staatsschulden ist der Preis dafür.

Entscheidend hat dazu der einheitliche Zins beigetragen, den die Währungsunion ihren Mitgliedern einbrachte. Der Zins für die Aufnahme von Krediten, der für Griechenland vor dem Beitritt zur Währungsunion zwischen 15 und 20 Prozent lag, sank nach dem Beitritt auf fünf Prozent. Als Folge davon stieg die Nachfrage nach Darlehen stark - und wurde befriedigt. Die Banken aller Unionsländer beteiligten sich an diesem Geschäft, ohne die Risiken zu beachten. Zwar gab es eine gemeinsame Währung und eine Zentralbank, doch eine europäische Aufsichtsbehörde, die zwecks Vermeidung der Überschuldung eines Mitgliedstaates hätte eingreifen können, gab es nicht. Erst 2012 sah man ein, dass es eine Aufsichtsbehörde für die Banken der Eurozone geben müsse.

Die Gefahr der Überschuldung einzelner Mitgliedstaaten der Eurozone war von den Gründern der Wirtschafts- und Währungsunion nicht vorhergesehen worden. Sie glaubten, der freie Kapitalverkehr sowie der Binnenmarkt würden dank der niedrigeren Arbeitskosten in den Staaten der Peripherie auch Investitionen garantieren. Auf diese Weise würde sich Gefälle zu den entwickelten Staaten nach und nach verringern. Dabei übersahen sie, dass sich der Konvergenzprozess nicht innerhalb weniger Jahre abschließen lässt. Auch waren die Gründer fälschlicherweise der Ansicht, dass die Überschreitung einer tolerablen Defizitgrenze in den Zahlungsbilanzen der südlichen Staaten dazu führen werde, dass die Banken die Finanzierung der Importe aussetzten.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Eurokrise EZB erleichtert griechischen Banken Zugang zu Geld

Anleger machen sich wieder mehr Sorgen um Griechenland. Angeblich stellt die Europäische Zentralbank den Banken des Landes einfacher Geld zur Verfügung. Der IWF sorgt sich um Europas Banken insgesamt. Mehr

16.10.2014, 14:21 Uhr | Wirtschaft
Ukraine rückt näher an Europa

Der ukrainische Präsident Poroschenko und die Europäische Union haben ihre Partnerschaft mit einem weiteren Abkommen endgültig besiegelt und werden in Zukunft politisch wie wirtschaftlich enger zusammenarbeiten. Russlands Präsident Putin kritisierte das Abkommen und drohte mit Zöllen. Mehr

27.06.2014, 15:15 Uhr | Politik
EuGH-Verhandlung Wie mächtig darf die EZB sein?

Die Euro-Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank wird vor dem höchsten EU-Gericht verhandelt. Die Kläger machen schwere Vorwürfe. Die Regierungen stehen geschlossen hinter der Notenbank. Mehr Von Philip Plickert, Luxemburg

14.10.2014, 15:58 Uhr | Wirtschaft
Separatisten in Donezk und Lugansk wollen Beitritt zu Russland

Die Europäische Union verhängte unterdessen weitere Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise Mehr

12.05.2014, 22:27 Uhr | Politik
IWF-Tagung Schäuble: Die Wirtschaft läuft besser als ihr Ruf

Finanzminister und Notenbankchefs sorgen sich um die Weltwirtschaft und fordern neue Konjunkturprogramme. Finanzminister Schäuble sieht das anders: Er findet, es läuft gar nicht so schlecht. Mehr

12.10.2014, 10:53 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.12.2012, 17:00 Uhr

Rettet das Saarland

Von Friederike Haupt

Annegret Kramp-Karrenbauer hat keineswegs gefordert, die Zahl der Bundesländer zu minimieren. Sie wollte nur auf die prekäre Finanzlage des Saarlandes hinweisen. Der Schuss ging jedoch nach hinten los. Mehr 5 19